«Mit der Bevölkerung an Perspektiven für Wildberg gearbeitet»

Reto Vannini: «Ob als Adjunkt im Volksschulamt, als Gemeindepräsident in Wildberg oder jetzt als BDP-Wahlleiter in Thun – wichtig ist, dass man sich dort einsetzt, wo man ist.» (Foto: ww)

Reto Vannini war von 1996 bis 2006 im Gemeinderat Wildberg, die letzten acht Jahre dessen Präsident. Unter seiner Ägide wurde unter Einbezug der Bevölkerung ein Leitbild geschaffen, das Wege für die Entwicklung der kleinen Gemeinde aufzeigt. Der 69-Jährige lebt heute in Thun und hat viele positive Erinnerungen an Wildberg.

Reto Vannini lebt seit einigen Jahren in Thun, zusammen mit Ursula Haller, der einstigen Nationalrätin von der BDP und Thuner Gemeinderätin. Von der Wohnung im Stadtzentrum, hoch im fünften Stock, bietet sich eine prachtvolle Aussicht auf das Schloss, auf die Aare, den nahen Niesen und die ferneren Mönch und Jungfrau. Der Blick auf den Eiger ist durch eine bewaldete Kuppe verdeckt. Er überlege sich, einen politischen Vorstoss zu machen, um diese Kuppe abzutragen, damit die Sicht auf den Eiger frei werde, sagt er augenzwinkernd. Und sofort erkennt man jenen Reto Vannini, der Wildberg einst präsidierte – ideenreich und zukunftsorientiert, gelegentlich auch mit einem gewissen Schalk.

Auch elf Jahre nach seinem Rücktritt und dem späteren Wegzug hat er weiterhin vielfältige Verbindungen mit Wildberg und ist am Geschehen in der Gemeinde unvermindert interessiert.

«Wildberg wollte eine Veränderung»

Als Zuzüger wurde Reto Vannini 1994 in den Gemeinderat Wildberg gewählt. Er, der einstige Aktivist der 68er-Bewegung, kam hier in der SVP-dominierten Gemeinde trotz seiner linksgrünen Haltung gut an. Vier Jahre später erkoren ihn die Wildberger in einer Kampfwahl gegen einen SVP-Kandidaten sogar zum Gemeindepräsidenten. «Es lag nicht nur an meiner Person, sondern daran, dass die Bevölkerung einfach eine Veränderung wollte», sagt er. Sein damaliger Gegenkandidat hätte die Sache wohl ebenso gut gemacht wie er.

Arbeit an der Zukunft der Gemeinde 

Im Gemeinderat stiess seine Idee, ein Leitbild zu erarbeiten, auf offene Ohren. Zusammen mit Schule, Kirche, RPK und zahlreichen interessierten Bürgerinnen und Bürgern wurde das Positionspapier «Wildberg konkret – unser Weg in die Zukunft» erarbeitet. «Die darin formulierten Ideen bildeten ab 1999 für die Behörden eine wertvolle Arbeitsgrundlage», sagt Reto Vannini. Ihm sei es wichtig gewesen, die Bevölkerung in diese Diskussionen einzubeziehen, sei es doch um eine Weichenstellung für die Entwicklung der kleinen Gemeinde gegangen.

Auch Vanninis letzte Amtshandlung im Jahre 2006 war der Zukunft gewidmet. Er organisierte einen gutbesuchten Workshop und stellte seine Thesen zur Diskussion. Die wichtigste lautete «Wildberg ist dann lebenswert, wenn wir bereit sind etwas dafür zu tun.» Noch heute wird er von Leuten aus Wildberg auf seine Leitbilddiskussionen angesprochen.

Gefreutes und weniger Gefreutes

Reto Vannini blickt positiv auf sein Wirken in Wildberg zurück. «Es war eine spannende Zeit, ich musste viel lernen, spürte aber stets echtes Vertrauen und Wertschätzung.» Manchmal sei er mit seinen Ideen auch angeeckt. «Das kannst du hier in Wildberg nicht ganz so einfach machen», habe Gemeindeschreiber Heinz Schwender, der ihm während der ganzen Amtszeit ein sehr zuverlässiger Begleiter war, vielfach ausgerufen.

Dass er mit den Leitbildern eine Grundlage für die Zukunft von Wildberg gelegt hat, betrachtet er als seinen grössten Erfolg. Als herbe Niederlage empfand er die Ablehnung des Entwicklungsprojekts Ehrikon durch die Gemeindeversammlung.

