Kleine Kirchgemeinden atmen auf – vorerst

Der Vorschlag des Kirchenrates hätte kleine Kirchgemeinden wie Sitzberg, hier im Bild die Kirche, unter Fusionsdruck gesetzt (Foto: Archiv tth)

Letzten Dienstag beschloss die reformierte Kirchensynode des Kantons Zürich, dass die Pfarrämter kleiner Kirchgemeinden mit mindestes 50 Stellenprozenten dotiert werden sollen. Der Fusionsdruck auf Kleingemeinden ist damit vorerst abgewendet. Es droht aber neues Ungemach: In der Pipeline ist ein Vorschlag zur Neuausgestaltung des Finanzausgleiches zulasten kleiner und finanzschwacher Gemeinden.

Es war ein denkbar knapper Entscheid letzten Dienstag. Mit 48 gegen 46 Stimmen hiess das Parlament der reformierten Zürcher Landeskirche, die Kirchensynode, einen Antrag gut, dass kleine Kirchgemeinden künftig für ihre Pfarrämter mindestens 50 Stellenprozente erhalten, selbst dann, wenn sie zum Beispiel nur 200 Mitglieder zählen. Dieser Antrag wurde im Rahmen der Beratungen über die neue Kirchenordnung eingereicht. Und er war eine Reaktion auf die von der Regierung der Zürcher Landeskirche, dem Kirchenrat, beantragte Zuteilung von Pfarrstellen, die im Vorfeld viel Staub aufgewirbelt hatte. Diese sah vor, dass die Kirchgemeinden ab 2024 für ihr Pfarramt pro 200 Mitglieder zehn Stellenprozente zugesprochen erhalten. Gemeinden mit über 2000 Mitgliedern hätten im Gegenzug von Aufstockungen profitiert.

Ausdünnung des Gemeindelebens

Durch den Vorschlag des Kirchenrates wären diverse Kirchgemeinden aufgrund sehr tiefer Pfarramt-Pensen unter Fusionsdruck geraten, zum Beispiel Sitzberg, die kleinste des Kantons Zürich. Debora Bachmann, Kirchenpflegepräsidentin von Sitzberg, ist entsprechend froh, dass der Antrag angenommen wurde, ansonsten wäre wahrscheinlich eine Fusion mit den Gemeinden im Tal nötig geworden. «Genau das wollen wir aber nicht», sagt Bachmann. Die Kirchgemeinde Sitzberg hat rund 190 Mitglieder, umfasst die Ortschaften Sitzberg, Schmidrüti und diverse Weiler im Pirg. Das in den Hügeln gelegene Gemeindegebiet erstreckt sich im Durchmesser über gut zehn Kilometer. «Wir sind klein, familiär und nahe bei den Mitgliedern in diesem weitläufigen Gebiet. Die Kirchenpflege, zusammen mit dem Pfarramt, trägt und pflegt das Gemeindeleben hier oben. Der sonntägliche Kirchenbesuch in Sitzberg ist der Anlass, bei dem sich die Menschen treffen. Er ist für das Gemeindeleben dementsprechend äusserst wichtig, denn er verbindet die Menschen und schafft Gemeinschaft», sagt sie.

All das sieht sie bei einer Fusion in Gefahr: «Gut möglich, dass dann in Sitzberg nur noch einmal im Monat ein Gottesdienst stattfinden würde.» Angeschlossen an die grosse Gemeinde im Tal wären die Bedürfnisse der kleinen Kirchgemeinde mit der schönen Barockorgel generell zweitrangig, ist die Kirchenpflegepräsidentin überzeugt. Die Folge wäre eine massive Ausdünnung des Gemeindelebens. Die kleine Kirche in Sitzberg sei eine wichtige Institution, die in diesem Gebiet für Aktivitäten und Begegnungen sorge, so zum Beispiel am kommenden 14. Oktober. Dann findet ein Fest zum 180-jährigen Jubiläum des Bestehens der Kirche Sitzberg statt.

