Im ZVV-Gebiet wird Wirtschaftlichkeit wichtiger

Für Neuerschliessungen durch den öV gelten im ZVV-Gebiet ab 1. Juli neu Regeln: Ausfahrende S26 beim Bahnhof Saland (Foto: hug)

Anfang Juli trat im Kanton Zürich die revidierte Angebotsverordnung für den öffentlichen Verkehr in Kraft. Bei so genannten Erschliessungslücken wird neu das Kriterium der Wirtschaftlichkeit ebenfalls massgebend. Von den Neuerungen ist unter anderem Turbenthal betroffen. Auf das bestehende Angebot sollten die Änderungen aber keinen Einfluss haben.

Seit dem 1. Juli gelten im Kanton Zürich neue Regeln für die Erschliessung neuer Gebiete durch den öffentlichen Verkehr. Regierungs- und Kantonsrat haben die Angebotsverordnung revidiert, worin unter anderem im Detail steht, welche Gebiete Anspruch auf eine Buslinie oder -haltestelle haben. Mit dieser Revision wurde der Anspruch von Gemeinden auf eine Erschliessung von Siedlungsgebieten mit mindestens 300 Wohn- oder Arbeitsplätzen abgeschwächt.

Während heute die nächste Bushaltestelle höchstens 400 Meter von einem solchen Siedlungsgebiet entfernt sein darf, sind es neu in Ausnahmefällen 750 Meter. Zudem spielt für eine Erschliessung im Rahmen der Grundversorgung neu auch eine Rolle, ob der ZVV eine Bushaltestelle oder Buslinie aufgrund der örtlichen Gegebenheiten wirtschaftlich betreiben kann. So heisst es in der neuen Angebotsverordnung:«Neuerschlies sungen können in allen Angebotsbereichen von wirtschaftlichen Kriterien abhängig gemacht werden. Die Wirtschaftlichkeit bestimmt sich insbesondere nach der Nachfrage, den Betriebskosten und der Eigenwirtschaftlichkeit.» Entleert sich ein Arbeitsplatzgebiet am Wochenende, darf dort der Fahrplan ebenso auf null ausgedünnt werden.

Nicht vordringlich

Dies entspricht dem, was der ZVV in seinem Strategiebericht 2016 bis 2019 zu den Buslinien festgelegt hat. Dort steht: «Die Beseitigung von Erschliessungslücken wird weiterhin nicht als vordringlich eingestuft und stets im Einzelfall geprüft. Innerhalb der nicht erschlossenen Gebiete haben Entwicklungsgebiete und Erschliessungslücken Priorität, die eine gewisse Mindestnachfrage erwarten lassen und sich mit bestehenden Angeboten oder mit Massnahmen zur Engpass-Beseitigung kombinieren lassen.» Ebenso steht es im erst kürzlich veröffentlichten, neusten ZVV-Strategiebericht (2020 bis 2023).

Caspar Frey, Mediensprecher des ZVV sagt auf Anfrage, dass durch die revidierte Angebotsverordnung lediglich die Erschliessungspflicht für einige wenige punktuelle Gebiete im gesamten Kanton entfalle. Nach alter Verordnung gab es unmittelbar vor dem 1. Juli noch 88 einklagbare Lücken in 60 Zürcher Gemeinden. Mit den neu eingeführten Regeln sind es noch 28 – ohne Kriterium der Wirtschaftlichkeit. Turbenthal gehört zu einer der 41 Gemeinden, die von den Neuerungen betroffen ist. Bisher bestand im Bereich der Sonnenbergstrasse eine solche Erschliessungslücke. Entsprechendes Quartier liegt unter anderem knapp ausserhalb des 400-Meter-Radiuses der nächsten Bushaltestelle, «Fridtal» und hätte damit Anspruch auf eine Erschliessung gehabt. Mit der revidierten Verordnung entfällt diese Pflicht.

Seitens Gemeinden könnte die Erschliessung der Lücken eingefordert werden, was aber selten vorkommt. Träte dieser Fall ein, würde die Erschliessung geprüft «und sofern sie zweckmässig ist auch realisiert», sagt Frey. Denn der ZVV habe einen Auftrag zur Erschliessung des Kantons.

Im Dezember 2018 Lücken schliessen

In Turbenthal besteht auch mit neuer Angebotsverodnung eine temporäre Erschliessungslücke. Das bedeutet, dass in einem erschliessungspflichtigen Gebiet weniger als zwölf Kurspaare pro Tag von Montag bis Sonntag verkehren. Konkret ist dies beim an der Buslinie 806 gelegenen Gebiet Kehlhof der Fall. Die Weiler Oberhofen, Neubrunn und Seelmatten an derselben Linie seien aufgrund ihrer Grösse von jeweils weniger als 300 Einwohnern und Arbeitsplätzen aber nicht erschliessungspflichtig, so Frey. Diese Strecke wurde beim letzten Fahrplanverfahren trotz Widerstand ausgedünnt.

Auch in der Gemeinde Bauma gibt es noch zwei temporäre Erschliessungslücken. Es handelt sich um die Gebiete Juckeren/Dillhaus und Bauma Widen. Die diese Gebiete bedienende Buslinie 835 verkehrt nicht an Sonntagen. Ersteres Gebiet liegt ausserhalb des Einzugsbereichs des Bahnhofs Saland, Zweiteres ausserhalb des Einzugsbereichs des Bahnhofes Bauma. «Auf Wunsch der Gemeinde Bauma ist es im Rahmen des Fahrplanverfahrens aber vorgesehen, die Linie 835 ab Fahrplanwechsel im Dezember 2018 auch am Sonntag verkehren zu lassen. Damit werden diese beiden temporären Erschliessungslücken geschlossen», erklärt Frey.

Bestehendes Angebot nicht betroffen

Das bestehende Angebot sollte von den Änderungen aber nicht betroffen sein. «Der Aspekt der Wirtschaftlichkeit ist in der angepassten Angebotsverordnung explizit für Neuerschliessungen definiert. Bereits erschlossene Gebiete sind hiervon also ausgeschlossen», hält Caspar Frey fest. Die Nachfrage auf bestehenden Linien werde aber im ganzen ZVV stets überprüft und allenfalls werde das Angebot angepasst, wenn die Nutzung nicht zufriedenstellend sei. «Dies erfolgt unabhängig von der Angebotsverordnung», fügt er an.

Ebenso verneint der ZVV-Mediensprecher, dass durch die angepasste Verordnung bestehende Linien mit tiefen Kostendeckungsgraden unter Druck geraten, zum Beispiel die Linie 809 von Bauma nach Sternenberg. Diese Buslinie mache gar keine nach Angebotsverordnung erschliessungspflichtigen Siedlungsgebiete zugänglich, «folglich kann auch deren Anpassung keine Auswirkungen auf das Angebot haben», so Caspar Frey abschliessend.

Rolf Hug
Über Rolf Hug 98 Artikel
Redaktor
Kontakt: Webseite