Im Osten nichts Neues

Zuerst erörterten vier sachkundige Diskutanten das Thema Fluglärm im Osten in der Grosshalle Tösstal. Danach gab es Geschenke von den Gemeindepräsidenten (Foto: sr)

Sechs Tösstaler Gemeinden luden am vergangenen Freitagabend zum dritten Mal zur Podiumsdiskussion über das Thema Fluglärm. Regierungsrätin Carmen Walker Späh vermochte in der Grosshalle in Turbenthal trotz ihren Beteuerungen die Fluglärmgegner nicht zu beschwichtigen. Sie plädierte für Geduld und kleine politische Schritte.

Wohl um die 300 Personen dürften sich am vergangenen Freitagabend in der Grosshalle Tösstal in Turbenthal zum Fluglärm-Podium eingefunden haben. Zu Beginn bereitete Regierungsrätin Carmen Walker Späh (FDP) zusammen mit Stefan Tschudin, Chief Operation Officer (COO) des Flughafens Kloten, in einer kurzen Präsentation die Zahlen und Fakten zum Flughafen auf. Die Regierungsrätin betonte mehrmals, wie sehr sie sich auf diese spannende Aufgabe gefreut habe und sich dieser Herausforderung gerne stelle. Und weiter: Sie hätte gerne anspruchsvolle Dossiers. Walker Späh ist der Meinung, dass ihr der Spagat zwischen den Interessen des Flughafens mit 27’000 Mitarbeitern, 270’000 Flugbewegungen und fast 30 Millionen Passagieren und 490 Tonnen Fracht pro Jahr gegenüber dem Schutz der Bevölkerung vor Emissionen gut gelingen würde. Im Laufe des Abends brachte sie deutlich zum Ausdruck, dass sie auf politische Instrumente setzt, die langwierig und zäh sind, aber mit denen in kleinen Schritten etwas erreicht werden könne.

Kanton soll Zuständigkeit behalten

Sowohl die Volkswirtschaftsdirektorin als auch Tschudin bejahten eine künftige Zunahme des Flughafenbetriebes. Sie erwarten, dass ab 2040 rund 50 Millionen Passagiere und 350’000 Flugbewegungen jährlich abgewickelt würden. Trotzdem sei man bemüht, gute Lösungen für die betroffene Bevölkerung zu finden, sagte Walker Späh, die im Verwaltungsrat der Flughafen Zürich AG sitzt. Dabei würde der Osten nicht benachteiligt. Eine Verteilung des Fluglärms sei aber nicht sinnvoll. Dieser müsse wie etwa der Strassenverkehr kanalisiert werden. Tschudin wiederum wies auf neue Flugzeugtypen mit leiseren Triebwerken hin, die viele Fluggesellschaften schon im Einsatz hätten.

Im Kontext zu den zunehmenden Übertretungen der Nachtruhezeiten mache dies keine Hoffnung auf eine baldige Einhaltung der Sperrzeiten. Dieses Regime läge sowieso im Ermessen von Skyguide, die vor allem Sicherheitsaspekte bei ihren Entscheidungen beachten müsse. Dazu komme die Wetterlage: Besonders bei Bise und Nebel sei die Disposition von An- und Abflügen mit den entsprechenden Änderungen der Systeme eine grosse Herausforderung, warb Tschudin um Verständnis. Walker Späh ist mit den permanenten Überschreitungen hingegen unzufrieden: Es bestehe Handlungsbedarf. Sie äusserte in diesem Zusammenhang auch ihr Unverständnis, weil das 2014 ausgearbeitete Betriebsreglement von Deutschland, genauer von der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, bis heute nicht ratifiziert wurde, was letztlich Bern obliege. Dieses Reglement würde die Situation für das Tösstal deutlich verbessern. Sie kämpfe deshalb auch darum, dass die Zuständigkeit für den Flughafenbetrieb beim Kanton verbleibe. Ginge diese zum Bund über, hätte die Bevölkerung noch weniger Mitsprachemöglichkeiten und würde viel verlieren.

Weniger Slots verteilen

Die beiden Fluglärmgegner Thomas Hardegger, SP-Nationalrat und Präsident des Schutzverbandes der Bevölkerung um den Flughafen Zürich und Urs Dietschi, alt Kantonsrat und Vorstandsmitglied im Bürgerprotest Fluglärm Ost, liessen sich von den vagen Beteuerungen nicht beruhigen. Sowohl der stetige Ausbau des Flugbetriebs, den daraus resultierenden Lärm-Mehrbelastungen als auch die Zunahme an Nachtflügen während den Sperrzeiten bereiten ihnen grosse Sorgen. Hardegger stellte dabei ganz grundsätzlich die Entwicklung der Flugmobilität in Frage. Er zeigte auf, dass die Billigflüge subventioniert sind und das Anfliegen von 54 Hauptdestinationen vom Bund gefordert ist. Dabei könne der Flughafen seine externen Kosten nicht decken. «Muss das wirklich sein», fragte er ins Publikum. Und müssten deshalb so viele Menschen gesundheitsbeeinträchtigende Emissionen in Kauf nehmen?

