Mit dem Velo von Schlatt ans Schwarze Meer

Jakob und Käthi Rüesch starteten Ende April 2016 in Schlatt zu ihrer Donauradtour (Fotos: zVg)

Am Seniorennachmittag vom Donnerstag, 20. April, erzählten Käthi und Jakob Rüesch in einem Bildvortrag von ihrer Veloreise von der Quelle der Donau bis ans Schwarze Meer und zurück.

Die Alterskommission Schlatt hatte wieder einmal eine glückliche Hand, indem sie Käthi und Jakob Rüesch dazu gewinnen konnte, über ihr Abenteuer zu referieren. Das Thema hat gegen fünfzig Interessierte in den Gemeindesaal Schlatt gelockt, so dass man noch zusätzliche Stühle heranschaffen musste. In einem gut einstündigen Vortrag präsentierten die beiden Weltenbummler in Wort und Bild ihre Reise, die dreieinhalb Monate gedauert und über 5000 Kilometer geführt hat. Obwohl sich vor allem Käthi Rüesch auf dem Velosattel bedeutend wohler fühlt als vor Publikum, meisterten die beiden Schlatter die Aufgabe mit Bravour. Gebannt folgten die Zuhörer ihren Ausführungen und in schneller Bilderfolge bekamen sie einen Eindruck von den Facetten dieser Reise.

Ein eingespieltes Veloteam

Augenfällig war sofort, dass hier ein eingespieltes Team am Werk ist, nur so sind solche Leistungen möglich. Zudem bewegten sich die beiden nicht auf Neuland, sondern haben grosse Routine und Erfahrung, was lange Reisen mit dem Fahrrad betrifft. Es ist nämlich bereits ihr sechstes Veloabenteuer. Auf den Geschmack kamen sie im Jahre 2000 bei einer Reise durch die Nord- und Südinsel von Neuseeland. Als Pensionäre hatten sie dann keinen Zeitdruck mehr und konnten sich an weitere Velotouren wagen. So hatte Jakob Rüesch die Idee, fast wie seinerzeit Kolumbus zur See, mit dem Velo nach Westen aufzubrechen und von Osten her heimzukehren. Das ergab im 2005 ihre Südeuropareise nach Portugal, Marokko und zurück über Italien und Kroatien. Darauf folgte drei Jahre später ihr bis anhin grösstes Unternehmen, das sie über Polen nach Skandinavien und Grossbritannien führte. Die Reise dauerte ein halbes Jahr und war über 10’000 Kilometer lang.

Das Highlight ist nach wie vor die Amerikareise, als sie im Jahre 2011 von Kanada entlang der Westküste Nordamerikas bis nach Mexiko radelten. Im 2013 folgte eine Reise über Frankreich nach Irland und zurück. Wie Jakob Rüesch betont, war es ihnen wichtig, wenn möglich in Schlatt zu starten und auch wieder dorthin mit dem Velo zurückzukehren. Auch wenn sie auf ihren Reisen viel erlebt und gesehen haben, sind sie immer gerne in ihre traute Heimat zurückgekehrt, zu Haus und Garten, zur Familie, Freunden und Bekannten. Lange hält es sie aber dort nicht, denn vor allem Käthi Rüesch ist ein «Nestflüchter», so dass im Dreijahresrhythmus neue Projekte ins Auge gefasst werden.

Auf dem Donauradweg zum Donaudelta

Am 28. April 2016 brachen Käthi und Jakob Rüesch zum Donauabenteuer auf, bis zum Rhein begleitet von ein paar Familienangehörigen. Natürlich braucht eine solche Reise durch zehn verschiedene Länder eine gewisse Vorbereitung, wobei sich die beiden aufs Nötigste beschränkt haben: robuste Fahrräder, Veloführer, Campingausrüstung, Kleider für kaltes, warmes und nasses Wetter, Geld in verschiedenen Währungen. Sie haben aber keine Übernachtungen vorausgebucht, sondern suchten spontan einen Campingplatz, ein Zimmer oder vor allem in den Städten eine Herberge oder ein Hotel. Sie meisterten je nach Lust und Laune etwa 60 Kilometer im Tag. Die Kosten hielten sich in Grenzen, da die Preise in diesen östlichen Ländern sehr tief sind.

