Innere Kämpfe

Prinzipiell bin ich, so glaube ich, eine starke Frau. Ich bin seit zehn Jahren alleine mit meinen Kindern und rückblickend habe ich meine Aufgabe, so hoffe ich, bis jetzt, ganz gut hinbekommen. Meine Kinder sind glücklich und ich liebe die Momente in denen sie mir sagen, dass ich, trotz aller Hindernissen, ein gutes Mami bin. Ich habe seit vielen Jahren keine Unterstützung in meinem Alltag, auch habe ich nie frei, wie andere Alleinerziehende das regelmässig haben. Aber wenn es um meine Kinder und deren Wohl geht, entwickle ich Kräfte, die ich für mich selber so noch nie aufbringen konnte.

Wenn es um mich selbst geht, neige ich eher zu Schwächeanfällen im übertragenen Sinne. Da ist mein innerer Schweinehund ein sturer, gut argumentierender, grosser Hund. Er schafft es, mich innert Millisekunden zu überzeugen, dass mein Plan zu meinem Wohle, schlecht ist. Er gewinnt oft und gerne. Man könnte schon sagen, er zelebriert es, gegen mich zu gewinnen. Ich bringe es selten hin, ihn zu überwinden, mal selber als Gewinnerin dazustehen und etwas Gutes für mich zu tun. Bei Schoggi zum Beispiel, ist er nahezu kompromisslos. Da höckelt er da, grinst mich an und lässt mich sofort an meinem Vorhaben, auf Schokolade zu verzichten, zweifeln. Er wedelt fröhlich mit dem Schwanz, wenn ich mir das süsse Glück doch in den Mund schiebe und ich höre, wie er jubelt. Mein Hüftgold ächzt währenddessen und die Äpfel in der Früchteschale
beginnen, ihre Beerdigung zu organisieren.

Seine Macht zeigt er mir auch, wenn ich mir vornehme, an die frische Luft zu gehen. Seit Jahren arbeite ich sitzend in meinem Nagelstudio und atme Luft ein, für die sogar die Bezeichnung schlecht noch zu gut ist. Jahrelang führte ich deswegen einen inneren Dialog mit meinem Schweinehund. Ich versuchte ihn immer wieder zu überzeugen, dass ich doch frische Luft brauche, dass Bewegung gesund ist und dass ich meiner Gesundheit zu liebe wirklich etwas ändern muss. Irgendwie schaffte ich es einfach nie, meine Argumente auch in die Tat umzusetzen und mein Füdli an die frische Luft zu bewegen. So sass ich abends dann da und war enttäuscht von mir selber, dass ich es wieder nicht gemacht habe und es einfach nicht schaffe, gut für mich selber zu sorgen. Selten machte ich dann doch noch kurz eine Runde im Quartier um mein Gewissen immerhin ein wenig zu beruhigen. So hadderte ich jahrelang, der Schweinehund grinste und fühlte sich unbezwingbar.

Irgendwann drückte mein Gewissen um meine Gesundheit so stark, dass ich mich gezwungen fühlte, zu handeln. Ich versuchte mit allen Mitteln, gegen meinen inneren Schweinehund zu kämpfen und einfach nach Draussen zu gehen. Ich wollte mich nicht mehr auf Streitereien mit ihm einlassen und gab mir alle Mühe, den Weg an die frische Luft in meinem Alltag zu integrieren, den mächtigen Schweinehund in mir zu ignorieren. Aber alle Versuche scheiterten sofort oder nach kurzer Zeit. Ich fühlte mich meiner Schwäche ausgeliefert und als Versagerin.

Ich hockte weiterhin in meinen vier Wänden und der Schweinehund redete mir ununterbrochen in meine Vorhaben. «Schau doch, es regenet bitzli. Also noch nicht. Aber es könnte dann genau anfangen, wenn du den Fuss nach Draussen setzt. Ich sehe da ein Wülchli. Nicht gross, aber es könnte reichen um nass zu werden.» Etwa so liess ich mich von dem Lööli immer wieder um den Finger wickeln und war schlussendlich enttäuscht von mir selbst. Ich schaffte es einfach nicht, mir selbst etwas Gutes zu tun. Alle anderen an erster Stelle, ich irgendwo weit hinten, traurig und wütend über mich selbst. Festgefahren in der Annahme, dass ich alles alleine schaffen muss und für mich selber keine Kraft mehr bleibt.

Ich konnte nicht mehr. Ich hatte genug von meinen inneren Kämpfen. Wenn alles nichts nützt, der innere Schweinehund solche Macht hat, muss ich ihn halt mit Hilfe bekämpfen. Die Idee wurde zum Wunsch, der Wunsch zum Plan und nach zwei Jahren war ich dann bereit. Meine Hilfe wurde geboren und ich war soweit, diese auch anzunehmen.

Mein Helferchen hört auf den Namen Hatschi und ist ein Hündli. Ein kleines, sehr kleines, Hündli mit Wuschelfell, eingedrücktem Näsli und Glupschaugen. Vor zwei Monaten ist das ein Kilogramm schwere Bündel bei uns eingezogen und was seither passiert ist, kann ich kaum glauben. Er erfüllt uns mit so viel Freude und hat unser Leben auf positive Weise ganz schön auf den Kopf gestellt. Und Hatschi, klein wie er ist, hat das Unmögliche geschafft. Er hat meinen inneren Schweinehund besiegt! Und das ohne Bellen. Die frische Luft gehört endlich fix in meinen Tagesablauf und ich fühle mich sensationell. Jetzt bin ich die, die grinsend den Schweinehund ansieht, die Leine und den Hund schnappt und an die frische Luft geht. Hatschi zeigt mir die Schönheit der Natur und hat mir schon mehrfach bewiesen, dass es gar kein schlechtes Wetter gibt. Wir laufen täglich unsere Runden und ich sauge jeden Moment davon auf. Das gute Gefühl, mit dem ich abends ins Bett kann, ist unbezahlbar. Endlich mache ich etwas Gutes für meine Gesundheit, für mich.

Was ich daraus nehme ist aber viel mehr als frische Luft und Bewegung. Es zeigt mir, dass man manchmal wirklich auf Hilfe angewiesen ist. Dass man nicht immer alles alleine schaffen muss oder kann. Dass es mir erlaubt ist, auch mal schwach zu sein, es nicht zu können ohne Unterstützung. Erkennen, dass meine Anforderungen an mich selbst zu hoch sind und ich zu wenig stark bin, diese zu erfüllen. So glaube ich, dass ich durch Hatschi durchaus lerne, auch sonst in meinem Leben einmal Hilfe anzunehmen und dass ich nicht immer alles alleine schaffen muss. Ausser bei der Schoggi. Die schiebe ich mir jetzt genüsslich und ganz alleine in den Mund – weil ich mir das nach einem langen Spaziergang einfach verdient habe. Soll der Schweinehund doch fröhlich mit dem Schwanz wedeln.