Israel im Gedächtnis einer Generation

In wenigen Wochen begeht Israel den 70. Jahrestag seiner Gründung: Am 14.Mai 1948 deklarierte der erste Staatspräsident David Ben Gurion die Unabhängigkeit. Israel und der Nahe Osten im Allgemeinen haben in meiner Generation – ich bin 1958 und damit genau zehn Jahre nach der Gründung des Staates geboren – eine grosse Rolle gespielt. Der neue Staat Israel war endlich eine Heimat für die jahrhundertelang verfolgten Juden. Der Zweite Weltkrieg und damit der Holocaust und die Ermordung von sechs Millionen Juden lag nur wenige Jahre zurück.

Meine persönlichen Erinnerungen setzen in den 60er-Jahren ein: Die Schweiz fühlte sich solidarisch mit dem jungen Staat, der sich vom ersten Tag an militärisch verteidigen musste. Tatsächlich erklärten noch in der Nacht der Gründung eine Reihe von Staaten Israel den Krieg. Schweizer Politiker und Offiziere studierten die Strategien Israel und reisten nicht ohne Bewunderung dorthin. Die Jugend der 60er-Jahre – zu der ich noch nicht gehörte – reiste aus anderen Gründen gerne nach Israel: Arbeit im Kibbuz war angesagt, und ich denke, es ging dabei nicht nur um ideelle Unterstützung, sondern um gemeinsame Erlebnisse bei der Arbeit tagsüber und in der Freizeit; dass sich dabei auch die eine oder andere Liebschaft ergeben hat, nehme ich an und auch der eine oder andere Joint dürfte abends am Lagerfeuer die Runde gemacht haben.

Die Rollen waren in dieser Zeit klar verteilt und die Bösen waren die Araber. Die Feinde Israels waren auch unsere Feinde: Das bestätigte sich auf furchtbare Weise am 18. Februar 1969 als ein Kommando von palästinensischen Attentätern am Flughafen Zürich-Kloten eine El-Al-Maschine in ihre Gewalt zu bringen versuchte und dabei den israelischen Kopiloten erschoss. Der israelische Geheimagent Mordeachai Rachamin tötete darauf einen der arabischen Attentäter. Er wurde zusammen mit den drei überlebenden Attentätern verhaftet. Mein Vater war damals Gerichtsschreiber am Zürcher Geschworenengericht, das Attentat und der nachfolgende Prozess waren Gespräch am Familientisch. Das Zürcher Geschworenengericht hat den israelischen Agenten freigesprochen. Für meinen Vater – er starb 2016 – war es ein politisch motivierter Freispruch. Die inhaftierten Attentäter kamen übrigens wenig später im Austausch gegen die Passagiere einer entführten Swissair-Maschine frei. Mein Vater nahm dies damals persönlich, sah er sich doch um die Früchte seiner Arbeit geprellt.

Die Hintergründe des palästinensischen Terrors kannte ich damals allerdings nicht. Man sprach auch nicht von Palästinensern, sondern pauschal von Arabern. Ich lernte mehr erst durch eine Reise in die Region. Nie vergessen werden ich einen Spaziergang durch die historische Altstadt von Hebron, zu dem mich der Radiojournalist Martin Heule mitgenommen hatte. Der malerische Bazar wirkte gespenstisch und menschenleer und nach oben waren merkwürdige Sichtblenden angebracht, welche die ohnehin schon prekären Lichtverhältnisse verschlechterten. Die Begründung hört sich wie ein schlechter Scherz an: Jüdische Siedler hatten in den letzten Jahren die oberen Stockwerke des Marktes gekauft und bewarfen die Palästinenser in den unteren Stockwerken mit Abfall. Kein Wunder, gerät gerade diese Stadt in der Westbank immer wieder in die Schlagzeilen. Das ehemals britische Protektorat, auf dem der Staat Israel entstand, war ja nicht unbewohnt. Hier lebte die Volksgruppe der Palästinenser. Ihre Repräsentanten sind heute in zwei verfeindete Gruppen aufgesplittert: In Gaza regiert die radikalislamische Hamas, auf der Westbank die gemässigte Fatah. Ihre Lebensbedingungen sind gelinde gesagt prekär und sie werden ständig schlimmer.

Trotzdem: Israel ist der einzige demokratische Staat im Nahen Osten und wohl der einzige Staat der Welt, der es fertiggebracht hat, eine tote Sprache zum Leben zu erwecken. Mein Grossvater Gottfried Widmer (1890 – 1963) war protestantischer Pfarrer, seine Leidenschaft galt aber den orientalischen Sprachen: Hebräisch, Arabisch, Aramäisch und Syrisch, und er schaffte es irgendwie, neben seinem Amt noch Vorlesungen an der Uni Bern zu halten. Er starb, als ich fünf Jahre alt war und ich stelle mir manchmal vor, wie ich ihn im Traum besuche und mit ihm über die Welt des Nahen Ostens reden würde. Worüber würden wir reden? Über die Enttäuschung vieler Menschen in Israel und anderswo über das, was aus ihren Visionen geworden ist? Über die kritische Stimmung gegenüber Israel in der Schweizer Bevölkerung heute im Vergleich zu 1965? Über die nicht enden wollende Gewalt im Land und in der ganzen Region? Vielleicht würde ihn das gar nicht so überraschen: Schon 1938 hat er festgehalten, dass die Welt, die auf den Trümmern des osmanischen Reiches und des britischen Empire entstand eine unruhige Welt war. Dass es in der ganzen Region so schlimm kommen würde, wie wir heute in Syrien erleben, das hat er wohl kaum vorausgesehen und dass der Antisemitismus weltweit und namentlich in Frankreich und Deutschland wieder auf dem Vormarsch war, hätte ihn genauso entsetzt wie mich.