«Ich habe mir meine Kandidatur genau überlegt»

Regula Ehrismann möchte Gemeindepräsidentin von Zell werden. Im Interview mit dem «Tößthaler» erklärt sie die Beweggründe für ihre Kandidatur und was sie anders machen würde als ihr Vorgänger Martin Lüdin.

Seit an der Zeller Gemeindeversammlung Anfang Dezember bekannt wurde, dass der amtierende Gemeindepräsident, Martin Lüdin, zu den Erneuerungswahlen der Gemeindebehörden vom 22. April nicht mehr antritt, war Zell auf der Suche nach einer Nachfolge. Kurz vor Jahresende gab das Wahlforum Zell 2018 bekannt, dass Gemeinderätin Regula Ehrismann (EVP) ihren Hut in den Ring geworfen hat.

Frau Ehrismann, weshalb kandidieren Sie für das Gemeindepräsidium von Zell?

Regula Ehrismann: Weil Martin Lüdin zurückgetreten ist. Ich habe ich mit vielen Leuten gesprochen, zu aller erst mit meiner Familie. Aber auch mit den Gemeinderäten, die zur Wiederwahl antreten. Von ihnen wollte respektive konnte das Gemeindepräsidium niemand übernehmen. Also entschied ich mich zur Kandidatur. Mit ein Grund ist, dass aus meiner Sicht jemand das Präsidium übernehmen sollte, der schon Erfahrung im Gemeinderat sammeln konnte.

Wären Sie auch angetreten, wenn Martin Lüdin nochmals kandidiert hätte?

Nein, definitiv nicht. Ich hätte ihm das Amt nicht streitig gemacht.

Wünschen Sie sich aber eine weitere Kandidatur, damit die Stimmbürger eine Auswahl haben?

Es darf gerne nochmals jemand kandidieren. In diesem Fall würde ich mit meinem Mitstreiter das Gespräch suchen und mir meine Kandidatur nochmals überlegen. Wäre der andere Anwärter top motiviert und voller Elan würde ich meine Kandidatur eventuell sogar wieder zurückziehen. Denn ich habe eine gesunde Portion Respekt vor dem Amt und als ich mich zur Kandidatur entschloss, war ich ob meinem Mut selbst ein wenig überrascht.

Was würden Sie als Gemeindepräsidentin anders machen als ihr Vorgänger?

Ich bin eine andere Person und würde sicherlich weniger im Rampenlicht stehen. Ich suche das Rampenlicht nicht aktiv, scheue es aber auch nicht. Ausserdem würde ich wahrscheinlich gewisse Arbeiten, die heute der Präsident erledigt, auf den Gemeinderat verteilen. Ich muss schauen, dass ich mein Pensum tief halten kann und das Amt für mich zeitlich machbar ist.

Martin Lüdin hat sehr viel geleistet. Er war aber bereits pensioniert. Meine Situation ist eine andere: Ich arbeite noch 40 Prozent in einer Kita in Winterthur. Und ich habe zwei Kinder und vier Pflegekinder im Alter zwischen 13 und 19 Jahren, die alle noch in der Schule respektive in Ausbildung sind. Für das Amt der Gemeindepräsidentin rechne ich mit einem 40-Prozent-Pensum. Als Vorsteherin des Ressorts Soziales habe ich heute ein Pensum von etwa 15 Prozent. Sie sehen, ich habe mir meine Kandidatur genau überlegt, werde mir mein Pensum sehr genau einteilen müssen und denke nicht primär: «Juhui: Jetzt bin ich vielleicht bald Präsidentin.»

Apropos Ressort: Heute hat der Präsident das Finanzressort inne? Würden Sie bei Ihrer Wahl das Sozialressort abgeben und die Finanzen übernehmen?

Nein. Ich fühle mich wohl im Ressort Soziales. Die definitive Verteilung der Ämter erfolgt aber erst, wenn sich der neue Gemeinderat konstituiert hat. Aber es gilt das Anciennitätsprinzip: Wenn von den Bisherigen niemand die Finanzen möchte, dann muss sich ein neues Mitglied in die Zahlen hineinknien.

An den Gemeindeversammlungen im Juni und im Dezember, wo es jeweils um die Jahresrechnung respektive das Budget geht, hört man zum Beispiel in Bauma jeweils, dass die Sozialausgaben steigen. Sei es für die gesetzliche wirtschaftliche Hilfe, die Ergänzungsleistungen für die AHV/IV oder für Ausgaben in der Pflege. Stimmt dieser Trend für Zell ebenfalls?

Eins zu eins würde ich das nicht unterschreiben. In den letzten zwei, drei Jahren konnten wir die Sozialausgaben etwa auf demselben Niveau halten. Was aber auch bei uns stetig steigt, sind die Pflegefinanzierungskosten. Dies hat einerseits mit der neuerdings höheren Heimtaxe zu tun, die für einen Platz im sanierten Pflegezentrum Im Spiegel bezahlt werden muss. An diese Taxe gekoppelt ist der Kostenanteil der Gemeinde, der durch die TaxenErhöhung ebenso steigt. Andererseits ist der Kostenanteil für die Gemeinde je höher, desto pflegebedürftiger eine Person ist. Und da wir immer älter aber eben auch gebrechlicher werden, steigen auch diese Kosten.

