«In der Politik ehrlicher diskutieren und einander zuhören»

Sie war zwölf Jahre lang Gemeindepräsidentin von Sternenberg und sieben Jahre lang Kantonsrätin: Sabine Sieber (Fotos: sv)

Sabine Sieber Hirschi war sieben Jahre lang Kantonsrätin, vergangenen Juli ist sie offiziell zurückgetreten. Positive, aber auch negative Erfahrungen nimmt sie aus dieser Zeit mit. Mit ihrem Amt als Gemeindepräsidentin von Sternenberg hat sie allerdings nur positive Assoziationen.

«Ich bin wegen meinem Betrieb zurückgetreten», erklärt Sabine Sieber. Sie führt seit 2005 den Alten Steinshof, ein ruhig gelegenes Seminarhaus in Sternenberg. Nach sieben Jahren im Kantonsrat wurde ihr klar, dass es aus zeitlichen Gründen nicht möglich ist, sich beiden Aufgaben zu widmen. Für den Kantonsrat wolle sie vollen Einsatz geben können, dies sei durch ihr Unternehmen nicht möglich.

Die gelernte Hauswirtschaftslehrerin unterrichtete fast 25 Jahre lang Internatskurse für Mittelschüler, bis sie in Sternenberg den Dorfladen übernahm und dort ihr neues Zuhause fand. 1994 wurde sie in den Gemeinderat gewählt, 2002 übernahm sie das Präsidium, acht Jahre später wurde sie Kantonsrätin. Nebst ihrer politischen Karriere engagierte sie sich bei zahlreichen Vereinen und Organisationen.

Im Kantonsrat neue Kontakte geknüpft

Aus ihrer Zeit als Kantonsrätin in der Finanzkommission nimmt Sieber positive sowie negative Erfahrungen mit. Einerseits erfreute sie sich daran, viele Leute kennenzulernen, auch über die Parteigrenze hinaus. Andererseits sei man auch näher bei der Regierung, das habe ihr gefallen. «Für mich persönlich war es auch sehr schön, zweimal in der Woche nach Zürich zu gehen und dort zu wirken», erzählt sie.

Eines der spannendsten Anliegen war für sie der Vorstoss für einen späteren Schulbeginn zur Entlastung des Öffentlichen Verkehrs und zum Wohl der Jugendlichen. «Wir haben eine Anfrage gemacht und ein Postulat eingereicht, wir hatten aber keine Chance.» In der SP-Fraktion zu sein, bedeute auch in der Minderheit zu sein, man lerne mit Rückschlägen umzugehen, fügt Sieber hinzu. Interessant sei, dass im Kanton St. Gallen und Kanton Basel der spätere Schulbeginn positive Resultate zeigt. Vielleicht sei der Kanton Zürich auch irgendwann bereit, deren Beispiel zu folgen, hofft sie.

Frustrierend seien die ständigen Sparmassnahmen gewesen. «Unsere Hauptaufgabe bestand darin, den Bürgerlichen aufzuzeigen, was diese Sparvorschläge für Auswirkungen auf die Bevölkerung haben.» Sieber war es wichtig, die Landgemeinden aus Sicht der SP zu vertreten, was sonst zu kurz komme. «Den Städten muss man manchmal das Land erklären», lacht sie.

Parteiengeplänkel und kein Raum für Kompromisse 

«Eine negative Erfahrung für mich waren die Politspiele, im Sinn von: Wir sagen uns die Meinung, und anschliessend gehen wir zusammen ein Bier trinken. Ich denke, das ist ein Stück weit auch eine Männerhaltung, dass man während der eigentlichen Diskussion nicht ehrlich genug miteinander ist», meint die 57-Jährige. Im Kanton Zürich würden die Positionen extrem stark demonstriert, dies lasse keinen Raum für Kompromisse – ein Parteiengeplänkel, nennt Sieber es. Es sei schlicht eine Frage der Machtverhältnisse.

« Ich wünsche mir für die Politik,
dass man bereit ist, ehrlich zu diskutieren
und einander besser zuzuhören »

Für sie ist dies auch einer der Gründe, warum viele Frauen den Kantonsrat nach kurzer Zeit wieder verlassen, da diese es anders angehen würden. Wenn man sich diesem Männersystem jedoch anpasse, dann könne man es jahrelang machen. «Ich wünsche mir für die Politik, dass man bereit ist, ehrlich zu diskutieren und einander besser zuzuhören», so Sieber.

Das Parteiengeplänkel sei aber nicht der Grund für ihren Rücktritt gewesen, betont die Baumerin. Sie habe wegen ihrem Betrieb aufgehört. Die Führung des Alten Stein-
hofs beanspruche viel Zeit, zusammen mit ihrem Mandat sei es fast unmöglich. «Es gibt Anliegen, die fordern einen 100-prozentigen Einsatz, da habe ich gemerkt, dass ich das nicht schaffe.»

