«Jeder noch so kleine Fortschritt ist eine Erleichterung»

Esther Pfenninger zeigt den Sächsilüüte-Bögg, welcher in einem Beschäftigungsprogramm der Stiftung RgZ hergestellt wird (Foto: sr)

Esther Pfenninger schilderte am Wildberger Mäntigsträff den Alltag von Kindern und Jugendlichen
mit Beeinträchtigungen in den heilpädagogischen Einrichtungen der Stiftung RgZ.

Monique Blattmann, Wildberger Kirchenpflegepräsidentin, stellte nach der Begrüssung der über 20 TeilnehmerInnen, die in Wildberg wohnhafte Referentin Esther Pfenninger als eine aus ihrer Mitte vor. Pfenninger lebe seit 23 Jahren in Wildberg, sei in der Kirchenpflege und danach acht Jahre im Gemeinderat gewesen und fühle sich mit ihrer Familie in Wildberg sehr wohl. Als Primarlehrerin habe sie begonnen und nach dem Studium zur Heilpädagogin und der Schulleiterausbildung habe sie in Russikon als Heilpädagogin und Schulleiterin gearbeitet. Schliesslich übernahm sie die Leitung Bereich Schulen der Stiftung RgZ in Dielsdorf und Zürich. Der Name RgZ bezieht sich auf «Regionalgruppe Zürich» und war die Bezeichnung des Elternvereins, der 1957 die Grundsteine für die Stiftung RgZ legte. Sie hätte ihre Karriere nicht geplant, sagte Pfenninger, eines ergab sich zum anderen. Rückblickend betrachtet habe es genauso sein müssen, um für die jetzige Tätigkeit gerüstet zu sein.

Schwierige Aufgabe, grosse Befriedigung

Ihre jetzige Aufgabe sei eine grosse Herausforderung und Arbeit, aber auch eine wunderschöne Befriedigung. Manch ein gebannter Zuhörer begann jetzt bereits zu ahnen, wie anspruchsvoll die tägliche Arbeit der Wildbergerin aussehen mag. Nachdem sie die Stiftung RgZ vorgestellt und die Strukturen erklärt hatte, erzählt Pfenninger vom Umgang mit den Kindern mit Beeinträchtigungen. Sehr praktisch und plastisch schildert sie, wie die Kinder mit den verschiedensten Beeinträchtigungen, meist mehrfachen Behinderungen, mit viel Geduld, Wissen und Verständnis, manchmal in Minischritten gefördert werden. Dazu stehen viele Fachleute bereit, wie Physio- und Ergotherapeuten, Sozial- und Heilpädagogen, die nach einer genauen Einschätzung ein gemeinsames Ziel verfolgen.

Die Arbeit der Heilpädagogen beginne diagnostisch: Erst nach einer sorgfältigen Problemanalyse könne ein Förderplan erstellt werden. Die Kinder sollen möglichst selbständig werden, ihre Fähigkeiten und Kompetenzen erweitern können, um sich in ihrer Umgebung zurecht zu finden. Immer wieder erzählt Pfenninger Beispiele von ihrer anspruchsvollen Arbeit als Schulbereichsleiterin. Etwa Hilfsmittel, die bei der heilpädagogischen Förderung eingesetzt werden. Ein spezielles Schneidbrett, bei welchem die Karotten festgehalten werden, oder die Piktogramme, Bilder mit gemalten Symbolen, die beispielsweise dem Kind helfen sollen, einen Tagesablauf zu verstehen und sich zu orientieren.

Kommunikation mit Gebärdensprache

Auch die Portmann-Gebärdesprache werde den Kindern beigebracht und helfe sehr, sich zu verständigen. Diese Gesten seien sehr körpernahe, da es Kindern mit Behinderungen meist nicht möglich sei, raumgreifende Bewegungen zu machen. Anschaulich führt sie einige Gesten aus und einige der Zuhörer probierten es spontan selber aus. Mit manchen Kindern würde daran gearbeitet, mit ihnen überhaupt zu kommunizieren. Nur schon die Fähigkeit, Ja oder Nein sagen zu können, sei eine grosse Erleichterung für das Kind, aber auch für diejenigen, die es betreuen. Dass die Kinder sich selber spüren können, sei in ihrem Alltag nicht selbstverständlich. Eindrücklich erzählt Pfenninger wie mühsam in Mikroschritten Fortschritte erarbeitet werden müssten, eine richtige Sisyphusarbeit. Doch jeder noch so kleine Fortschritt sei für alle eine wirkliche Erleichterung.

Bewegt und plastisch schildert Pfenninger, wie schwierig für die Eltern der Umstand sei, ein behindertes Kind zu haben und dies zu akzeptieren. Es sei eine regelrechte Trauerarbeit, die die Eltern leisten müssten, was manchmal mehr als fünf Jahre dauern könne. Zuweilen hätten es die Angehörigen sehr schwer zu begreifen, dass ihr Kind besondere Unterstützung brauche. Deshalb sei es ebenfalls eine grosse Aufgabe, gemeinsam mit den Eltern, die Kinder zu fördern um ihren Alltag zu vereinfachen. Viel Einfühlungsvermögen, Aufklärungsarbeit und Auseinandersetzungen seien nötig.

Ein Drittel der jeweils acht Kinder in einer Klasse seien nicht mobil, säs-sen im Rollstuhl und bräuchten Hilfe bei den Toilettengängen, beim Anziehen oder beim Essen. Die beiden Schulen, die sie führe, seien beide Typ B, das heisst, auch für immobile Kinder mit mehrfachen Beeinträchtigungen. Die meisten verfügten über einen Intelligenzquotienten von unter 70.

Die Qualität wird regelmässig geprüft

Der Schulbetrieb, das Personal und der Unterricht sowie die Qualität der Schule wird vom Volksschulamt kontrolliert. Zuweilen werden Auflagen erteilt und Anpassungen verlangt, wovon die Stiftung RgZ aber bis jetzt verschont geblieben sei. Die Schüler würden aus dem ganzen Kanton Zürich mit einem Taxitransport zu den beiden Standorten gebracht und das Mittagessen sei ein Bestandteil des Unterrichts. Die Informationen und Beispiele sprudelten nur so aus der engagierten Referentin. Die heilpädagogischen Schulen arbeiten mit dem Kriseninterventionszentrum, der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde, mit Ärzten, Psychiatern, Kinderspitälern, Kinder-Spitex und den Eltern zusammen. Die Kinder werden über lange Zeit in den Schulen der Stiftung RgZ begleitet und beim Übertritt in die Volljährigkeit wird eine optimale Nachfolgelösung gesucht. Die Institution RgZ bietet Tagesstättenplätze, Ausbildungsplätze und geschützte Arbeitsplätze an. In Beschäftigungsprogrammen würden verschiedene Artikel hergestellt und danach verkauft. So etwa der von der ETH entwickelte, originelle Miniatur Sächsilüte-Bögg.

Die Kosten werden von den Gemeinden und dem Kanton finanziert, besondere Angebote wie das Projekt Freizeitintegration mit Stiftungsgeldern. Pfenninger hätte wohl noch lange erzählen können. Fragen und angeregte Diskussionen hatten an diesem sehr eindrücklichen Vortrag ebenfalls Platz.