Halbierung des Stellenetats

Ähnlich ist die Situation in Wildberg. «Wir haben keine Post und seit kurzem auch kein Restaurant mehr im Dorf, dafür ein sehr aktives Kirchenleben mit Anlässen für Jung und Alt. Der Vorschlag des Kirchenrates hätte dies massiv in Frage gestellt», sagt Theddy Probst. Er ist Pfarrer in Wildberg und ausserdem Mitglied der Kirchensynode, wo er «wie ein Löwe gekämpft hat, dass die Zuteilung des Kirchenrates nicht durchkommt». Diese hätte gemäss seinen Berechnungen für Wildberg mit seinen 600 Mitgliedern nur noch ein 30-Prozent-Pensum für eine Pfarrstelle ergeben, was einer Halbierung des heutigen Stellenetats gleichkommt. Aktuell erhält jede Kirchgemeinde unabhängig von ihrer Grösse mindestens 60 Stellenprozente, auch Kleinstgemeinden. Zwar führt der am letzten Dienstag angenommene Antrag bei kleinen Gemeinden ebenso zu einer Reduktion der Pfarramt-Pensen von zehn Prozent. «Doch damit können wir leben», sagt Probst. «Als der Antrag angenommen wurde, ging erst einmal ein Aufatmen durch die Reihen der kleinen Kirchgemeinden.»

Ist damit alles gut? Nein. Denn erstens ist der Antrag noch nicht in trockenen Tüchern: Im Verlaufe der nächsten Wochen findet in der Synode noch die Schlussabstimmung über die Teilrevision der Kirchenordnung statt. Und schliesslich müssen dazu auch noch alle Reformierten des Kantons Zürich ihre Zustimmung geben, am 23. September an der Urne.

Anzahl Mitglieder soll neu entscheidend sein

Zweitens ist ein Vorschlag des Kirchenrates in der Pipeline, der den Finanzausgleich zwischen den Kirchgemeinden neu regeln will. Dieser ist noch nicht fixfertig ausgearbeitet, verfolgt gemäss Hannes Hinnen aber das klare Ziel, kleine Gemeinden zum Fusionieren zu zwingen. Hinnen steht als Präsident der kleinen Kirchgemeinde Regensberg im Bezirk Dielsdorf vor, die etwa 220 Mitglieder zählt, und ist Präsident des Vereins der reformierten Kirchenpflegepräsidien im Kanton Zürich (VKPZ). Im heutigen System decke der Finanzausgleich die Defizite der Kirchgemeinden. Neu solle auch die Steuerkraft und die Mitgliederanzahl in die Berechnung des Finanzausgleichs einfliessen. «Gerade kleine und finanzschwache Kirchgemeinden wären durch diesen Systemwechsel bedroht», sagt Hinnen, der ausserdem Mitglied der Synode ist und Einsitz in deren Finanzkommission nimmt.

Auch Theddy Probst warnt: «Diese Änderung würde gerade das strukturschwache Tösstal ziemlich hart treffen.» Seiner Meinung nach führt der Systemwechsel dazu, dass finanzschwächere Kirchgemeinden diverse Ausgaben herunterfahren müssten, zum Beispiel für die Diakonie, während sich finanzstärkeren Gemeinden weiterhin alles leisten könnten. Und er fragt sich, wo da der christliche Gedanke bleibe. «Das Tösstal muss sich dagegen wehren.» Probst kann zwar verstehen, dass die Landeskirche des Kantons Kirchenfusionen fördern will, doch sollen diese nicht gegen den Willen der Kirchgemeinden und ihrer Mitglieder und auch nicht durch die Hintertüre erfolgen. Ausserdem zeige das Beispiel Wildberg, dass es auch ohne Fusionen gehe: «Wir arbeiten sehr eng und gut mit der Kirchgemeinde Zell zusammen.»

Rolf Hug
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