Als Gemeindepräsidentin etwas bewegen 

«Das Gemeindepräsidium ist das schönste Amt, das man haben kann», meint die ehemalige Gemeindepräsidentin von Sternenberg. Von 2002 bis 2014 hatte Sieber das Gemeindepräsidium inne und hat nur positive Assoziationen mit dieser Zeit. «Man ist nahe bei den Menschen und kann wirklich etwas bewegen», schwärmt sie. Diese Nähe zu den Leuten habe man im Kantonsrat natürlich nicht. Man lerne in dem Amt auch sehr viel, weil man in alles Einsicht erhält, gerade bei einer kleinen Gemeinde.

Die Fusion mit Bauma 2015 war für sie auch aus heutiger Sicht die richtige Entscheidung, vor allem aus finanzieller Sicht. Der Zusammenschluss sei aber oft falsch begründet worden. Sieber ist zum Beispiel nicht einverstanden mit dem Argument, dass einer kleinen Gemeinde gut ausgebildetes Personal fehle. Es komme darauf an, was für eine Stimmung in einem Dorf herrscht: «Wenn die Leute sich einbringen können und etwas bewirken wollen, dann finden sich auch gute Behördenmitglieder.»

« Weniger privilegierte Menschen
für die Politik zu gewinnen,
ist schwierig »

Die Einwohner von Sternenberg sowie von Bauma würden von der Fusion nicht viel merken. Ein kleiner Nachteil sei, dass man sich untereinander nicht mehr so oft sehe: «Früher hatte man in Sternenberg die Gemeindeversammlungen oder man hat sich durch die Behördentätigkeit gesehen.» Grundsätzlich sei man aber zufrieden. Vor allem die Steuerrechnung sehe besser aus als vorher, lacht sie.

Vielseitig engagiert

Neben der politischen Arbeit war Sieber auch in verschiedenen Vereinen und Organisationen engagiert. So war sie von 2011 bis 2014 Präsidentin der Pro Zürcher Berggebiet (PZB). Während dieser Phase ging es darum, das neue «natürli»-Signet auf die Beine zu stellen. Dies sei eine sehr interessante Aufgabe gewesen. Die aktuellen Pläne der PZB für einen regionalen Naturpark im Zürcher Oberland befürwortet sie. «Es ist alles da, wir haben eine regionale Geschäftsstelle und alle Auflagen, die für einen Park nötig sind, sind erfüllt». Mit diesem Park würde man mehr Geld in die Region holen können, es spreche also nichts dagegen. «Leider ist Naturpark nicht das richtige Wort, ein Naturpark hat nichts mit Naturschutz zu tun, erzeugt aber gerade bei den Bauern und Bäuerinnen falsche Vorstellungen.»

Sechs Jahre lang war Sieber die Präsidentin der Zürcher Konferenz für Weiterbildung. Dieses Amt war mit ihrem Mandat im Kantonsrat gekoppelt. Seit 2012 ist sie Vorstandsmitglied in der Genossenschaft Lindenbaum, welche ein breites Ausbildungs-, Berufs-, Integrations- und Wohnangebot für junge Menschen mit besonderen Bildungsbedürfnissen anbietet. Seit 2015 ist sie auch Präsidentin der Patientenstelle Zürich.

Durch diese Engagements sei man meist ausgelastet, da käme unser System an ihre Grenzen, meint Sieber. «Weniger privilegierte Menschen für die Politik zu gewinnen, ist schwierig», fügt sie hinzu. Ein Mandat wie im Kantonsrat würde viel Zeit einnehmen und nicht genug entschädigt werden. Sie findet es sehr schade, dass diese Bürger der Politik verloren gehen. Da müssten auch Arbeitgeber flexibler sein, um den Angestellten ein solches Mandat zu ermöglichen.

Zeit für sich 

Zurzeit ist die gelernte Hauswirtschaftslehrerin in der Kommission des Strickhofs, einem Kompetenzzentrum für Bildung und Dienstleistungen in Land- und Ernährungswirtschaft. Ihr Fokus liegt aber ganz klar bei ihrem Seminarhaus, dem Alten Steinshof. Hier wolle sie nun einiges neu einrichten: «Jetzt habe ich ja Zeit», lacht sie. «Und da ist ja noch der Bauernhof meines Mannes», fügt sie hinzu.

Sieber nutzt ihre neu gewonnene Freizeit auch, um zu lesen und sich mehr in der Natur aufzuhalten. «Darum ist Sternenberg der ideale Wohnort. Hier kann man einfach mal in die Weite schauen und abschalten», schwärmt sie. Nach jahrelangem Engagement, nimmt sie sich nun Zeit für sich.

Sabine Sieber ist seit 2005 Geschäftsführerin des Alten Steinhofs  in Sternenberg
Sabine Sieber ist seit 2005 Geschäftsführerin des Alten Steinhofs
in Sternenberg