Hotlines für Bauern läuten: Bauernsterben hält an

(Grafik Tarik Kesen)

Der Umbruch im Milchmarkt stellt auch manchen Tösstaler Bauernbetrieb vor die Existenzfrage. Denn gerade der Talboden besteht aus Grünland, ist daher angestammtes Gebiet der Milchbauern und Viehzüchter. Wo Milch produziert wird, geraten die Betriebe unter Druck. Der kantonale Bauernverband weiss: Diese Landwirte haben die meisten der neuen Auflagen zu erfüllen, während sie gleichzeitig weniger verdienen.

Zwischen 1985 und 2013 ist die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe auf Zürcher Gebiet um volle 43 Prozent geschrumpft. Bis 1990 wurden die Höfe jährlich um weitere 1,8 Prozent dezimiert. Ab 1990 bis 2000 machten jedes Jahr 2,3 Prozent der Betriebe zu. Und bis 2013 fiel dann jedes Jahr von 100 Betrieben etwa einer weg. Die grösste Abnahme war zu beobachten in den Regionen Zürich, Limmattal und Glattal. In den Regionen Winterthur, Unterland, Weinland, Pfannenstiel und Oberland verlief die Abnahme unter dem Durchschnitt. Wurden in der Region Winterthur vor 30 Jahren noch über 1000 Bauernhöfe gezählt, so sind es heute noch knapp die Hälfte.

Die Dunkelziffer der Suizide

Das «Bauernsterben» ist leider mitunter durchaus wörtlich zu nehmen. Wenn der Bauernhof stirbt, stirbt auch der Bauer. Und einige – eine Zahl lässt sich unmöglich ermitteln – setzen dem Leben, das zu schwer geworden scheint, selbst ein Ende. Der Schweizerische Bauernverband sprach schon von einer «Suizid-Serie». Im Kanton werden die zunehmenden Existenzängste nicht schöngeredet. Es war der Zürcher Bauernverband ZBV, der schweizweit als erster ein Notfalltelefon aufschaltete. ZBV-Geschäftsleiter Ferdi Hodel ist leider überzeugt: «Suizide sind eine nicht zu unterschätzende Dunkelziffer. Wir werden auch am Telefon mit Bauern konfrontiert, die den Selbstmord zur Sprache bringen.»

So niederschwellig wie möglich

Das Notfalltelefon blieb nicht ungenutzt. Und dies, obwohl die Zürcher Bauern beim ZBV schon zwei andere Ratgeberangebote zur Verfügung haben: «Offeni Tür» (gemeinsam mit den Landfrauen) und der «Beratungsdienst» (sechs Agronomen stehen parat). Weil diese nicht zeitnah auf akute Notrufe reagieren können, wurde die Nummer 079 150 32 32 in Betrieb genommen. Ferdi Hodel nimmt kein Blatt vor den Mund: «Wenns einem verschissen geht, muss man jederzeit anrufen können.» Im Notfall wäre das bei Hansueli Lareida. Die Stelle ist als 20-Prozent-Pensum definiert. «Mit einem einzigen Gespräch ist es nicht getan», sagt der Agronom. Die Gespräche sind vertraulich, darum äussert sich Lareida auf Anfrage des «Tößthalers» zurückhaltend. Die Anzahl der Anfragen aufs Notfalltelefon seien konstant. Gründe der Anrufe sind: zwischenmenschliche Probleme, Arbeitsüberlastung, Gefühl der Überforderung, finanzielle Probleme. Mitunter wird wuchtig auch mal überhaupt die Sinnfrage nach dem Leben gestellt. Ein Gespräch kann weitere Hilfeleistungen in Gang bringen. Der Berater gliedert das vordergründige Hauptproblem in Teilbereiche, «um dann problemspezifisch an Lösungen zu arbeiten. Wir spüren und haben den Eindruck, dass diese Hilfestellung geschätzt wird und das Angebot fester Bestandteil unserer Dienstleistungen bleiben wird.» Der ZBV will die Zahl nicht offiziell kommunizieren, das Angebot werde aber «leider gut genutzt». Erfreulich wertet der Geschäftsleiter, dass die Bauern dem ZBV damit das Vertrauen schenken.

