Grosser Bahnhof für den «Schneckenzug»

Ein Doppelstockzug der 3. Generation: Ein Zug dieses Typs wird ab 22. September das Wappen der Gemeinde Zell tragen. (Foto: SBB)

In zwei Wochen wird ein S-Bahn-Zug der neusten Generation auf den Namen der Gemeinde Zell getauft. Zum Festakt am Bahnhof Rikon werden rund 1000 Besucher erwartet. Deshalb laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren.

Es kommt nicht oft vor, dass ein Zug der SBB nach dem Namen einer Tösstaler Gemeinde getauft wird: Am 22. September wird ein doppelstöckiger S-Bahn-Zug von Stadler Rail auf dem Bahnhof von Rikon getauft und wird ab dann das grüne ­Gemeindewappen mit der Schnecke tragen. Die Gemeinde Zell organisiert rund um diese Taufe einen «grossen Bahnhof», zu dem 65 geladene Gäste aus Politik und Verkehrsbetrieben sowie 1000 Gäste aus der Bevölkerung erwartet werden.

Viele Freiwillige helfen mit

Damit am Riesenanlass alles klappt, sind über 50 freiwillige Helfer aus den lokalen Vereinen für das Einrichten des Festplatzes, für die Verpflegung und die Verkehrsregelung engagiert. «Ich bin beeindruckt, wie viele Freiwillige sich ohne Weiteres bereit erklärt haben, zum Gelingen dieses Festes beizutragen», sagt Martin Lüdin, Initiant der Zugstaufe und bis vor kurzem Gemeindepräsident der Gemeinde Zell. Die Zugstaufe solle auch dazu beitragen, die neue direkte Zugsverbindung aus dem Tösstal nach Zürich, die S11, besser ­bekannt zu machen. Die neue ­S-Bahn-Linie nimmt am 10. Dezember ihren Betrieb auf.

Eine zufällige Begegnung

Wie kommt es nun, dass ein ­neuer S-Bahn-Zug das Gemeindewappen von Zell tragen wird? «Das war Zufall», verrät Martin Lüdin. An einer Tagung vor etwa einem Jahr habe er Franz Kagerbauer, Direktor des Zürcher Verkehrsverbunds (ZVV), und Werner Schurter, Leiter der SBB Region Ost, angetroffen. «Ich kannte beide, deshalb kam ich mit ihnen ins Gespräch», erzählt Lüdin. Bei dieser Gelegenheit habe er seine Gesprächspartner gefragt, wie man als Gemeinde zu einem Zug oder einer Lok komme. So habe er erfahren, dass dafür die SBB zuständig sei. «Ein paar Tage später habe ich der SBB eine schriftliche Anfrage geschickt», so der ehemalige Zeller Gemeindepräsident. Die SBB habe seine Anfrage wohlwollend aufgenommen und versprochen, das Anliegen zu prüfen.

Dies war vor gut einem Jahr. Bald darauf konnte Werner Schurter dem damaligen Zeller Gemeindeoberhaupt einen positiven Bescheid geben. «Darauf stellte der Gemeinderat Zell einen Budgetposten von 20’000 Franken für die Zugstaufe in den Voranschlag 2018, der an der Budgetgemeindeversammlung vom Dezember 2017 von den Stimmberechtigten bewilligt wurde», schildert Lüdin den weiteren Fortgang des Projekts «Zugstaufe». Doch wozu dieser Aufwand? «Der Gemeinderat Zell wollte schon seit Längerem einen grossen Anlass organisieren, damit sich die Bewohner der verschiedenen Ortsteile begegnen und kennenlernen können», erläutert Lüdin. Dies sei gerade auch hinsichtlich des raschen Wachstums der Gemeinde wichtig, und ein solcher Vernetzungsanlass sei in der Vierjahresplanung des Gemeinderats entsprechend vorgesehen gewesen.

Bahnhofplatz verwandelt sich in Festplatz

Rund 1000 Besucher zu mobilisieren, welche der Taufe des Zeller Zugs beiwohnen, sei von Anfang an das Ziel gewesen, sagt Lüdin. Bereits kurz nach Bekanntgabe Ende August, dass die Gemeinde Billette für die beiden geplanten Rundfahrten mit dem «Schneckenzug» verschenkt, waren alle verfügbaren Tickets weg, darunter rund 400 an Schüler mit ihren Eltern. «Wir haben allen Primarschülern in der Gemeinde Zell die Möglichkeit gegeben, ihre Eltern und Geschwistern einzuladen», hebt Tauffest-Initiant Lüdin hervor. Unterdessen stünden praktisch keine Fahrscheine mehr zur Verfügung. Rund 900 seien vergeben worden. «Einzelne Billette werden vielleicht am 22. September am Informationsstand erhältlich sein, mehr nicht», betont Lüdin.

