Mehr als ein geographischer Begriff?

Die Töss, hier bei Wila, ist das verbindende Element dieses Tales (Foto: Archiv tth)

Die Töss durchfliesst auf ihrer Reise von der Quelle im Tössbergland bis zur Mündung in den Rhein vier Bezirke. Wenig verwunderlich also, dass die Gemeinden im Einzugsbereich des «Tößthalers» (hier sind es drei Bezirke) verschieden ausgerichtet sind. Aber kann man von so etwas wie einem Röstigraben sprechen?

«Das Tösstal hört für mich in Saland auf.» Dieses doch etwas krasse Zitat stammt von einer Bewohnerin der Gemeinde Wila, die erklärte, sie interessiere sich nicht für die Gemeinde Bauma. Anderseits ist auch bekannt, dass Leute aus dem oberen Teil des Tales sagen, ihnen sei der untere Teil egal. Gibt es denn in diesem von auswärtigen Besuchern oftmals als eng empfundenen Tal so etwas wie einen Röstigraben, wie jene imaginäre Grenze zwischen Romandie und Deutschschweiz? Von einem solchen zu sprechen, wäre vermutlich etwas übertrieben. Aber die Interessen und Ausrichtungen in den einzelnen Gemeinden unterscheiden sich in gewissen Bereichen schon ein wenig.

Die oberste Gemeinde im Tösstal ist Fischenthal. Sie gehört zum Bezirk Hinwil und ist deshalb politisch eher nach Wald, Hinwil und Wetzikon ausgerichtet. Laut Auskunft des langjährigen Gemeindeschreibers Werner Wettstein fährt der obere Gemeindeteil zum Einkaufen vornehmlich nach Wald und Rüti, der untere nach Bauma oder Wetzikon. Geteilt ist Fischenthal auch bei die Gemeindegrenzen überschreitenden Zusammenarbeiten. Talabwärts bestehen mit Bauma Kooperationen beim Zivilstandsamt, bei der Altersheimführung (ehemals Spital Bauma), bei der Kläranlage sowie bei der Netzverbindung der Wasserversorgung. Mit Wald zusammen hat Fischenthal das Gemeindeammann- und Betreibungsamt, die Spitex und den Zivilschutz. Die Schule Gibswil wird durch die Schulgemeinde Wald betreut. Bezüglich Wasserversorgung besteht im oberen Gemeindeteil eine Netzverbindung mit der südlichen Nachbargemeinde.

Bauma ist wie Wila und Wildberg Teil des Bezirkes Pfäffikon. Die Gemeinde sei mit dem ÖV und der Strassenanbindung sehr gut aufgestellt, findet der langjährige Gemeindeschreiber Bruno Bähler. Deshalb gehe es praktisch in alle Richtungen. «Das Tösstal ist dabei ebenfalls attraktiv.» Allerdings sei das Ladenangebot in Bauma sehr gut, sogar Bäretswiler kämen, um hier einzukaufen. Eine Rolle beim Verhalten spiele sicher auch der Arbeitsort, oder für Neuzuzüger allenfalls ein früherer, naher Wohnort.

Über die Bezirksgrenze

Bereits dem mittleren Tösstal zugeordnet wird die Gemeinde Wila. Obwohl sie zum Bezirk Pfäffikon gehört, ist sie eher talabwärts orientiert. So bestehen auf verschiedenen Ebenen Zweckverbände mit der im Bezirk Winterthur liegenden Nachbargemeinde Turbenthal, etwa bei der Feuerwehr, bei der Pflege und Betreuung, der Katholischen Kirche oder beim Schwimmbad. Das Notariat und Grundbuchamt Turbenthal ist auch für die Gemeinde Wila zuständig. Die geplante Fusion der fünf Schulgemeinden von Turbenthal, Wila und Wildberg scheiterte zwar im vergangenen Herbst, doch ist dieses Thema sicher noch nicht definitiv vom Tisch.

Dagegen ist das Gemeindeammann- und Betreibungsamt, das im Gemeindehaus Wila untergebracht ist, zuständig für Bauma, Wila und Wildberg. Die Zusatzleistungen AHV/IV werden über die Gemeindeverwaltung Bauma abgewickelt, der Zivilstandskreis umfasst Bäretswil, Bauma, Fischenthal und Wila, der Friedensrichter wohnt in Bauma, und Wila bildet zusammen mit Bauma ein Forstrevier. Müssen Leute, die diese Dienste beanspruchen, also das Tal verlassen?

Eine Sonderstellung nimmt sicher die Gemeinde Wildberg ein. Sie liegt auf einer Anhöhe oberhalb des Tösstals und man kann sich fragen, ob sie diesem noch zugerechnet werden kann. Wildberg ist aber traditionell dem Tösstal zugewandt. Das zeigt sich beispielsweise in der gemeinsamen Sekundarschulgemeinde mit Turbenthal, beim Feuerwehr- und beim Schwimmbadverband, bei der Katholischen Kirche oder bei Pflege- und Betreuung. Jedoch ist die Gemeinde Wildberg am Spital Uster beteiligt, und das Abwasser von Ehrikon wird Richtung Russikon abgeleitet.

«Mit Bauma und Hittnau verbindet uns überhaupt nichts», meint Bruno Pfenninger, ein Kenner Wildbergs. Dies obwohl es gemeinsame Grenzen gibt. Bezüglich Einkaufsgewohnheiten und auch was den Ausgang anbelangt, sind die Wildberger eher Richtung Turbenthal und die Stadt Winterthur (oder dann gleich Zürich) ausgerichtet, teilweise vielleicht nach
Fehraltorf.