Im Teufelskreis

«Zuhören ist das wichtigste», sagt der Hodel. «Oft ist so ein Anruf ein Hilfeschrei.» Und manchmal ruft nicht der Betreffende, sondern jemand aus dem Umfeld an, der von Äusserungen alarmiert ist. Nicht selten finde sich der Bauer in einer Spirale aus Problemen, die immer schneller drehe. Der Bauernverband unterstützt mit Beratern, Hilfskräften, Treuhändern, Seelsorgern. Häufig seien Bauern mit den administrativen Pflichten überfordert, die in den letzten Jahren überproportional zugenommen haben. «Am wichtigsten ist, der Person die Motivation zurückzugeben», hat Ferdi Hodel festgestellt. Doch manche rufen eben nicht an. Der Bauer ist ein Einzelkämpfer, manch einer klappt eher zusammen, bevor er ein Amt um Hilfe bitten würde. Hodel warnt die Berufskollegen:

«Burnout macht auch vor Bauern nicht Halt.» Nur, dass ein Bauer das anders nennen würde: Erschöpfung, Ermüdung. «Die Fachleute diagnostizieren dann das Burnout.» Solange er irgendwie funktioniere, werde ein Bauer sich weiterhin dazu zwingen, morgens aufzustehen, um die Tiere zu versorgen. Suchtberater wissen: im bäuerlichen Bereich ist die Zuflucht zu Alkohol, dem «männliche Problemlöser», eine Gefahr.

Hotline ohne Zeitdruck

Seit 20 Jahren nimmt unter Nummer 044 869 21 68 Rös Angst, selbst pensionierte Bäuerin, das Telefon ab; sie ist Anlaufstelle von «Offeni Tür». Es hat für die Anrufer Vorteile, wenn die bewährte Persönlichkeit am anderen Ende ist. Selbst wer sie nicht persönlich kennt, spürt im Gespräch eine Vertrautheit. Rös weiss, wo dem Bauer der Schuh drückt. «Viele Anrufer melden sich wegen familiärer Probleme. Man redet auf dem Hof zu wenig miteinander, das führt schnell einmal zu Spannungen in der Ehe. Und wenn Jung und Alt nicht miteinander redet, aber doch noch mit einander unter einem Dach wohnen, auf demselben Betrieb arbeiten und somit auskommen muss, kann sich bald ein Generationenkonflikt auftun.»

Ohne beraterische Unterstützung können Spannungen eskalieren, dass ein Scherbenhaufen zurückbleibt. Jungbauern machten ihr den Eindruck, als nutzten sie die Beratungsstellen effizienter. Man lerne das heutzutage ja schon in der Bauernschule, meint Rös Angst, «ich bekomme es eher mit den älteren Semestern zu tun.»

Triage zu Fachpersonen

Rös Angst hört sich beim Erstanruf die Probleme an – eine Zeitbeschränkung gibt es nicht, «ich hab ja Zeit.» Danach leitet sie den Fall im Sinn einer Triage an die entsprechende Fachperson weiter, welche betriebswirtschaftliche, juristische und psychologische Beratung anbieten. Sie selbst will keine Lösungsvorschläge machen. «Da halte ich mich bewusst zurück – ich bin ja nur Bäuerin!»

Dass auch Landwirte der ländlich geprägten Region Tösstal die Dienstleistung in Anspruch nehmen, liegt auf der Hand. Da die Milchbauern im Oberland stark vertreten seien, so weiss die vertraute Stimme am Telefon zu berichten, erhöhe sich die Problematik aufgrund des Milchpreiszerfalls.