«In jeder Gemeindebehörde müssen Frauen sein»

Elsbeth Oeggerli: «Ich fühlte mich stets ernst genommen und respektiert» (Foto: ww)

Als erste Frau wurde Elsbeth Oeggerli 1994 in den Gemeinderat Wila gewählt. Getragen vom Christiane-Brunner-Effekt begann damals das Frauenforum Wila sich erfolgreich in die Gemeindepolitik einzubringen. Dass heute der Gemeinderat Wila ein reines Männergremium ist, bedauert sie sehr.

Nie hatte Elsbeth Oeggerli an einen Einstieg in die Politik gedacht. Bis zum Tag, als es um den vielbenutzten Fussgängerstreifen über die Tösstalstrasse beim Restaurant Frieden in Wila ging. Das Tiefbauamt wollte diesen Zebrastreifen verlegen. Elsbeth Oeggerli studierte das Projekt, war dies doch der Schul- und Kindergartenweg ihrer Kinder. Und was stellte sie fest? Das Vorhaben hätte die Situation für die Kinder erheblich verschlechtert, das Passieren der stark befahrenen Tösstalstrasse wäre gefährlicher geworden. Was denken diese Planer, fragte sie sich. Sie setzte sich mit anderen Frauen zusammen und kontaktierte den damaligen Gemeindepräsidenten Ernst Jucker.

Mutter von vier Kindern als Gemeinderätin?

Der Widerstand gegen die Verlegung des Fussgängerübergangs lohnte sich, der Plan wurde abgeändert. Elsbeth Oeggerli hatte ihr Ziel erreicht. «Da ist mir erstmals richtig bewusst geworden, dass man als einfache Bürgerin in der Politik etwas bewirken kann, wenn man sich engagiert», sagt sie. Diese Erkenntnis spielte mit, als sie sich 1994 vom Frauenforum Wila als Kandidatin für den Gemeinderat portieren liess. Das Frauenforum war neu gegründet worden, denn die Nichtwahl der Feministin Christiane Brunner zur Bundesrätin kurz zuvor hatte nämlich auch in Wila etwelche Frauen mobilisiert.

«Wenn Männer in die Politik eintreten, haben sie meist eine Frau im Rücken, die sie von Haushalt und Erziehungsarbeit entlastet», sagt Elsbeth Oeggerli. Umgekehrt funktioniere dies aber eher selten. Im Wahlkampf sei es stets eine Frage gewesen, ob sie zu dieser Doppelbelastung fähig sei. Und hinten herum sei natürlich immer wieder getuschelt worden: «Da will eine junge Frau mit vier Kindern in den Gemeinderat».

Trotz dieser Vorbehalte schaffte sie die Wahl. «Es ging eigentlich viel besser, als ich befürchtet hatte», erinnert sie sich heute. Sie habe spontane Unterstützung gespürt, und die Amtseinführung durch Erich Fritz und Balz Zinniker von der Gemeinderatskanzlei sei sehr hilfreich gewesen.

Menschliche Schicksale belasteten

Sie übernahm das Sozialressort, das sie während der ganzen achtjährigen Amtszeit leitete. «Diese Aufgabe entsprach meinen Neigungen und war hochinteressant». Zu schaffen gemacht hätten ihr aber viele menschliche Schicksale, mit denen sie konfrontiert worden sei, vor allem im vormundschaftlichen Bereich. «Hier hat die spätere Kesb markante Verbesserungen für die Gemeindebehörden gebracht», ist Elsbeth Oeggerli überzeugt.

Dass sie während ihrer Amtszeit im Gemeinderat die einzige Frau blieb, habe sie zwar bedauert, aber es sei für sie kein Problem gewesen. «Von Anfang an fühlte ich mich ernst genommen und respektiert», sagt sie, und amtsältere Mitglieder hätten ihr sogar attestiert, dass durch ihren Einzug die Umgangskultur im Rat besser geworden sei. Persönlich sehr wertvoll sei für sie auch der Austausch mit ihren Amtskolleginnen Sabine Sieber von Sternenberg und Esther Pfenninger von Wildberg gewesen.

