«Letztes Jahr konnten wir wieder schwarze Zahlen schreiben»

Heinz M. Schwyter, Geschäftsleiter Spitex Mittleres Tösstal und Gemeinderat Turbenthal (Foto: zVg)

Nach dem Defizit im Jahr 2016 schreibt die Spitex Mittleres Tösstal wieder schwarze Zahlen. Doch die Pflegekosten steigen im ganzen Kanton weiter. Der «Tößthaler» hat mit Spitex-Geschäftsleiter Heinz M. Schwyter über die Situation in der ambulanten und stationären Pflege gesprochen.

Ende 2016 musste die Spitex Mittleres Tösstal ein Defizit von fast einer Viertelmillion Franken verbuchen. Dieses musste von den Gemeinden Turbenthal, Wila und Wildberg übernommen werden. Letztes Jahr konnte die Spitex Mittleres Tösstal dank einer Reorganisation wieder schwarze Zahlen schreiben und das Defizit den Gemeinden zu einem grossen Teil zurückzahlen. Doch im ganzen Kanton Zürich steigen die Pflegekosten weiter. Der Geschäftsleiter der Spitex Mittleres Tösstal, Heinz M. Schwyter, zeigt im Interview einige Hintergründe der steigenden Pflegekosten auf.

Im laufenden Jahr müssen die Gemeinden im Kanton Zürich 12 bis 15 Millionen Franken mehr für die Pflege aufwenden. Wie hart trifft dies die Gemeinden des Mittleren Tösstals?
Heinz M. Schwyter: Diese zusätzlichen Kosten verteilen sich auf den stationären wie auch den ambulanten Bereich. Den Anteil der Spitex im Tösstal schätze ich auf weniger als 100‘000 Franken, was immer noch sehr viel Geld ist.

Wird die Spitex vom Kanton Zürich gefördert?
Der Kanton Zürich definiert die Rahmenbedingungen für die ambulante Pflege. Dazu gehören beispielsweise die Normkosten oder die Ausbildungsverpflichtung. Auch definiert Zürich den Leistungsumfang und stellt Forderungen an die Qualifikation des eingesetzten Personals. Eine spezielle Förderung gibt es nicht, weil ja die Gemeinden für die ambulante wie auch die stationäre Pflege und Betreuung zuständig sind. Schliesslich wäre eine Bevorzugung auch wettbewerbsrechtlich heikel.

Vor einigen Jahren wurde die ambulante Pflege stark gefördert, in der Meinung, dies senke die Pflegekosten gegenüber einer stationären Pflege. Nun wollen sich die Krankenkassen immer weniger an der ambulanten Pflege beteiligen. Wie ist das zu erklären?
Im Gesundheitswesen geht es um sehr viel Geld, wobei die durch die Spitex ambulant erbrachten Leistungen einige wenige Prozent des gesamten Kuchens ausmachen. Die Krankenkassen verfügen über eine sehr gute Lobby in den entscheidenden Gremien und können so ihre Interessen einbringen. Diese Macht setzen sie übrigens auch gegen den stationären Bereich ein. 

Das Bundesverwaltungsgericht hat kürzlich entschieden, dass die Krankenkassen Verbrauchsmaterialien nicht mehr bezahlen müssen. Wird dadurch die ambulante Pflege torpediert?
Es gilt zu unterscheiden zwischen Leistungserbringung und Leistungsbezahlung: Die Spitex wird auch nach dem Urteil bei ihren Klienten eine professionelle Pflege und Betreuung erbringen. Mit dem Urteil nimmt der finanzielle Druck auf die Spitex wie auch die Gemeinden weiter zu. Im Moment herrscht ein ziemliches Durcheinander, was noch verrechnet werden darf.