Die Veloroute «Eurovelo 6» war anfänglich gut markiert, im Osten wurde die Orientierung aber schwieriger und ohne Veloführer wäre man verloren gewesen. Der Radweg war unterschiedlich beschaffen, von sehr gut bis sehr schlecht. Oft führte er durch kupiertes Gelände weg vom Fluss, manchmal ging es über Stock und Stein und durch Schluchten. Die Reisenden mussten Hindernisse (gestürzte Bäume) überwinden, Löchern ausweichen oder kamen vor abgerutschten Strassen zum Stehen. Am meisten zu schaffen machte ihnen aber die grosse Hitze im Sommer, da wäre ein Regenguss sogar willkommen gewesen.

Begegnungen mit Mensch und Natur

Natürlich wollten Käthi und Jakob Rüesch nicht nur Kilometer abspulen. Die schönsten Erlebnisse waren für sie die vielen Begegnungen mit Menschen. Trotz Sprachschwierigkeiten – die meisten Leute sprachen keine Fremdsprache und hatten noch nie etwas von der Schweiz gehört – kamen sie in Kontakt mit Einheimischen. Sie wurden gastfreundlich empfangen und mit ein paar Brocken Englisch oder mit Gesten konnte man sich trotzdem verständigen. Grosses Interesse zeigten die beiden Schweizer, die in Oberschlatt während 30 Jahren einen Bauernbetrieb geführt hatten, für die Landwirtschaft. Vor allem in Rumänien und Bulgarien leben viele Leute auf dem Land in ärmlichen Verhältnissen, geprägt von viel Handarbeit, von Kleintierhaltung zur Selbstversorgung und von Fuhrwerken, die von Pferden oder Eseln gezogen werden. Daneben gibt es aber auch grossflächige Bauernbetriebe mit modernem Maschinenpark.

Begegnung mit einem Pferdefuhrwerk und spielenden Kindern unterwegs
Begegnung mit einem Pferdefuhrwerk und spielenden Kindern unterwegs

Die Liebe zur Natur offenbart sich in den vielen schönen Bildern von Blumen, Pflanzen, Feldern und Wiesen. Sie begegneten diversen Tieren und wurden begleitet vom Gesang der Nachtigall und dem Gequake von Fröschen. Sie besuchten idyllische Dörfer und Städte, bewunderten historische Bauten wie Schlösser, Klöster oder Kirchen. Hie und da gönnten sie sich aber auch einen oder zwei Tage, um Sehenswürdigkeiten zu entdecken. Das Donaudelta erkundeten sie auf einem Bootsausflug. Am Schwarzen Meer werden sie für die Strapazen der langen Reise mit einem Bad im warmen Meer entschädigt.

Rückkehr über Italien

Es würde zu weit führen, die Rückreise im Detail zu beschreiben. Auf jeden Fall hatten die beiden noch nicht genug vom Radfahren. Vor allem Käthi Rüesch möchte eher noch Umwege machen, als auf direktem Weg nach Hause zurückzukehren. Nachdem sie mit Bus, Flugzeug und Fähre nach Dubrovnik gelangt waren, radelten sie der Adriaküste entlang nach Slowenien, über Hügel und Pässe ins Südtirol, über den Brenner ins Tirol. Anstatt von Landeck den kürzesten Weg nach Schlatt zu nehmen, machten sie noch einen Abstecher ins Engadin und überquerten den Albulapass. Am 14. August wurden sie von ihren Lieben in Schlatt empfangen, mit 5400 Kilometern in den Beinen, voll toller Erlebnisse und stolz auf ihre Leistung. Man kann gespannt sein, ob mit zunehmendem Alter nochmals eine grosse Reise möglich ist und wohin ihr nächstes Abenteuer dann führen wird.