Was kann eine Gemeinde gegen diese steigenden Kosten tun?

Das ist eine schwierige Frage. Letztlich mit dem Ergreifen von Massnahmen, die bekannt und auch schon eingeleitet sind: Zum Beispiel dem Ausbau der Spitex, damit ältere Menschen möglichst lange zuhause leben können. Und dem Befolgen des Grundsatzes: Ambulant anstatt stationär, wo dies möglich ist.

Anlässlich der Kantonsratswahlen im Frühjahr 2015 haben Sie vorgeschlagen, dass die Soziallasten gerechter auf alle Gemeinden des Kantons verteilt werden sollen. Im Gespräch ist auch immer wieder eine Art innerkantonaler Soziallastenausgleich. Nimmt das kostenbewusste Handeln der Gemeinden bei einer Zentralisierung
respektive Umschichtung von Kosten nicht ab?

Das glaube ich nicht. Es ist allen Gemeinden ein Anliegen, die Kosten tief zu halten. Im Kanton Zürich sind die Sozialkosten sehr ungerecht verteilt. Gewisse Gemeinden haben eine hohe Anzahl an Sozialfällen. Dies aufgrund soziokultureller Strukturen, die sie nicht grosse beeinflussen können. Eine reiche Gemeinde an der Goldküste zieht aufgrund des teuren Wohnraums kaum Sozialfälle an, eine Agglomerationsgemeinde wie Zell mit tiefen Mietzinsen jedoch schon. Und auf die Mietzinse können wir kaum Einfluss nehmen. Angesichts dieser Ausgangslage wäre es doch gerecht, wenn Gemeinden mit tiefen Sozialhilfequoten in einen Topf zahlen würden, woraus die stärker belasteten Gemeinden dann Geld erhielten. Aber natürlich nicht einfach mit der Giesskanne.

Kommen wir zurück zur Gemeinde Zell: Was sind Ihrer Meinung nach
die wichtigsten Geschäfte, die in den nächsten vier Jahren anstehen
werden?

Eines der wichtigsten Geschäfte ist die Umstrukturierung der Gemeindeorganisation. Auf die nächste Legislatur wird das Geschäftsleitungsmodell in der Verwaltung eingeführt, gewisse Behörden und Kommissionen werden verkleinert oder aufgelöst. Am Anfang wird es sicherlich noch diverse Abstimmungsschwierigkeiten geben unter anderem in der Frage, wer nun genau welche Aufgaben und Kompetenzen hat. Diese Umstrukturierung gilt es eng zu begleiten und dafür zu sorgen, die neue Organisation auf stabile Füsse zu stellen. Ich rechne damit, dass dies
sicherlich ein Jahr oder mehr in Anspruch nehmen wird.

Falls Sie gewählt würden: Wo wollen Sie Akzente setzen?

Grundsätzlich möchte ich vieles beibehalten, so wie es ist. Ich denke da zum Beispiel an die soliden Gemeindefinanzen, die wir zu einem guten Teil auch Martin Lüdin zu verdanken haben. Wenn ich von anderen
Gemeinden höre, dass dort das Budget abgelehnt wurde, dann kann ich mir ein solches Szenario für Zell überhaupt nicht vorstellen. Ich glaube, in Zell ist das Vertrauen in die Behörden sehr gross. Ich möchte mich dafür einsetzen, dass dieses Vertrauen erhalten bleibt.

 

Zur Person

Regula Ehrismann ist in Zell aufgewachsen, verheiratet und wohnt mit ihrer Familie in Rikon. Die 1964 geborene Sozialpädagogin war von 2009 bis 2014 Mitglied der Sozialbehörde und ab 2014 Gemeinderätin. Ausserdem ist sie Präsidentin der EVP Zell.

Sieben Sitze, sieben Kandidaten
Wie einer Medienmitteilung der Gemeinde zu entnehmen ist, kandidieren für die sieben Sitze im Gemeinderat genügend Personen. Nach den Rücktritten von Kurt Nüesch, Ruedi Gähler und Martin Lüdin kandidieren nebst den wieder antretenden Bisherigen: Stefan Deinböck aus Zell, Patricia Heuberger aus Rikon und Markus Kernen aus Kollbrunn. Der 1962 geborene Kernen ist Immobilientreuhänder und Mitglied des Bürgerlichen Gemeindevereins. Die 1979 geborene Heuberger ist Geografin und Mitglied der SP. Der parteilose Deinböck hat Jahrgang 1967 und ist Architekt und Wirtschaftsinformatiker.
Rolf Hug
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