Kurt Gautschi – aktiver Pensionär als Pfarrer von Schlatt 

Pfarrer Gautschi sieht es als seine Aufgabe, das Licht des Glaubens weiterzugeben. (Foto: zVg)

Kurt Gautschi könnte eigentlich seit vier Jahren den Ruhestand geniessen. Doch mit dem Engagement als Pfarrer in Schlatt hat er nochmals eine Herausforderung gefunden.

Eigentlich schliesst sich der Kreis im Leben von Kurt Gautschi mit seiner letzten beruflichen Tätigkeit in Schlatt, einem kleinen Dorf in ländlicher Umgebung. Gut erinnert er sich an seine Kindheit, die er im abgelegenen Försterhaus, weg von der Zivilisation, bei Gontenschwil im Kanton Aargau verbracht hat. Im Jahre 1948 wurde er als Kind eines Schreiners geboren in eine Zeit hinein, die geprägt war von Einfachheit und Arbeit. «Die Familie war auf zwei Kühe für die tägliche Milch und etwas Land fürs tägliche Brot angewiesen. Da lernte ich von früh auf, hart zu arbeiten.» Sei es nach der Schule im väterlichen Stall oder in den Ferien beim Nachbarn bei der Rübenernte. Es gibt aber auch viele schöne Erinnerungen an seine Kindheit, so war ein Highlight der Besuch seines Göttis, der in Stäfa eine Bäckerei betrieb und an Weihnachten mit seinen «Gschenkli» die Kinderherzen höherschlagen liess.

Nach der Primarschule besuchte er die Bezirksschule in Reinach und machte eine Drogisten-Lehre in Aarau. Schon als Jugendlicher schnupperte er im Kadettenunterricht Militärluft und war ans Uniformtragen gewohnt. Nachdem er in der Rekrutenschule zum Unteroffizier gedrängt wurde, brachte er es in seiner Militärkarriere bis zum Oberstleutnant der Sanität. Dass er nicht Feldprediger wurde, wie man bei einem Pfarrer erwarten würde, geht auf negative Erfahrungen mit langweiligen Feldpredigerstunden zurück. «Ich habe gerne Militärdienst geleistet. Ich empfand es als Ausgleich zu meinem Pfarrberuf.» Er hat es genossen, auch einmal zu befehlen und nicht immer nur zu «bitten und betteln». Zudem lernte er den Umgang mit schwierigen «linken» Soldaten, die in den 80er Jahren vor allem in der Sanität anzutreffen waren. Und machte die Erfahrung, dass man sich auch auf diese verlassen konnte, wenn es drauf ankam.

Sein Weg zum Pfarrer 

Nach einjähriger Tätigkeit als Laborant in der Kosmetik bei Ciba Geigy AG erkannte er, dass das nicht seine Lebensbestimmung sein konnte. Er hatte sich zwar von seinem sehr religiösen Elternhaus gelöst, das geprägt war durch die Ansichten der freikirchlichen Chrischona-Gemeinde, doch hatte er bei einem Jugendtag dieser Gruppierung plötzlich die Eingebung, Prediger zu werden. «Kurz entschlossen bewarb ich mich im Predigerseminar Sankt Chrischona und wurde für die vierjährige Ausbildung aufgenommen.»

Als er im vierten Studienjahr ein Praktikum in Jugendarbeit im deutschen Haltingen absolvierte, nahm sein Lebensweg eine weitere Wendung. Per Zufall bot ihm der Dekan von Weil am Rhein zu seiner Unterstützung eine Stelle als Pfarrdiakon an. Zudem hatte er die Aussicht, die Ausbildung zum Pfarrer mit einem einjährigen Theologiestudium in Freiburg in Breisgau und Heidelberg abzuschliessen. Seine Sporen als Pfarrer verdiente er sich während fünf Jahren ab, als er zusammen mit seiner Frau die volle Verantwortung für zwei badische Gemeinden übernahm.

Dann zog es ihn wieder zurück in die Schweiz. In der Matthäuskirche in Kleinbasel in einem Arbeiterquartier konnte er eine Pfarrstelle übernehmen, nachdem er die Schweizer Zulassung mit einem Kolloquium erlangt hatte. Die Arbeit im «tiefsten Kleinbasel», geprägt von sozialen Problemen und 17 verschiedenen Nationen, gefiel ihm zwar sehr gut, doch nach zehn Jahren suchte er eine neue Herausforderung. Er fand eine Stelle auf der Forch, in einer diametral entgegengesetzten Welt, die bestimmt war durch Bildungs- und Bankenbürgertum, was eine grosse Umstellung bedeutete. Diese Lebensstelle betreute er 24 Jahre lang bis zu seiner Pensionierung.

