Mammutprojekt für sauberes Töss-Grundwasser

Eine neue Leitung wird die Abwässer vom Tösstal direkt nach Winterthur abführen (Foto: 1a Luftaufnahmen)

Um die erstklassige Qualität des Töss-Grundwassers auch in Zukunft zu bewahren, plant der Kanton Zürich Investitionen von 90 Millionen Franken, verteilt über einen Zeitraum von 25 Jahren. Bis 2035 soll das Abwasser aus dem Tösstal über eine neue Leitung, die durch den Eschenberg hindurchführt, in die  Abwasserreinigungsanlage Hard in Winterthur-Wülflingen geleitet werden. Für die Bewirtschaftung der Abwässer aus dem Tösstal und der Stadt Winterthur werden die beteiligten Gemeinden und die Stadt Anfang 2019 über den Beitritt zur «Gemeinsamen Anstalt Regionale Abwasser-entsorgung Tösstal» entscheiden. Diese Anstalt wird den Auftrag haben, das Projekt zu realisieren. Die Gemeinden Fischenthal, Bauma, Wila, Turbenthal, Zell, Weisslingen sowie die Stadt Winterthur planen, per 1. Januar 2020 diese gemeinsame Anstalt mit eigener Rechtspersönlichkeit und Sitz in Zell zu gründen.

Die Zeller Gemeinderätin und Werkvorsteherin Susanne Stahl ist Präsidentin des Steuerungsausschusses für dieses Jahrhundertprojekt. «Der Tößthaler» hat sie zu diesem Vorhaben befragt.

Worum geht es, kurz erklärt, beim Projekt «Abwasserfreie obere Töss»?

Dieses Projekt sieht vor, das Töss-grundwasser zu schützen, welches rund 200’000 Menschen mit Trinkwasser versorgt. Das gelingt am besten, wenn im Tösstal keine Kläranlagen mehr betrieben werden. Die Herausforderung an die Kläranlagen ist die Eliminierung der Mikroverunreinigungen. Dazu gehören Pflanzenschutzmittel, Biozide, medizinische Produkte wie Schmerzmittel und Antibiotika oder Inhaltsstoffe von Kon-sumentenprodukten wie Körperpflege- und Reinigungsmittel. Viele dieser Stoffe sind schwer abbaubar, passieren die Abwasserreinigungsanlagen (ARA) unverändert und können, wie im Tösstal, ins Trinkwasser gelangen. Studien haben gezeigt, dass es wirtschaftlicher ist, Kläranlagen mit einem grossen Einzugsgebiet aufzurüsten, um die Mikroverunreinigungen zu beseitigen. In unserem Fall ist dies die ARA Hard in Winterthur, die zweitgrösste Kläranlage im Kanton Zürich. Momentan sind im Tösstal noch zwei grössere Kläranlagen in Betrieb, die ihr Klärwasser direkt oder über einen Bach in die Töss leiten: in Bauma und in Weisslingen. Das Projekt sieht vor, dass diese Gemeinden in Zukunft ihr Abwasser ebenso wie die anderen Tösstaler Gemeinden über eine gemeinsame Sammelleitung direkt in die ARA Hard schicken. Dazu wird es grössere Investitionen brauchen. Der Sammelkanal, der durch das Tösstal führen wird, muss im oberen Teil ab Bauma neu gebaut und im bestehenden unteren Teil ab Wila vergrössert werden. Das Abwasserpumpwerk in Sennhof muss auf die neuen Abwassermengen ausgerichtet werden. Oder – als Variante – durch eine Leitung durch den Eschenberg ersetzt werden. Dies alles erfordert eine sehr langfristige Planung, die Leitungen können nicht alle 20 Jahre neu angepasst werden. Ziel dieses Projektes ist die Rechts-, Planungs- und Kostensicherheit. Wenn sich jetzt alle Gemeinden dazu entschliessen, die Töss abwasserfrei zu machen, können die nächsten Schritte auf einer klaren Basis angegangen werden.

Sechs Gemeinden und die Stadt Winterthur schliessen sich per 1. Januar 2020 zur gemeinsamen «Anstalt Regionale Abwasserentsorgung Töss-tal» zusammen. Welche Befugnisse wird diese Anstalt haben?

Die öffentlich-rechtliche Gemeinsame Anstalt wird sich um alle Belange der heutigen und zukünftigen gemeinsamen Abwasseranlagen kümmern, wirtschaftlich, umweltfreudlich und gesetzeskonform. Alle Gemeinden werden sie gleichberechtig führen. Deren Behörden stellen sowohl den strategischen Aufsichtsrat wie auch den operativen Verwaltungsrat. Sie wird einen eigenen Finanzhaushalte führen. Die Kosten dieser Anlagen werden auf die einzelnen Gemeinden verursachergerecht aufgeteilt. Die kommunale Abwasser-entsorgung wird weiterhin Aufgabe der einzelnen Gemeinden bleiben. Die Gemeinsame Anstalt ist im Prinzip der Garant dafür, dass die Gemeinden ihre Aufgaben für die gemeinsam genutzten Anlagen auf lange Sicht einfach koordinieren können: rechtlich, planungstechnisch und finanziell.