Gleichzeitig liest man in den Zeitungen, dass die Pflegequalität in vielen Alterszentren gesunken ist? Wie kommt es, dass weder in der ambulanten, noch in der stationären Pflege genügend Geld vorhanden ist? Erklärt sich dies nur aus der längeren Lebenserwartung?
Leider werden auch hier Dinge vermischt. Kostentreiber bei der stationären wie auch der ambulanten Pflege sind die laufend steigenden Anforderungen, zum Beispiel an das Fachpersonal oder eine Dienstbereitschaft an sieben Tagen während 24 Stunden. Die grössere Lebenserwartung kann zu einem späteren Eintritt in ein Pflegezentrum führen. Dort wird aber mehr und intensivere Pflege nötig. Fachleute sprechen vom sog. 4. Lebensabschnitt, welcher, wie der erste, von Abhängigkeit geprägt ist.

Die Spitex Mittleres Tösstal verbuchte 2016 ein Defizit von fast einer Viertelmillion Franken. Wie sieht die Situation heute aus?
Dieser Tolggen im Reinheft lässt sich offenbar schwer beseitigen. Die Spitex hat vorher während mehr als zehn Jahren profitabel gearbeitet, nur hat dies niemanden interessiert. 2017 konnten wir wieder schwarze Zahlen schreiben. Das positive Resultat erlaubt es uns, den drei Gemeinden Turbenthal, Wila und Wildberg das übernommene Defizit von 2016 zu einem grossen Teil zurückzuzahlen.

Was haben Sie organisatorisch verändert?
Wir setzen konsequent auf die Digitalisierung, das heisst, die Mitarbeitenden haben mehr und bessere technische Hilfsmittel zur Verfügung. Dann bauen wir das Angebot laufend aus, um den Klienten das Leben zu Hause weiter zu verbessern. Schliesslich haben wir die Administration und Planung optimiert. Auf der anderen Seite hat der Vorstand den Mitarbeiterinnen drei Tage zusätzliche Ferien gewährt. Nur wenn wir in die Infrastruktur und das Personal investieren, bleiben wir der führende Anbieter von ambulanter Pflege und Betreuung im Mittleren Tösstal.

Sie haben Spitex-Plus-Leistungen eingeführt. Läuft dies auf eine Zwei-Klassen-Pflege hinaus?
Spitex Plus hat nichts mit Pflege, dem Kerngeschäft der Spitex, zu tun. Vielmehr geht es um Betreuungsangebote oder hauswirtschaftliche Arbeiten, die über den soggenannten Wochenkehr hinaus gehen. Spitex Plus ist unsere Antwort auf die vielen privaten Organisationen, die sich einen Teil des Kuchens sichern wollen.

Gibt es im Tösstal Kooperationsmöglichkeiten, die sich für die Spitex Mittleres Tösstal eröffnen und würden diese wirklich zu einer wirtschaftlich besseren Situation führen?
Heute schon leistet das spezialisierte Team der psychosozialen Pflege Einsätze für benachbarte Spitex-Organisationen. Dies lässt sich noch weiter ausbauen. Auch bei der Ausbildung sehe ich ganz grosse Chancen. Deshalb habe ich alle Anbieter im Tösstal eingeladen, einen Ausbildungsverbund zu prüfen. Ein solcher Verbund liesse teure Ressourcen besser nutzen und so Kosten sparen.

Rücken bei all diesen wirtschaftlichen Optimierungsbestrebungen am Schluss nicht die pflegebedürftigen Menschen und ihre Angehörigen komplett in den Hintergrund?
Die erwähnten Optimierungen dienen dazu, dass die Mitarbeiterinnen beim Klienten die nötige Pflegezeit aufwenden können. Leider nehmen die Krankenkassen immer wieder Einfluss auf die vom Arzt angeordnete Pflege, indem sie Leistungen zusammenstreichen. Die Spitex könnte noch viel mehr tun, um pflegende Angehörige zu entlasten. Klientinnen stehen bei der Spitex Mittleres Tösstal immer im Zentrum, weshalb wir ihnen zum Geburtstag jeweils eine halbe Stunde Zeit schenken.