Mohrenköpfe oder war Paul Burkhard ein Rassist?

«Au für eus, au für eus rabeschwarze Mohre…» wir alle kennen die Stelle aus der Zeller Wienacht von Paul Burkhard. Daran musste ich natürlich denken, als vor einigen Wochen die Diskussion über das Wort Mohrenköpfe wieder aufkochte. Ein Komitee gegen rassistische Süssigkeiten hat sich dem Kampf gegen dieses Wort verschrieben und den Aargauer Süsswarenhersteller Dubler ins Visier genommen, der wiederum weigert sich standhaft, seine Mohrenköpfe in Schaumküsse umzutaufen. Seither ist ein wahrer Entrüstungssturm über die Schweiz gezogen und es wurde viel Kluges und auch einiges weniger Kluges dazu gesagt. Derweil hat übrigens die Firma Dubler ihren Umsatz mit Mohrenköpfen steigern können.

Als nicht ganz stiller Beobachter sind mir im Lauf der Diskussion einige Dinge aufgefallen: Am meisten überrascht hat mich nicht die Petition, viel mehr aber die Reaktion. Es scheint fast, als stünde der Untergang des Abendlandes bevor, so hoch gingen die Wellen. Die Diskussion ist alles andere als neu und eigentlich auch längst geklärt.

Erstens zum Wort: Im offiziellen Sprachgebrauch wird heute nicht mehr von Mohren geredet, genau so wenig wie von Negern, allerdings gibt es da und dort noch eine Beiz, die so heisst. Paul Burkhard war trotzdem kein Rassist, er hat die zurzeit am häufigsten Begriffe gebraucht,. Übrigens haben auch Frisch und Dürrenmatt von Negern geredet. Wenn ich richtig orientiert bin, wurde der Liedtext der Zeller Wienacht längst geändert. Und so ist es auch mit den Mohrenköpfen. Weder Migros noch Coop benutzen dieses Wort heute noch und auch meine Nachbarin in Winterthur-Seen verkauft ihre Mohrenköpfe als Rewi-Minis. Das Wort hat einen schalen Nachgeschmack. Die in der Schweiz lebende afroamerikanische Musikerin Brandy Butler empfindet das Wort als Schimpfwort.

Zweitens: Warum die plötzliche Liebe zu einem deutschen Wort. Ist es wirklich so ernst? Wo bleibt die Empörung über die Angliszismen, die immer mehr überhand nehmen. Daran scheint sich niemand zu stossen. Die Aufregung in Facebook heisst heute Shitstorm, wenn wir uns abregen, dann chillen wir und unsere Beiträge auf Twitter zeichnen wir mit einem Hashtag aus.

Drittens: Es ist nun mal so, dass unsere Hochsprache reglementiert ist. Dafür sorgen die Schulen, die Medien und die Behörden und auch in Firmen wird auf politisch korrekte Sprache geachtet. So gibt es heute zum Beispiel keine Soldaten mehr, sondern Angehörige der Armee, Lehrer heissen heute Lehrpersonen, Studenten sind Studierende und auch die Endstation wurde abgeschafft. Vieles davon ist unsinnig – dagegen machen kann man nichts und schon eine leise Kritik wird als Rassismus oder Sexismus ausgelegt.

Viertens: und jetzt wird es interessant: Was für die Hochsprache gilt, das gilt noch lange nicht für den Dialekt. Denn hier geht die Post ab. Ich jedenfalls habe noch niemanden am Kiosk einen Schaumkuss kaufen gesehen. Nun ist es nicht so, dass es keine Regeln für den Dialekt gibt – nur kennt sie keiner. Man spricht halt so, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Und hier sträuben sich dann einem gelegentlich die Haare: Ich möchte an dieser Stelle nicht wiederholen, wie der Fleischkäse aus der Dose im Militär heisst. Und gerade sind die publizistischen Wogen wieder hoch gegangen, als der Komiker Bendrit im Trailer zum Kinofilm «Flitzer» eine Idee von Beat Schlatter als «geistig behindert» qualifiziert. Nun, das ist wirklich kein schönes Wort

Und die Moral von der Geschichte: Die Sprache lebt – sie verändert sich und daran sind viele Kräfte beteiligt. Meine Empfehlung an uns alle: Entspannt euch. Und seht genau hin. Manche Neuschöpfungen sind auch originell. Dass sich das lohnt, hat schon Martin Luther bewiesen, der dem Volk bekanntlich aufs Maul geschaut und danach seine famose Bibelübersetzung geschrieben hat. Und ausserdem selber ganz träfe Sprüche gemacht hat: «Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz».

Man freue sich nicht zu früh: Martin Luther war auch ein glühender Antisemit. Aber das ist eine  gänzlich andere Geschichte.