Nein zur Verpolitisierung der Volksschule

Ganz im Schatten der «No-Billag» Abstimmung wird dieses Wochenende noch über eine weitere Vorlage abgestimmt, welche ebenso wichtig ist, die Volksinitiative «Lehrplan vors Volk». Dieses Begehren wird als «Mitbestimmungsinitiative» angepriesen. Der Lehrplan solle künftig vom Kantonsrat genehmigt werden – und damit auch dem Referendum unterstehen. Nur so sei der Lehrplan demokratisch legitimiert und nur so habe das Volk die Möglichkeit, bei der Bildung das letzte Wort zu haben.

«Zu viele Köche verderben den Brei». Genau in dieses Kapitel gehört die vorliegende Volksinitiative. Sie will tief in die heutige Aufgabenverteilung eingreifen. Neu soll in der Kantonsverfassung festgelegt werden, dass im Lehrplan nicht nur die grundlegenden Inhalte des Unterrichts, sondern auch die Ziele der Fächer für jedes Schuljahr festgelegt werden sollen. Diese müssten dann in einem aufwändigen Verfahren festgelegt werden: Der Regierungsrat würde auf Antrag des Bildungsrates den Lehrplan beschliessen, und der Kantonsrat müsste diesen dann genehmigen, worauf eine Volksabstimmung möglich wäre.

Lehrpläne sind an und für sich nichts Neues. Bereits seit Jahrzehnten werden in der Primar- und Sekundarschule Lehrpläne verwendet – es hat bisher einfach kaum jemanden interessiert. In der Schweiz gibt es 21 deutschsprachige und mehrsprachige Kantone. Bisher hatte jeder dieser Kantone sein eigenes Schulsystem und es gab grosse Unterschiede, was die Schülerinnen und Schüler in den jeweiligen Kantonen lernen sollten. Bei einem Wohnortswechsel in einen neuen Kanton gab es stets grosse Schwierigkeiten. Neu werden die Lehrpläne dieser 21 Kantone aufeinander abgestimmt, daher der Begriff «Lehrplan21». Wenn Schulkinder vom Kanton Bern in den Kanton Zürich wechseln, können sie im Unterreicht dort weiterfahren, wo sie zuletzt stehen geblieben sind. Alles regelt der Lehrplan21 aber nicht. Wie etwa die Stundenpläne aussehen oder wie die Noten vergeben werden, ist weiterhin Sache der Kantone und wird in den kantonalen Lehrplänen festgelegt.

Im Kanton Zürich wählen die Stimmbürger alle vier Jahre den Kantonsrat, dieser erlässt das Volksschulgesetz und wählt den Bildungsrat, der für die Inhalte der Bildung zuständig ist. Im Bildungsrat sind Fachleute aus Bildung, Wissenschaft, Berufswelt und der Lehrerschaft vertreten. Dieses Gremium erarbeitet den kantonalen Lehrplan. Anschliessen haben in einem öffentlichen Vernehmlassungsverfahren alle interessierten Gruppen die Möglichkeit, ihre Wünsche und Anregungen einzubringen. Der Bildungsrat, der fachlich und gesellschaftlich breit zusammengesetzt ist, setzt den Lehrplan, der nach diesem Verfahren auf breite Akzeptanz stösst, schliesslich in Kraft. Klare Rollenzuweisung und klare Aufgabenverteilung – so gelingt das Kochen von Lehrplänen – um im Bild zu bleiben.

Was die Initiative hier aber will, ist fröhliches Teamkochen ohne Anleitung, mit ungewissem Ausgang. Es ist mir schleierhaft, wie wir den Lehrplan 21 – er umfasst 506 Seiten – im Kantonsrat durcharbeiten wollen. In den vergangenen Wochen hatte der Kantonsrat das Wassergesetz überarbeitet. Es umfasst rund 33 Seiten Gesetzestext. Zwei Jahre lang hatte in über 50 Kommissionssitzungen die vorberatende Kommission das Gesetz behandelt. Im Kantonsrat waren sechs Ratssitzungen nötig, um das Gesetz zu beraten. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie lange es dauern würde, wenn der Kantonsrat einen 506 Seiten umfassenden Lehrplan beraten soll. Es bräuchte eine Spezialkommission, zusätzliche Sitzungstage – und am Schluss würde der Kantonsrat genau die Arbeit machen, welche heute der Bildungsrat leistet.

Mit dem Erlass eines Lehrplans ist diese Arbeit jedoch nicht für lange Zeit abgeschlossen. Schliesslich müssen Lehrplaninhalte regelmässig den gesellschaftlichen und fachlichen Entwicklungen angepasst werden können – bei jeder Änderung müsste man also wieder diesen Gang durch alle Institutionen antreten. Je nach politischer Grosswetterlage würde dann versucht werden, die Bildungsinhalte der eigenen politischen Haltung anzupassen. Die Verpolitisierung unserer Volksschule wäre nur eine Frage der Zeit. Genau dies will die Volksinitiative und deshalb ist sie auch so brandgefährlich. Sie will die Bildungsinhalte unserer Volksschule mitten in das politische Minenfeld des Zürcher Rathauses zerren! Davor graut mir – und genau weil man das nicht will, hat man den Erlass der Lehrpläne dem sachverständigen Bildungsrat anvertraut.

Selbstverständlich ist ein Lehrplan kein Garant für die Qualität des Schulunterrichts. Entscheidend dafür sind nach wie vor die Lehrpersonen. Sie tragen auch weiterhin die Verantwortung für einen guten Unterricht. Es wird auch in Zukunft darauf ankommen, ob Lehrerinnen und Lehrer ihre Arbeit mit Begeisterung und Leidenschaft leisten, damit es ihnen gelingt, bei den Kindern die Freude am Entdecken und Lernen zu fördern.