Die Nähe der Stadt

Die unteren Gemeinden im Tösstal, Turbenthal und Zell, richten sich «naturgegeben» nach Winterthur aus. Der Bezirkshauptort ist nur wenige Kilometer entfernt und bietet ein vielfältiges Angebot in Sachen Einkaufsmöglichkeiten und Kultur. Wie auch für Wila ist für sie das Kantonsspital Winterthur erste Anlaufstelle, wenn es um die gesundheitliche Versorgung geht. Bezüglich Alters- und Pflegeheimen bilden Zell und Turbenthal mit Wila und Wildberg eine Interessengemeinschaft. Aufgrund ihrer Grösse und ihrer Einwohnerzahl hat die Gemeinde Zell aber beispielsweise eine eigene Feuerwehr und eine eigene Spitex.

Noch eine Spur spezieller als jene von Wildberg ist die Lage von Schlatt. Die kleine Gemeinde auf dem Hügelzug zwischen Töss- und Eulachtal gehört wie Turbenthal und Zell zum Bezirk Winterthur, und die Stadt ist sehr nah. Mit dem Tösstal bestehen eher wenige Berührungspunkte. Immerhin ist Schlatt dem Verein Pro Zürcher Berggebiet angeschlossen. Ansonsten orientiert sich Schlatt klar Richtung Eulachtal. Vor allem mit der Gemeinde Elsau bestehen Verbindungen (Oberstufe, Feuerwehr), und die Reformierte Kirchgemeinde arbeitet eng mit jenen von Elsau und Elgg zusammen.

Ein Fest, das verbindet

Bezüglich Freizeitverhalten der Tösstaler Bevölkerung geben sich die angefragten Auskunftspersonen zurückhaltend. Hierzu müsste vermutlich eine Umfrage gestartet werden. Generell hat sich dies im Lauf der Jahre sicher stark verändert. Man ist heute mobiler, auch dank besseren Zugsverbindungen oder dem Nachtbus. Da sind Leute, die den Ausgang geniessen wollen, schnell einmal auch an Orten mit einem vielfältigeren Angebot. Ein ehemaliger Fischenthaler Gemeinderat hat sogar gehört, dass junge Tösstaler auch mal auf die andere Seite des Zürichsees in den Ausgang gehen.

Wie unschwer erkennbar ist: Es gibt Berührungspunkte zwischen einzelnen Gemeinden, auch über die Bezirksgrenzen hinaus. Doch scheinbar führen die nicht unbedingt dazu, dass sich die Bevölkerung für die Belange der anderen Gemeinden interessiert. Die Natur kümmert sich nicht darum: Seit Jahrhunderten fliesst die Töss durch dieses Tal, das sie mitgestaltet und dem sie den Namen gegeben hat. Von ihr leitet sich auch der Name der Lokalzeitung ab, die ebenfalls verbindend wirken möchte.

Und gerade gab es doch noch etwas Anderes, das die Tösstaler irgendwie verband. Am Kantonalen Turnfest 2017 in Rikon arbeiteten die Turnvereine von Bauma bis Winterthur-Seen eng zusammen, auch jene von Schalchen-Wildberg und Schlatt. Unter dem Titel KTF 2017 Tösstal. Also ein Fest, das die Bewohner des Tales verbindet. So wie die Töss.

EIN TÖSST(H)ALER
Auf sechs Jahre Primarschule in Neubrunn folgten drei Jahre Sekundarschule in Turbenthal. Dort absolvierte ich auch meine dreijährige Lehre, nach der ich rund zehn Jahre in Bauma und darauf nochmals gut drei Jahre in Turbenthal arbeitete. Zurück von einer mehrmonatigen Reise rund um die Welt fand ich eine Anstellung in Rikon, also in der Gemeinde Zell. Während all dieser Zeit fühlte ich mich nicht primär als Turbenthaler, sondern als Tösstaler. Dies änderte sich auch nicht, als ich für etwa neun Jahre meine Arbeitsorte in die Kantone Thurgau und St. Gallen verlegte. Dabei bin ich strenggenommen (mindestens geographisch) gar kein Tösstaler. Die Bäche meines Wohnorts Seelmatten streben ja via Lützelmurg und Murg der Thur zu.
Seit nunmehr über sechs Jahren bin ich auch «arbeitstechnisch» zurück im Tösstal. Zuerst in Turbenthal, jetzt in Saland. Tätig für eine Zeitung, die sich «Der Tößthaler» nennt. Und die seit dem Besitzerwechsel über das ganze Tösstal berichtet, nicht wie vorher nur über den unteren Teil. Was ich als Tösstaler sehr begrüsse. Selbst wenn für einen Fischenthaler vielleicht nicht sonderlich massgebend ist, was in Kollbrunn geschieht. Oder jemand aus Turbenthal findet, Bauma sei eine andere Welt: Den obersten und den untersten Teil des Tösstals trennen nicht einmal 30 Kilometer. Das ist doch heute keine Distanz mehr.
Die Töss ist das verbindende Element dieses kleinen Tales, das sogar eine eigene Lokalzeitung beherbergt. Willkommen im Tösstal. Willkommen beim «Tößthaler».

Albert Büchi
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