Pfarrer in Schlatt

Eigentlich wollte Pfarrer Gautschi zusammen mit seiner Frau in Stallikon den verdienten Ruhestand geniessen, aber sein Leben nahm einen anderen Lauf. Da seine Frau sich von ihm trennte, stand er plötzlich allein da und er wollte die entstandene Leere mit einer sinnvollen Tätigkeit füllen. Da kam es ihm sehr gelegen, als man in Schlatt kurzfristig einen Pfarr-Ersatz suchte. Obwohl ihm die Region im Zürcher Oberland fremd war, nahm er im Frühling 2015 die Herausforderung, als Pfarrer in einer kleinen Landgemeinde tätig zu sein, an. «Es ist zwar nur eine 60-Prozent-Stelle aber als ‹alleinschaffender Künstler›», so bezeichnet sich Gautschi selber, «ist mein Job doch recht vielseitig.» So gestaltet er Gottesdienste, macht Hausbesuche, unterrichtet die Konfirmanden, organisiert Events, erledigt administrative Aufgaben wie die Verwaltung der Mitgliederkartei und redigiert die Gemeindeseite. Bei der geplanten Kirchenfusion Elgg-Schlatt-Elsau engagiert er sich in der Steuergruppe und trifft sich regelmässig im Pfarrkonvent mit seinen Pfarrkollegen – ein wertvoller Kontakt in dieser sonst eher «einsamen» Arbeit, nur auf sich allein gestellt in der Gemeinde Schlatt.

Obwohl er nicht in Schlatt wohnt, sondern in Fällanden, hat er einen guten Draht zur Bevölkerung und spürt eine grosse Akzeptanz, ist er immer erreichbar und oft präsent. Eine grosse Unterstützung erfährt er durch die engagierte Kirchenpflege mit der sehr aktiven Präsidentin Verena Wüthrich. Im Allgemeinen sind die Gottesdienste gut besucht, nicht zuletzt, weil man den Kirchengängern auch etwas bietet wie zum Beispiel spezielle Gottesdienste mit Musikbegleitung. Oft wird anschliessend ein Umtrunk offeriert, um das Gemeinschaftserlebnis zu fördern. Eine grosse Zukunft bietet die Zusammenarbeit mit den Eulachtal-Gemeinden Elgg und Elsau, indem man mit dem grösseren Einzugsgebiet mehr Möglichkeiten hat, die Qualität zu steigern und die gemeinsamen Ressourcen zu nutzen.

Die Kirche im Wandel

Etwas Wehmut kommt auf, wenn Pfarrer Gautschi über die Situation der reformierten Kirche in der heutigen Gesellschaft sinniert. Er spricht von einem Traditionsabbruch und stellt fest, dass vor allem die jüngere Generation der Kirche fernbleibt und spirituelle Ziele individuell verfolg werden. «Viele leben unbewusst die christlichen Ideale, aber leider aus-serhalb der kirchlichen Institution.» So waren die frühen Kirchen mit ihrer tätigen Nächstenliebe ein Kontrastprogramm zur römischen Herrschaft. In Klöstern wurden die Bildung und Krankenpflege gefördert. Zwingli war ein sozialpolitscher Denker, der mit der Reformation einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel ermöglichte. Diese christlichen Pioniertaten wurden von staatlichen oder privaten Organisationen übernommen. Geblieben ist das ehrenamtliche Engagement der Kirchenleute, die mit ihrer Sozialbilanz einen grossen Mehrwert in unserer Gesellschaft bringen. Pfarrer Gautschi ist überzeugt, dass es zu allen Zeiten die «heilige» Aufgabe der Kirchen sei, das Licht des Glaubens weiterzugeben, damit Menschen ihre Lebensspur finden und niemand allein bleibt auf seinem Weg.

Zum Schluss gibt Gautschi der vagen Hoffnung Ausdruck, dass einmal eine Zeit kommt, wo man sich wieder auf die kirchlichen Werte besinnt und deren Angebote gefragt sind. Für Weihnachten wünscht er Frieden, nicht nur der Welt, sondern Frieden mit sich, mit den Mitmenschen und mit Gott. «Nur mit der Liebe kann man Ängste überwinden und inneren Frieden finden.»