Die Salamitaktik, die Intransparenz und das Verschaukeln der Bevölkerung trügen nicht zur Vertrauensbildung bei. So zeichnete Dietschi das Beispiel eines alten Verkehrsflugzeuges nach, das einfach umgespritzt wird und nun den Eindruck einer neuen, leiseren Maschine erweckt. Unverhohlen brachten die Gegner auch zum Ausdruck, dass der Süden und die Lobby der Flugindustrie den Bedürfnissen der lärmgeplagten Bevölkerung bevorzugt würden. Walker Späh wendete dazu ein, dass die Zahlen keine Benachteiligung des Ostens belegen würden. Dabei bemängelte sie später selbst die Berechnungsmethode des ZFI (Zürcher Fluglärm Index). Die Gegner führten an, im Richtplan sei klar eine Siedlungszunahme in Gebieten der Flughafenagglomeration erkennbar gewesen, was beim Pistenausbau nicht berücksichtigt worden sei. Dies musste die Regierungsrätin schliesslich bejahen. Auch aus dem Publikum kam verärgerte Kritik. Man solle bei jedem Passagier 100 Franken an Gebühren verlangen oder endlich den Treibstoff verteuern, oder ganz einfach weniger Slots vergeben, so die diversen Votanten.

Die Gemeindepräsidenten der beteiligten Gemeinden Turbenthal, Wila, Zell, Bauma, Wildberg und Weisslingen (es fehlte einzig der Baumer Gemeindepräsident Andreas Sudler und dies krankheitshalber) übergaben den Podiumsrednern und dem Moderator Jakob Bächtold, stellvertretender Chefredaktor des «Landboten», am Schluss ein Präsent und bedankten sich für die Bereitschaft, sich diesem Thema an einem Podium zu stellen. Der Zeller Gemeindepräsident Martin Lüdin erwähnte, dass sie weiterhin darauf hinarbeiten würden, Bundesrätin Doris Leuthard (CVP) endlich für einen Besuch im Tösstal zum Thema Flug-lärm im Osten zu gewinnen. Der anschliessende Apéro wurde rege zum Weiterdiskutieren genutzt. Vor allem um Carmen Walker Späh bildete sich eine grosse Menschentraube und für sie war kein Durchkommen zu einer verdienten Erfrischung.

NACHGEFRAGT BEI …
Georg Brunner, Gemeindepräsident von Turbenthal und Präsident des Bürgerprotestes Fluglärm Ost:

Hat das Podiumsgespräch Ihren Erwartungen entsprochen?
Georg Brunner (GB): Ja, wir haben keine grossen Überraschungen erwartet. Es ist eine gute Gelegenheit für die Bevölkerung, sich zu informieren und Fragen zur aktuellen Lage zu stellen. Es ist ein langwieriges Unterfangen und wir müssen einfach dranbleiben. Immerhin wurde auch schon einiges erreicht. Dank der Protestbewegung seit Mitte der 1980er-Jahre konnte ein Ausbau des Ostanfluges bis heute verhindert werden.

Woher kommt Ihr Engagement für den Fluglärmprotest Ost?
GB: Wie gesagt, wir müssen dranbleiben. Das Leitsystem des Flughafens schickt die Flugzeuge immer direkt über den Bahnhof Turbenthal, also unser Zentrum. Deshalb ist es mir besonders auch als Turbenthaler wichtig, mich dafür ehrenamtlich ein zusetzen.

………………………………………………………………………………….

Carmen Walker Späh, Volkswirtschaftsdirektorin des Kantons Zürich:

Wie würden Sie agieren, wenn Sie Gemeinderätin einer betroffenen Gemeinde wären?
Carmen Walker Späh (CWS): Ich würde den politischen Weg gehen und die Plattformen für den Austausch nutzen. Es sind langwierige Instrumente, aber in kleinen Schritten ist damit etwas zu erreichen.

Von den Gesundheitskosten, die aus den Gesundheitsschäden durch die Emissionen geschehen und die Umweltverschmutzung wurde heute Abend nicht gesprochen. Ziehen Sie diese in Ihre Entscheidungen mit ein?
CWS: Es gibt keine Studien, die Gesundheitsschäden durch die Lärmemissionen belegen. Wie auch im Umweltschutz haben wir uns hier nach den Vorgaben des Bundes zu richten.