Kommt der Lehrplan vors Volk?

Für die Tösstaler Schulen (hier Schlatt) wird sich einiges ändern mit dem Lehrplan 21 (Foto: Archiv tth)

Im Kanton Zürich wird am 4. März über die Initiative «Lehrplan vors Volk» abgestimmt. Die Initiantinnen und Initianten beabsichtigen, dass künftig das Kantonsparlament den Lehrplan genehmigen muss und das Volk mittels des fakultativen Referendums ebenfalls mitbestimmen kann.

Wer bestimmt eigentlich was an Volksschulen gelehrt und gelernt werden soll? Wer sagt, was brauchbares und unbrauchbares Wissen ist? Und was ist die Aufgabe der Schule? Mündige und kritische Bürgerinnen und Bürger zu bilden, oder «Humankapital» für die Wirtschaft bereitzustellen? Diese Fragen stehen im Zentrum, sobald es um die Ausrichtung der Schule für die zukünftigen Generationen geht, und sie werden immer wieder im Zusammenhang mit dem Lehrplan 21 gestellt. Der neue Lehrplan, der in rund einem halben Jahr im Kanton Zürich eingeführt wird, hat eine Menge KritikerInnen auf den Plan gerufen, so auch die InitiantInnen der Initiative «Lehrplan vors Volk». Sie verlangen, dass der Lehrplan weiterhin vom Bildungsrat (siehe Box) des Kantons ausgearbeitet wird, jedoch vom Kantonsrat genehmigt werden muss und das Volk mit dem fakultativen Referendum die Möglichkeit hat, über den Lehrplan mitentscheiden zu können. Würde die Bevölkerung diesen ablehnen, so müsste der Bildungsrat den Lehrplan überarbeiten.

Die InitiantInnen versprechen sich von der Initiative eine Volksschule, welche «vom Volk getragen wird» und dadurch für alle Kinder eine gute Basis bildet. Sie erhoffen sich, dass die Stimmen des Volks wahrgenommen und Kritik frühzeitig und nicht erst nach der Umsetzung von Reformen gehört würde – die Basis solle über die Zukunft der Volkschule abstimmen und nicht Theoretiker, die oftmals weit entfernt von dem Schulalltag stehen, lautet die Vision. Der Regierungsrat des Kantons Zürich argumentiert, dass durch die Initiative Unsicherheit entstehen würde. Bildungsdirektorin Silvia Steiner erklärte an einer Medienkonferenz am 16. Januar, dass eine Annahme der Initiative «zurück auf Feld eins» bedeute.

Kritik am Lehrplan 21 gibt es links und rechts

Obgleich der Lehrplan 21 ebenso Kritiker aus dem linken Lager hat, setzt sich das Initiativkomitee aus Vertreterinnen und Vertretern der SVP, der jungen SVP, der EDU und der Jungfreisinnigen zusammen. Dem Unterstützungskomitee gehören mehrere Personen aus dem Bildungswesen an. Neben Zürich wird ebenso im Kanton Bern am 4. März über die Initiative «Für demokratische Mitsprache – Lehrpläne vors Volk!» abgestimmt werden, inhaltlich ist sie identisch mit der Zürcher Vorlage. Ein bekannter Unterstützer ist der grünliberale Lehrer und Politiker Alain Pichard, der den Lehrplan 21 ein «monumentales Regelwerk der Bildungsbürokratie» nennt. Neben Zürich und Bern regt sich seit längerer Zeit auch in Aargau, Appenzell Innerrhoden, Baselland, Graubünden, Luzern, Solothurn, St. Gallen, Schaffhausen, Schwyz und Thurgau Widerstand gegen den Lehrplan 21.

Tiefgreifende Änderungen 

Dass eine ernstzunehmende Opposition gegen den Lehrplan 21 existiert, hängt mit den tiefgreifenden Veränderungen, welche dieser mit sich bringt, zusammen (siehe Box). Der neue Lehrplan – so der Ton der Kritiker – wird die klassische Bildung, bei der die Lehrpersonen von entscheidender Bedeutung für einen gelingenden Unterricht waren und der auf Frontalunterricht setzte, umkrempeln und ein für alle Mal ändern. Die Schlagwörter und Kritikpunkte heis-sen: Statt Frontalunterricht selbstorganisiertes Lernen. Statt analoger, digitaler Unterricht. Statt inhaltlich wertvolles bloss noch kompetenzorientiertes Lernen, das den Fokus auf den «Lernprozess» legt. Statt Soli-darität standardisierte Leistungsmessung nach dem Diktat der PISA-Studien.

Der Regierungs- und der Bildungsrat betonen, dass der Lehrplan 21 nicht politisiert und damit zum Spielball von Interessen werden könne. Im gleichen Atemzug erklärte Sabine Balmer, Ausbildungsleiterin von der Credit Suisse und Mitglied des Bildungsrates an der Pressekonferenz vom 16. Januar: «Die Schule muss wissen, welche Kompetenzen in der Wirtschaft gebraucht werden und die Wirtschaft muss wissen, was in der Schule gelehrt wird.» Und Theo Meier, Bäckermeister aus Bäretswil und ebenso Mitglied des Bildungsrates sagte: «Sehr wichtig ist es, zu wissen, was die Arbeitswelt braucht». Stecken in diesen Aussagen nicht auch Interessen, wirtschaftliche Interessen? Pichard sagt, dass der Bildungsartikel (siehe Box), für den sich die Schweizer Bevölkerung 2006 ausgesprochen hat und der als Grundlage für den späteren Lehrplan 21 diente, mittlerweile von Seiten einer Allianz zwischen Politikern, Wissenschaftlern und der Verwaltung so ausgearbeitet wurde, dass das Schweizer Schulsystem in eine OECD-
Agenda hineingezwungen würde. «Man beschloss, die Schweizer Schulen vergleichbar zu machen. Wer sich für Vergleichbarkeit entscheidet, braucht Standards, und wer diese einführt, der muss sie testen, und wer die Tests macht, der braucht Kompetenzen. Deshalb liest sich der Lehrplan 21 wie ein Testbuch zu PISA.»

