«Ich kann nur noch gewinnen, verloren habe ich schon»

Teddy Seiler sitzt in seinem selbstgebauten Bushäuschen: Das Fenster rechts nutzt er bis Weihnachten als Adventsfenster (Foto: wir)

Teddy und Lulu Seiler, Besitzer des Campings Wildberg, haben sich mit allen Mitteln gegen die Aufhebung der Bushaltestelle vor ihrer Einfahrt gewehrt – vergebens. Eine neue Situation zwingt sie jetzt erneut zum Handeln.

An der Strecke zwischen Wildberg und Turbenthal liegt der Campingplatz Wildberg. Weil der Zürcher Verkehrsverbund ZVV an dieser Stelle vor fast genau einem Jahr die Bushaltestelle aufgehoben hat, sind Fussgänger gezwungen, den einen Kilometer langen Weg zur nächsten Haltestelle am Rande dieser stark befahrenen und kurvigen Strecke zurückzulegen. Damit nicht genug: In den nächsten Monaten plant der Kanton die Sanierung dieser Strasse, was eine einspurige Verkehrsführung mit Ampelbetrieb auf einer Länge von etwa 400 Metern zur Folge hat. Eine Lösung für Passanten ist dabei nicht vorgesehen. Eine Zumutung, die Teddy Seiler nicht einfach so hinnehmen kann.

Mit einer Protestaktion macht er jetzt erneut auf seine Situation aufmerksam. Er hat ein kleines Bushäuschen mit komfortabler Sitzgelegenheit gebaut und hat dieses an der aufgehobenen Haltestelle platziert. Nicht ohne Grund, musste er sich doch als Antwort auf seine Bemühungen auch einmal den lakonischen Spruch anhören: «Sobald Sie an dieser Stelle ein Bushäuschen gebaut haben, halten wir dort wieder.»

Ein Blick zurück

Der Ärger der Seilers ist verständlich. Als sie Mitte der Achtzigerjahre mit dem Betrieb ihres Campingplatzes begonnen haben, gab ihnen die gefährliche Situation an der Zufahrt zu ihrem Gelände Anlass zur Sorge. Besonders Kinder, die zum Baden zu Fuss an die Töss unterwegs waren, sahen sich einer erheblichen Gefahr ausgesetzt. Seiler stellte den Antrag, vor der Kurve oberhalb seines Platzes eine Geschwindigkeitsbegrenzung aufzustellen und zur Überquerung der Strasse einen Fussgängerstreifen anzubringen. Der Kanton und die Postautobetriebe haben darauf reagiert, aber anders als vom Initianten erhofft. Seilers wurden um rund 50 Quadratmeter enteignet und die Fläche zu einer Bushaltestelle betoniert. Eine Verbesserung zum Nutzen aller, so wurden die Betreiber des Campingplatzes informiert, und immerhin, für den Quadratmeter erhielten sie noch 50 Rappen. Diese Kröte schluckten die Betroffenen gerne, erkannten sie doch auch den Wert einer Postautohaltestelle gleich vor ihrem Platz.

33 Jahre lang verlief der Betrieb der Haltestelle mit Halt auf Verlangen problemlos. Mit Inkrafttreten des Behindertengleichstellungsgesetzes im Jahre 2004 war abzusehen, dass die Situation früher oder später eine Änderung erfordern würde. Die zur Umsetzung der in diesem Gesetz verankerten Massnahmen gesetzte Frist läuft noch bis zum Jahr 2024. Für den Umbau der Bushaltestelle beim Campingplatz Wildberg würden sich die Kosten auf rund 100’000 Franken belaufen. Eine Summe, die die Postautobetriebe angesichts der niedrigen Kundenfrequenz an dieser Stelle nicht aufwenden wollen. Eine Erhebung ergab, dass pro Tag durchschnittlich zwei Personen am Camping zu- oder aussteigen. Aus Kostengründen wurde daher die Aufhebung der Haltestelle auf den Dezember 2015 beschlossen und durchgezogen. Aller Widerstand Seilers war zwecklos, auch ein Brief von Verkehrsministerin Doris Leuthard, in welchem sie für die Situation Verständnis zeigte, half da nichts. Leuthard befand die Lage als gefährlich und ging davon aus, der ZVV würde auf seinen Entschluss nochmals zurückkommen. Einen letzten Trumpf hatten Teddy und Lulu Seiler noch auszuspielen. Im Wissen, dass auf der Strecke Fehraltorf-Turbenthal ein durchgehender Radweg geplant ist, versuchten sie die Aufhebung der Haltestelle mindestens solange hinauszuzögern, bis dieser Weg realisiert ist. Den Spielraum hierfür sahen sie in der Umsetzungsfrist für das Behindertengleichstellungsgesetz bis 2024 gegeben und mit einem gesicherten Fussweg nach Turbenthal würden sie sich durchaus zufriedengeben. Aber auch für diese Lösung zeigten weder der ZVV noch die Behörden ein Einsehen. Die dabei auch ins Spiel gebrachten Sicherheitsbedenken bezüglich Wegfahrt des Busses von der Haltestelle können Seilers nicht nachvollziehen. Im Gegenteil: Die Gefahr für eine Person zu Fuss an dieser Stelle ist ihrer Meinung nach viel höher zu gewichten.

Kommt nun die Wende?

Zurück zur Gegenwart: Teddy Seiler erreicht Dölf Conrad, Wildbergs Gemeindepräsidenten, am Telefon und informiert ihn über seine Aktion mit dem Bushäuschen. Im Gegenzug erfährt Seiler zwei wichtige Fakten: Gemäss Aussage von Brix Frischknecht von der Postauto Schweiz AG gegenüber Conrad liegt der Entscheid für die Weiterführung der Haltestelle bei Urs Günter, Entwicklungsingenieur und Sicherheitsverantwortlicher beim Amt für Verkehr. Ausserdem, so Conrad weiter, ist der Bau des Radweges in den Richtplan des Kantons aufgenommen worden. Ein zweiter Telefonanruf bei Urs Günter zeigt, dass dieser über die geplanten Bauvorhaben nicht im Bilde ist. Ohne zu Zögern hält auch er den Weg für Fussgänger durch die Baustelle für unzumutbar und angesichts der anstehenden Realisation des Radweges zeigt er sich bereit, Brix Frischknecht zur Weiterführung der Bushaltestelle anzuweisen. Solange wenigstens bis der Weg nach Turbenthal auch für Fussgänger gefahrlos zurückgelegt werden kann. Für den Moment also scheint es nun, als hätte sich Seilers Einsatz gelohnt.