Nachdenken im Unterengadin

Ende Juli hatte ich Wandertage im Unterengadin geplant. Die schweren Regenfälle lösten im Val S-charl Erdrutsche aus, welche die einzige Zugangsstrasse verschütteten. So musste ich meine geplante Wanderung vom Unterengadin ins Münstertal absagen. Das Gebiet bietet aber so viele Möglichkeiten, dass ich schnell eine Alternative gefunden hatte.

Am zweiten Tag kaufte ich im Coop in Scoul noch etwas Proviant ein. Ganz selbstverständlich wandte ich mich den Selfscanning-Kassen zu. Ich schätze diese Maschinen, weil ich nicht anstehen muss, um meine wenigen Einkäufe zu bezahlen. Hinter mir diskutierten zwei Frauen so laut, dass ich unweigerlich zuhören musste. Eine Einheimische, dem Dialekt nach, wetterte gegen die Selfscanning-Kassen. Diese würden Arbeitsplätze vernichten, warf sie der Coop-Angestellten an den Kopf. Die Mitarbeiterin verteidigte den Einsatz solcher Automaten, gleichzeitig wehrte sie sich für ihren Arbeitgeber. Es treffe zu, dass im Detailhandel immer mehr Arbeitsplätze abgebaut würden. Dies hätte aber nichts mit den neuen Kassen-Systemen zu tun. Ich hatte meine Einkäufe bezahlt und verpasste so den Schluss der hitzigen Debatte.

Während der folgenden sechsstündigen Wanderung hatte ich genug Zeit, mir den Streit nochmals durch den Kopf gehen zu lassen. Die ältere Frau im Coop hat ja Recht. Aber es ist keine neuartige Erkenntnis. Wenn wir zurückschauen, hat jeder Fortschritt auch Opfer verlangt. Wie verhält es sich nun mit der Digitalisierung? Sicher ist es so, dass diese technische Revolution ein mehr oder weniger verstecktes Rationalisierungsprogramm darstellt. Dies ist aber nicht ein aktuelles Phänomen. In den letzten Jahrzehnten haben wir Arbeitsplätze zuerst nach Südeuropa, dann in den Osten und schliesslich nach Asien verlagert. Dieser Abbau wurde mit den hohen Lohnkosten begründet. So litt auch die im Tösstal stark verankerte Textilindustrie unter den tiefen Gestehungskosten für Textilien aus Asien. Und mit der immer billigeren Ware stieg die Versuchung, statt eines qualitativ hochstehenden T-Shirts zum richtigen Preis gleich mehrere billige «Lümpe» zu kaufen. Diese verschwanden nach kurzem Tragen eh im Kleidersack, womit das ökonomische und ökologische Gewissen wieder beruhigt war.

Kommen wir nochmals zu den Selfscanning-Kassen zurück. Kürzlich berichteten die Medien, dass im Kanton Genf die Detailhändler eine Strafsteuer von 10’000 Franken bezahlen sollen, wenn sie eben solche Selfscanning-Kassen einsetzten. Dieser Betrag soll in etwa dem Monatslohn von zwei Kassiererinnen entsprechen. Coop würde im Kanton Genf für die 181 installierten Automaten über 20 Millionen Franken «Busse» bezahlen. Hochgerechnet auf die ganze Schweiz würden auf der Basis der heute eingesetzten Kassen über 170 Millionen Franken fällig. Ich habe auf den Social-Media-Kanälen versucht, Reaktionen auf die Ankündigung aus Genf zu finden. Unter #gspunne lautete ein Kommentar: «Wie wäre es, wenn man die Dampfloks zurückholt und somit den Heizern wieder einen Job gibt?». Im Blog dasrecht.net war zu lesen: «Ich denke, die Zeit wäre besser investiert, wenn man die Energie in ein bedingungsloses Grundeinkommen stecken würde, anstelle von einer Automatensteuer. Wobei ich mich frage, wieso das Self-Checkout ein Problem sein soll. Was ist mit Verkaufsmaschinen, Ticket- oder Geldautomaten?». Verständlich ist die ablehnende Haltung der Interessengemeinschaft Detailhandel Schweiz. Die IG DHS weist das Ansinnen des Genfer SP-Grossrates ab, weil die Umsetzung einen grossen administrativen Aufwand bedeuten würde. Eine derartige Steuer würde bei den tiefen Detailhandelsmargen und der Entwicklung der Umsätze aufgrund der anhaltenden Frankenstärke erst recht zu einem Stellenabbau führen, so die IG.

Wir sehen immer mehr eine Polarisierung zwischen Onlinern und Offlinern. Dies beschreibt Dr. Joël Luc Cachelin, Gründer der Wissensfabrik (www.wissensfabrik.ch), in seinem Buch Offliner. Je nach Standpunkt ist die Digitalisierung Ausgangspunkt einer intelligenteren Nutzung unserer Ressourcen oder Errichtung einer globalen Überwachungsgesellschaft. Solche Befürchtungen sind berechtigt, vor allem wenn unsere Möbel, Brillen, Zahnbürsten, Autos oder Kleidungsstücke immer mehr vernetzt und so Teil des Internets werden. Auch ich möchte nicht auf die Segnungen des Internets verzichten, denn heute kann ich Personen mit ähnlichen Hobbys kennenlernen, muss ich nicht mehr in dicken Büchern Wissen nachschlagen, weiss ich immer, wann der nächste Zug fährt. Auf der anderen Seite sehen wir aber politische und ökonomische Akteure, die nach der Herrschaft über den digitalen Raum streben. Cachelin identifiziert eine Gegenkultur, die er Offliner nennt. Sie lehnen die Digitalisierung nicht grundsätzlich ab. Vielmehr warnen sie vor den technischen, sozialen, ökonomischen und ökologischen Nebenwirkungen. Offliner wehren sich gegen eine fremdbestimmte Digitalisierung, in der ihre Anliegen und Bedürfnisse keine Bedeutung haben. Offliner wollen nicht digitalisiert werden, sondern sie wollen aktiv an der Ausgestaltung mitwirken.

Ich selber entscheide, wie ich digital leben will. Bin ich Teil von sozialen Netzwerken wie Facebook, LinkedIn oder XING, um nur die für mich wichtigsten zu nennen, oder verzichte ich auf das digitale Zurschaustellen? Will ich einen Browser nutzen, der mein Surfverhalten akribisch verfolgt oder auf dem ich mich wirklich anonym bewegen kann? Schätze ich das unpersönliche ProBon-System oder gebe ich den Grossverteilern für einen sehr, sehr kleinen finanziellen Anreiz mein Kaufverhalten preis? Mitlaufender Onliner oder mitgestaltender Offliner, ich allein treffe die Entscheidung.