Hilfsbereitschaft oder Helfersyndrom?

Ich schaue mir am Fernsehen eine Werbung an. Ein Mann steht mit dem Rücken zum Bildschirm und gibt einem zweiten, der suchend auf dem Boden kniet, Anleitungen: «Ein bisschen mehr nach rechts, und jetzt gerade aus….», bis die Person seinen Ring, der ihm hinunter gefallen war, gefunden hat. Dieser bedankt sich für die Hilfe und erhält die Antwort: «Gern geschehen, wir Blinde helfen gerne…» Diese Szene berührt mich immer aufs Neue. Eigentlich müsste es umgekehrt sein, der Sehende sollte dem Sehbehinderten helfen. Aber nein, der Blinde ist der Helfende, der dank seines scharf trainierten Gehörs genau orten kann, wo der Ring hingefallen war.

Bei einer Sehbehinderung können viele Menschen zum Beispiel die Anzeigetafeln auf einem Bahnhof nicht lesen, so dass es schwierig ist, das rechte Perron zu finden, den richtigen Zug zu nehmen oder in die richtige Richtung zu fahren. Es ist keine grosse Hilfe wenn dann ein Passant antwortet: «Sehen Sie dort oben, da ist alles angeschrieben». Erst wenn sie merken, dass die Person es nicht lesen kann, helfen sie weiter. Richtiges Helfen verlangt, aufeinander einzugehen, sich Zeit zu nehmen, auch wenn die Begegnung kurz und
zufällig ist.

Es kann vorkommen, dass man als Sehbehinderte plötzlich allein in einer Menschenmenge steht. Die Begleitung ist verschwunden und links und rechts schwirren nur noch wildfremde Männer und Frauen um einen herum, die es alle furchtbar eilig haben. Am liebsten würde man selber auch verschwinden oder in den Boden versinken. Wie von einem Engel geschickt, ertönt dann plötzlich eine Stimme, die sagt: «Du suchst jemanden? Komm ich sage dir in welche Richtung du gehen musst, wenn du willst».

Jeden Morgen trage ich, auch wenn meine Augen sich kaum öffnen können, eine Tasse Kaffee für mich und meinen Mann die Treppe hoch ins Schlafzimmer. Es ist schon vorgekommen, dass ich ein wenig von dem geschätzten Getränk verschüttet habe. Bei dieser Aktion ist ein gewisses Risiko vorhanden. Aber ich fühle mich glücklich, dass ich dieses immer wieder eingehen darf. Es ist ja nichts Lebensgefährliches, was ich da unternehme. Doch es stärkt mein Selbstvertrauen und gibt mir das Gefühl, noch für etwas da zu sein.

Hilfsbereitschaft kann auch negative Seiten haben. Als Jüngste nahmen mir meine Schwestern immer wieder die Entscheidung ab. «Der Herbst kommt, du brauchst wärmere Kleider», sagten sie etwa und an einem bestimmten Tag machten wir uns auf ins Modehaus. Nie hatte ich mich getraut selber ein Kleid anzuprobieren, bevor es die Schwestern als gut befunden hatten. Ich war so sicher, etwas Schönes zu kaufen, wenn meine beiden Begleiterinnen davon begeistert waren. Erst mit der Zeit, als ich alleine im Ausland lebte, lernte ich mich selber um meine Kleider und mein Aussehen überhaupt zu kümmern.

Beim Schreiben fällt mir ein, wie oft ich gerne über andere bestimmt habe und selber entschied, was ihnen gut tut. Leide etwa auch ich an einem Helfersyndrom? Als neugebackene Kindergärtnerin lebte ich einige Jahre bei meinen Eltern. Meine Mutter wollte gerne an meinen Freitagen mit mir zusammen den Haushalt besorgen. Aber ich war so stur, dass ich wütend wurde, wenn sie mit mir zusammen arbeiten wollte. So schickte ich sie etwa nach dem Mittagessen zum Mittagsschlaf. Sie durfte mir nicht helfen, weil ich alleine aufräumen wollte. Das gab mir ein gutes Gefühl. Ich konnte nicht begreifen, warum sie sich so wehrte. Jedes Mal hatten wir eine riesengrosse Diskussion deswegen. Erst später habe ich begriffen, dass ich damals selber bestimmt hatte, was meiner Mutter gut tun würde und meine Hilfe von mir bestimmt war.

Auf der anderen Seite verhielt sich meine Mutter mir gegenüber ebenso. Sie hatte als Kind gerne und gute Aufsätze geschrieben. So beobachtete sie mich oft beim Aufgabenmachen und versuchte mitzuhelfen. Das ärgerte mich, aber ich hatte keinen eigenen Platz und musste am Esstisch in der Wohnstube arbeiten, wo es leicht war, mich zu kontrollieren. «Ich hätte viel lieber, du würdest mir bei der Geometrie helfen», schrie ich oft wütend. Aber das wollte sie nicht und konnte es auch nicht, wie sie sagte.

«Selber mache!», schreien oft kleine Kinder. Das zuzulassen ist für viele Erwachsenen nicht immer leicht. Aber das strahlende Gesicht beim Auftragen einer grossen Schüssel Gemüse oder Fleisch zeigt, wie wohl sich das Kind fühlt, etwas Nützliches beizutragen, wie die Erwachsenen. Ehrlich gesagt kriege ich immer noch Hühnerhaut, wenn die kleinsten Enkel Tee oder andere warme Getränke selber einschenken wollen. Aber einmal müssen sie es ja lernen.

Vreni, eine ehemalige Oberschwester im Universitätsspital in Bern, ist sehr selbständig. Sie ist Single geblieben. Ihre Hilfe geht so weit, dass sie, wenn sie mit jemandem essen geht, immer alles bezahlen will. Ganz gleich, ob sie mit einer oder mit vielen Menschen ausgeht. Das ist oft peinlich, weil die Teilnehmer manchmal unbekannt sind. Es gibt keine Möglichkeit, das zu ändern. Sie setzt ihre Freunde damit unter Druck indem sie droht: «wenn ich nicht bezahlen darf komme ich nie mehr mit.» Helfen kann egoistisch und mühsam sein, wenn nicht gegenseitig Rücksicht genommen wird.

Hilfsbereitschaft ist eine gute Eigenschaft. Doch sie kann zu einer Art Krankheit oder zu einem Zwang werden, nämlich dann, wenn ich nur darum helfe, dass ich mich selber gut fühle. Die Hilfe ist dann aufgezwungen und wird nicht als wirkliche Hilfe empfunden.