Haben die Stimmberechtigten nichts zur Schaffung dieser Anstalt zu sagen?

Selbstverständlich werden sie. Die Unterlagen werden jetzt in den einzelnen Gemeinden geprüft und allenfalls noch präzisiert. Der Plan ist, dass im Frühjahr 2019 die Stimmberechtigen an der Urne über diese Gemeinsame Anstalt abstimmen. Sie wird nur realisiert werden, wenn alle Gemeinden zustimmen. Vorab werden sich die Stimmberechtigten an Informationsveranstaltungen und / oder an vorberatenden Gemeindeversammlungen ausführlich über das Projekt informieren können. 

Für die Realisierung des Projekts werden Investitionen von 90 Millionen Franken über eine Zeit von 25 Jahren nötig sein. Hat man sich bereits über einen Verteilschlüssel zwischen Kanton, Stadt Winterthur und Gemeinden geeinigt?

Die fachgerechte Entsorgung des Abwassers ist und bleibt Aufgabe der Gemeinden. Auch die Investitions- und Unterhaltskosten für den Hauptabwasserkanal und Kläranlagen auf den jeweiligen Gemeindegebieten. Im Tösstal hängen wir alle buchstäblich an einem Strang. Je mehr oben zugeführt wird, desto teurer wird der Abwasserkanal weiter unten. Dazu braucht es einen verursachergerechten Kostenteiler, damit nicht die Untersten die Gesamtkosten alleine tragen müssen. Der Bau des Eschenbergtunnels wird auf rund 35 Millionen Franken geschätzt. Er ist eine Möglichkeit, das Pumpwerk Sennhof zu ersetzen, lohnt sich finanziell aber nur, wenn Bauma ab 2035 sein Abwasser ebenfalls nach Winterthur schickt. Der Kanton wird sich vermutlich an den Investitionskosten für den Eschenbergtunnel beteiligen – eine konkrete Zusage ist noch nicht erfolgt. Die Stadt Winterthur hat bereits einen Betrag von 11 Millionen Franken an den Eschenbergtunnel zugesichert. Die restlichen Kosten des Tunnels sowie auch die weiteren notwendigen Erweiterungsbauten im Tösstal werden die angeschlossenen Gemeinden verursachergerecht mitfinanzieren.

Was bedeutet die Schaffung der Anstalt für die Gemeinden finanziell?

Zuerst muss klargestellt werden, dass es keine Steuergelder betrifft, sondern die Abwassergebühren. In den kommenden Jahren wird sich wegen der Gemeinsamen Anstalt gar nichts ändern. Für die Zukunft wurden verschiedene Szenarien berechnet. Alle zeigen auf, dass die vollständig abwasserfreie Töss mit dem Eschenbergstollen langfristig die günstigste aller Varianten ist. Finanziell wird daher die Schaffung der Gemeinsamen Anstalt für die Gemeinden aus heutiger Sicht nur Vorteile bieten, von Fischenthal bis Winterthur.

Das Projekt sieht den Bau einer neuen Abwasserleitung vom Tösstal unter dem Eschenberg nach Winterthur vor: Werden die betroffenen Tösstaler Gemeinden über Jahre mit Baustellen zu rechnen haben?

Der Bau der Abwasserleitung unter dem Eschenberg tangiert die Tösstaler Gemeinden überhaupt nicht. Baustellen wird es aber im Bereich der jetzigen Abwasserleitung geben, unabhängig davon, ob die Gemeinsame Anstalt realisiert wird oder nicht. Spürbar wird dies aber nur in den Bereichen, wo die Abwasserleitung in der Tösstalstrasse geführt wird, und dies ist nicht überall so. Die Abwasserleitung darf nicht verwechselt werden mit den Meteorwasserleitungen, deren Dolendeckel man am Strassenrand sieht. Diese sammeln das Regenwasser, welches nicht der Kläranlage zugeführt wird.

INFOS ZUM PROJEKT
Heute fliesst das gereinigte Abwasser aus den zwei Tösstaler Abwasserreinigungsanlagen (ARA) in Bauma und Weisslingen in die Töss. Problematische Stoffe im gereinigten Abwasser könnten ins Grundwasser gelangen und langfristig seine Qualität beeinträchtigen. Käme es so weit, müsste das Grundwasser fortan gereinigt werden, bevor es ins Trinkwassernetz fliesst. Aus diesem Grund sind die Gemeinden des Tösstals, die Stadt Winterthur und das kantonale Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (AWEL) übereingekommen, die ARA Weisslingen und Bauma mittel- bis langfristig stillzulegen. Das Abwasser soll ab 2035 in einer neuen, grossen Leitung direkt in die Abwasserreinigungsanlage Hard nach Winterthur fliessen und dort gereinigt werden. Diese Grossanlage verfügt über die nötigen Kapazitätsreserven und reinigt wie alle grossen Anlagen besonders zuverlässig und kostengünstig. Bis 2025 wird sie mit einer zusätzlichen Reinigungsstufe für kleinste chemische Verunreinigungen ausgestattet (so genannte Mikroverunreinigungen).