Der Bahnhofplatz von Rikon wird sich für die Zugstaufe in einen Festplatz verwandeln. Für die Redner und Rednerinnen wird eine Bühne aufgebaut. Damit sich die Festbesucher bequem verpflegen können, werden an 15 Tischen rund 300 Sitzplätze angeboten, an denen die Gäste die eigens für dieses Fest hergestellte «Schneckenwurst» der Metzgerei Jucker geniessen können, sagt Peter Lüthi, Verantwortlicher für den gesamten Verpflegungsbereich anlässlich der Zugstaufe. Dazu kommen ein Kühlwagen, vier Kühlschränke, vier Grillroste und vier Klapptheken sowie ein WC und eine Mulde für die Entsorgung. «Wer ein Rundfahrtbillett hat, bekommt die «Schneckenwurst» und ein Getränk offeriert», sagt Lüthi. Für die Verpflegung seien den ganzen Tag während sieben Stunden 20 freiwillige Helfer im Einsatz.

Taufe mit Tösswasser

Neben der Bevölkerung von Zell seien alle Gemeinderäte der Nachbargemeinden Zells sowie der Seuzacher Gemeinderat eingeladen: «Das Tösstal und Seuz­ach teilen sich die neue S11 halbstündlich», erklärt Martin Lüdin. Darüber hinaus würden die Verantwortlichen von Transportunternehmungen sowie Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh als oberste Verantwortliche für den öffentlichen Verkehr im Kanton Zürich willkommen geheissen. Die Harmonie Turbenthal wird mit etwa 35 Musikern den festlichen Anlass musikalisch umrahmen.

10 Minuten nach 10 Uhr wird der mit Blumen geschmückte «Schneckenzug» am 22. September im Bahnhof Rikon einfahren. Gleich danach wird der Taufakt stattfinden. «Der Zug mit der Zeller Schnecke wird nicht mit Champagner getauft, sondern mit Tösswasser», verrät Lüdin.

 

 

 

Zunehmende Mobilität

Ausgangspunkt für die Einführung der S11 als Direktverbindung aus dem Tösstal nach Zürich ist das allgemeine Bevölkerungswachstum im Tösstal, das sich unter anderem in der regen Bautätigkeit spiegelt. Martin Lüdin war während seiner Zeit als Gemeindepräsident von Zell auch Präsident der Regionalplanung Winterthur und Umgebung (RWU) und hat sich deshalb intensiv mit Raumplanungs- und Verkehrsplanungsfragen befasst. «Wenn die Bevölkerung wächst, muss sich diese auch bewegen können», sagt Lüdin und ergänzt: «Die Kapazität der Strassen im Tösstal lässt sich nur geringfügig erweitern. Deshalb muss die zunehmende Nachfrage nach Mobilität mit einem besseren Angebot des öffentlichen Verkehrs bewältigt werden.»

Die Idee einer zusätzlichen S-Bahn-Linie war aber keine Idee der RWU: «Die RWU hat zuhanden des Verkehrsverbunds und des kantonalen Verkehrsrats lediglich die Anzahl der notwendigen Verbindungen Richtung Winterthur und Zürich vorgegeben.» Die Umsetzung dieser Vorgaben sei Sache des Verkehrsverbunds und der SBB als Transportunternehmen gewesen. Den Anstoss zur Schaffung der S11 gab die Beobachtung, dass die heutige S12 in Seen re­lativ lange steht, bevor sie wieder nach Zürich fährt. So kam die Idee auf, die Züge Richtung Tösstal zu führen. Vorerst mussten aber Anpassungen an der Strecke vorgenommen werden, um für die Züge mehr Ausweichmöglichkeiten zu schaffen und das Trasse und die Weichen für die Doppelstockzüge anzupassen. Die neue S11 wird ab 10. Dezember stündlich bis respektive ab Sennhof-Kyburg fahren. In den Hauptverkehrszeiten am Morgen und am Abend wird sie bis/ab Wila verkehren, mit Halten in Kollbrunn, Rikon und Turbenthal. Gleichzeitig wird für die S26 der Halbstundentakt zwischen Winterthur und Bauma eingeführt. Zu diesem Zweck wurden die Bahnhöfe Sennhof-Kyburg und Saland zu Kreuzungsstationen mit Personenunterführungen ausgebaut.

Die SBB investierten insgesamt 54 Millionen Franken in den Ausbau der Tösstallinie zwischen Winterthur und Rüti. Die Finanzierung erfolgt über den Rahmenkredit für die 4. Teil­ergänzung der Zürcher S-Bahn. Dieser Kredit wurde im Oktober 2010 vom Kantonsrat gutgeheissen. 40 Prozent der Kosten übernimmt der Bund mit Mitteln aus dem Programm für den Agglomerationsverkehr.