Bildung als «Ware»

Wird das Schweizer Bildungssystem also, wie die Kritiker sagen, ökonomisiert und angepasst an die Zeitumstände? Der bekannte Kunstpädagoge Jochen Krautz glaubt, dass Bildungssysteme mit Lehrplänen, welche auf Kompetenzen basieren und alles zu standardisieren und eruieren gewillt sind, Gefahr laufen, dass sie sich so der Konkurrenz und Effizienz auf einem Bildungsmarkt aussetzten und sich die Bildung grundlegend verändere, sie zu einer «Ware» degradiert. Dann könne nicht mehr die Rede von Bildung sein, sondern bloss noch von einer «fremdgesteuerten Abrichtung zu Marktzwecken», ein möglichst günstiges «Herstellen» von Schülerinnen und Schülern, für die «abnehmenden» Wirtschaftsbetriebe. Dass angesichts dieser Veränderungen sich Bürgerinnen und Bürger ihrer demokratischen Rechte bedienen und ein Mitspracherecht über Inhalt und Form des Lehrplans fordern, ist nicht erstaunlich.

Rafael Lutz

WISSENSWERTES
Lehrplan 21
Der Lehrplan 21 ist das Gemeinschaftswerk von 21 deutsch- und mehrsprachigen Kantonen. Er wurde zwischen 2010 und 2014 entwickelt, um die Ziele der Volksschule zu harmonisieren. Die Schweizer Bevölkerung, darunter ebenso der Kanton Zürich, sprach sich 2006 für die Schaffung eines neuen Bildungsartikels in der Bundesverfassung aus. Der Kanton Zürich unterstützte im Zuge der Volksabstimmung 2008 die Bestrebungen zur Harmonisierung der Volksschule und verpflichtete sich dadurch auch, den Lehrplan 21 zusammen mit 20 weiteren Kantonen zu harmonisieren. KritikerInnen sagen, dass nicht von einer Harmonisierung die Rede sein kann. So seien bereits vor der Ausarbeitung des Lehrplans 21 die Lehrpläne grösstenteils gleich gewesen. Durch den Lehrplan 21 seien jedoch noch immer viele Unterschiede zwischen den Kantonen hinsichtlich der Module existent. Mit dem Lehrplan 21 wird eine neue Betrachtungsweise von Bildung propagiert. Früher, erklären die Befürworter des Lehrplans, habe man den Unterricht von der Frage ausgehend geplant, welche Inhalte man vermitteln und wie man den Unterricht in einem Fach aufbauen will. Dabei habe man zu wenig danach gefragt, was die Schülerinnen und Schüler können sollten. Der neue Lehrplan, der den Kompetenzbegriff in den Vordergrund stellt, ist so ausgerichtet, dass SchülerInnen in die Lage versetzt werden, Probleme zu lösen, die alltags- und praxisrelevant seien. Der Lehrplan 21 listet 363 Kompetenzen auf, welche die SchülerInnen können müssen. KritikerInnen befürchten, dass die Bildung auf messbare Tätigkeiten reduziert und somit ihres kritischen Potenzials beraubt würde.

Bildungsrat
Gegen 1780 entstand im Kanton Zürich der Erziehungsrat, der ursprünglich dafür kämpfte, dass sich das Bildungswesen von der Kirche emanzipierte. Er hatte die Aufgabe, das öffentliche Erziehungswesen zu leiten. Heute heisst er Bildungsrat. Im Kanton Zürich ist er der Bildungsdirektion als beratende Kommission beigegeben und zuständig für das, was an den Volksschulen gelehrt und gelernt wird. Er erlässt die Lehrpläne, so auch den Zürcher Lehrplan 21, der zwischen 2015 und 2017 erarbeitet wurde. Gewählt wird der Bildungsrat vom Kantonsrat. Er beschäftigt sich mit pädagogischen Fragen. Neben der beratenden Funktion hat er auch eine rechtsetzende Funktion. Er entscheidet neben dem Lehrplan beispielsweise über Lehrmittel und die Stundentafeln. Er beschliesst Änderungen in den Zeugnissen und so weiter. Zuständig ist er für die Volks-, Mittel- und Berufsfachschulen. Laut Gesetz hat er ebenfalls den Auftrag zwischen den verschiedenen Bildungsbereichen zu koordinieren. In seiner Funktion hat er keine Finanzkompetenzen. Beschliesst er etwas, das Folgekosten auslöst, muss das Geschäft in den Regierungsrat oder in die Direktion. Der Bildungsrat besteht aus acht Mitgliedern und dem oder der Bil-dungsdirektorIn. Die acht Mitglieder werden vom Kantonsrat jeweils für vier Jahre gewählt. Die Mitglieder kommen aus den Bereichen: Bildung, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft, Sozialwesen, ebenso dabei ist je eine Vertretung der Volks-, Mittel- und Berufsschulen.