«Noch heute bin ich überzeugt, dass das eine gut Sache gewesen wäre», betont er. Er verweist auf das Nachfolgeprojekt mit der Einzonung beim Schützenhaus Wildberg. «Diese Überbauung empfinde ich zwar nicht als Augenweide und sie ist dem dörflichen Charakter Wildbergs wenig zuträglich, aber immerhin ist etwas passiert.»

Geärgert hat sich Vannini, wenn gut durchdachte Anträge mit billigen Schlagworten statt mit sachlichen Argumenten bekämpft wurden. Meist dominierte aber das Gefreute, so auch als er mithelfen konnte, aus der banalen Wildberger Chilbi eine attraktive «Wildbergete» zu machen.

Biberfladen vom Ehriker Beck

Beruflich war Vannini, der einstige Sekundarlehrer, beim Kanton angestellt und zwar als Adjunkt beim Volksschulamt. Diese Kaderposition bot ihm gute Verbindungen zu kantonalen Chefbeamten und zu Regierungsräten. Hat er auf dieser Ebene für Wildberg lobbyiert? Vannini lacht und sagt, man soll den Ehriker Beck fragen, wie viele Biberfladen er gekauft habe. Sie alle hätten den Weg in Büros der kantonalen Verwaltung gefunden. Zweifellos habe seine Nähe zu Regierung und Verwaltung dem einen oder anderen Projekt geholfen.

In Thun Wiedereinstieg in die Politik

Vanninis Wirkungskreise sind kontrastreich: Der Berufsalltag im hektischen Zürich, parallel dazu das Leben und Politisieren im ländlich-beschaulichen Wildberg. Und dann der Wegzug ins behäbig-gemütliche Thun. «Ich habe getan, was jeder Mensch tun sollte, nämlich sich dort eingeben, wo er ist.» In Thun sei er mit offenen Armen empfangen worden. Natürlich sei die Verbindung mit Ursula Haller, mit der er sich 2009 verheiratete, beste Voraussetzung dazu gewesen, lacht er. Er wurde so gut aufgenommen, dass er hier wieder in die Politik einstieg.

Während seine Frau in der Regierung sass, zog er bei den Neuwahlen 2010 überraschend ins Stadtparlament ein. Mittlerweile war er der BDP beigetreten, dies im Wissen, dass er – im Gegensatz zu seiner Partnerin – auf dem linken Parteiflügel politisieren werde. Nachdem Ursula Haller 2014 sowohl als Nationalrätin wie als Gemeinderätin zurückgetreten war, beendete auch Reto Vannini 2015 sein politisches Amt. Gemeinsam unternahmen sie eine weite Reise von Lettland über Russland, die Mongolei und China bis nach Usbekistan, der Seiden-
strasse entlang.

Werte pflegen – aber offen sein für Neues

Reto Vanninis Lebensleitbild basiert auf humanistischer Gesinnung. Einerseits setzt er sich ein für erhaltenswerte traditionelle Werte. Aber – und dieses aber betont er sehr: «Man muss stets offen sein für Veränderungen, muss andere Ansichten respektieren und muss aktiv auf Neues zugehen.» Man dürfe nicht im Kleinen behaftet bleiben.

Dies kommt auch in seiner Haltung zu aktuellen Fragen zum Ausdruck. Als ehemaliger Lehrer hat ihn der Zürcher Entscheid zugunsten von zwei Fremdsprachen in der Primarschule gefreut und im Lehrplan 21 sieht er eine echte Chance.

Überrascht und enttäuscht war er hingegen, als er hörte, dass Wildberg kürzlich die Schulfusion mit Wila und Turbenthal abgelehnt habe. «Was ist denn da passiert?» fragte er sich. Für ihn wäre das ein zukunftsweisendes und für die Wildberger Schulen sehr sinnvolles Projekt gewesen.

«So wie mir das Mitgestalten in Wildberg gefiel, so macht mir auch das Wirken hier in Thun jeden Tag Freude», sagt er. Zurzeit ist er als Wahlleiter der BDP des Kantons Bern besonders gefordert. Bald aber gehe es wieder auf Reisen, Russland oder vielleicht auch die USA, man sei noch in der Planung.

EINST IM RAMPENLICHT
Einst populäre Persönlichkeiten, die im Tösstal eine Rolle spielten, sind von der öffentlichen Bildfläche verschwunden. Was machen diese Leute heute, wie denken sie über ihr damaliges Wirken und die heutige Welt? Der «Tössthaler» hat einige Frauen und Männer herausgegriffen und mit ihnen Gespräche geführt. Heute mit Reto Vannini, dem einstigen Gemeindepräsidenten von Wildberg.