Keine Vollblutpolitikerin

Nach acht Jahren trat Elsbeth Oeggerli zurück. Nicht, weil es ihr verleidet war, sondern weil sie wieder ein berufliches Standbein suchte. Als ausgebildete Kindergärtnerin und Absolventin einer Handelsschule trat sie 2004 eine Stelle bei der IPS (Integrierte Suchthilfe Winterthur) an, die sie bis heute innehat. Ueli Wyss, der 2004 als Gemeindepräsident ebenfalls zurücktrat, hätte Oeggerli gerne als seine Nachfolgerin gesehen, aber sie winkte ab. Auch eine andere politische Aufgabe, beispielsweise auf kantonaler Ebene, kam für sie nicht in Frage. «Ich blicke gerne auf eine kreative Gemeinderatszeit zurück, aber eine Vollblutpolitikerin war ich nicht, ich strebte immer sachliche Lösungen an und war konsensorientiert», sagt sie lachend.

Frauenanteil im Tösstal erhöhen

Elsbeth Oeggerli ist keine Feministin. Politisch liegt sie auf einer Mitte-Links-Linie, wie etwa die EVP. Aber für sie ist es von grösster Wichtigkeit, dass Frauen in Behörden dabei sind. «Die Sichtweise der Frau ist oft eine andere als die der Männer, und sie muss in die Behördenarbeit einflies-sen». Dass in Wila keine einzige Frau mehr im Gemeinderat ist, enttäuscht sie.

Elsbeth Oeggerli kommt auf die Gründe zu sprechen, weshalb nicht nur in Wila, sondern auch andernorts Frauen in den Gemeinderäten fehlen: Erstens hätten Frauen offenbar generell mehr Selbstzweifel als die Männer, ob sie ein politisches Amt schaffen würden. Der Hauptgrund aber sei, dass Frauen dem beruflichen Standbein heute einen höheren Stellenwert gäben. Viele Frauen seien weiterhin beruflich tätig, auch wenn sie Kinder bekommen. Und wer der Kinder wegen den Beruf aufgebe, strebe später möglichst rasch den Wiedereinstieg an. In diesen Situationen habe nebenamtliche Behördentätigkeit fast keinen Platz.

Dennoch hofft Oeggerli, dass in Wila und anderen Gemeinden nach den Wahlen von 2018 wieder mehr Frauen dabei sein werden. Sie findet es deshalb sehr positiv, dass sich eine kürzlich in Turbenthal gegründete Interessengemeinschaft von Frauen aus mehreren Gemeinden für dieses Ziel einsetzt. Es müsse den Frauen wieder stärker gelingen, in der Lokalpolitik mitzuwirken.

Mangelhafte Wertschätzung der Behörden

Eine andere Erscheinung, die Elsbeth Oeggerli besorgt beobachtet, ist das schwindende Vertrauen der Bevölkerung in die Behördenarbeit. «Da wählt man Leute in den Rat und kaum sind sie im Amt, fährt man ihnen lauthals an den Karren». Natürlich sei Kritik manchmal angebracht und nötig, aber die Tonalität findet sie oft unangebracht.

Heute lebt Elsbeth Oeggerli mit ihrem Mann in Pfäffikon. Mit dem Tösstal ist sie aber nach wie vor eng verbunden, hat doch der Sohn das Wohnhaus in der Gerbi bezogen. Dass nun zwischen Wila und Pfäffikon eine direkte Postautoverbindung besteht, ist den Kontakten förderlich, «dies auch für den Besuch des Italienisch-Konversationskurses, den ich seit vielen Jahren bei Claudia Furrer besuche».

 

Einst im Rampenlicht
Einst populäre Persönlichkeiten, die im Tösstal eine Rolle spielten, sind von der öffentlichen Bildfläche verschwunden. Was machen diese Leute heute, wie denken sie über ihr damaliges Wirken und die heutige Welt? Der «Tößthaler» hat einige Frauen und Männer herausgegriffen und mit ihnen Gespräche geführt. Heute mit Elsbeth Oeggerli, der ersten Gemeinderätin in Wila.