Grosseltern bereichern die Enkelwelt

«Wir gehen nicht weit weg in die Ferien, damit wir, wenn unser Enkelkind auf die Welt kommt, schnell zurück sind», sagt mir meine Freundin durch den Telefonhörer. Sie wartete jahrelang vergeblich und sehnsüchtig auf praktiziertes Grossmuttersein. Nun steht das Grossereignis kurz bevor. Ich gebe zu, dass meine Skepsis wuchs über die letzten Monate, da sich unser Austausch doch sehr einseitig gestaltete. Dafür weiss ich bestens Bescheid über jede Tagesform von werdender Mutter und Grossmutter. Mir wäre dies zu nah. Wie wird das Kind dies zukünftig erleben?

Können sie sich an ihre Grosseltern erinnern? Waren sie oft bei ihnen? Wie war ihr Verhältnis? Ich erlebte die Grosseltern unterschiedlich, aber ähnlich wie meine meisten Mitgspänli damals. Väterlicherseits sah ich Grossmutter und Grossvater nur besuchsweise und selten. Familiengeschichten spielten da hinein. Jüngere Enkelkinder haben da wenig Einfluss. Bei den anderen Grosseltern war ich viel in den Ferien und habe es sehr genossen. Auch weil meine Cousinen und Cousins so nah waren. Noch heute erinnere ich mich an die Überraschungen aus der Küche von meiner grazilen, ruhigen Grossmutter oder an die Dispute mit meinem Grossvater über den Krieg. Erst als ich grösser war, er schon verstorben, konnte ich seine Sichtweise etwas nachvollziehen. Er kam dadurch erstmals aus seinem Tal heraus, sah Neues, Fremdes.

Ein Grossvater erzählt mir über die Enttäuschung, dass er seine Enkelkinder, gleich nebenan wohnend, beinah nie zu Gesicht bekommt. «Ja es ist schon traurig. Da freut man sich auf das Grossvatersein und kann es nicht mal ausüben», murmelt er. Wiederum andere Grosseltern haben eine ausgefüllte Agenda mit Hütediensten bei ihren Enkelkindern. Distanzen spielen dabei keine Rolle mehr. Plus: Grosseltern sind heute viel aktiver und gesünder als früher. Schwierigkeitsgrad: Ein ausgeglichener Rhythmus zwischen allen Nachkommen. Je mehr eigene Kinder desto komplexer. Jedoch steht, trotz der Intensität, fast überall die Freude und Bereicherung im Vordergrund.

Ich selber kann dazu keine eigenen, frischen Erfahrungen beisteuern. Noch zwei meiner Kinder sind Zuhause, die Grossen erproben ihre Selbständigkeit in Beruf und eigener Wohnung. Das Engagement von Grosseltern jedoch bekomme ich im nahen Umkreis mit. Meine beiden Jüngsten profitieren vom Erfahrungs- und Geschichtenpotenzial, wenn sie bei ihren Freunden sind und deren Grosseltern die Betreuung innehaben. An anderen Orten wird die normalerweise herrschende Gehässigkeit unterbrochen durch die Anwesenheit von Grosseltern. Eine entspannte Spielatmosphäre wird den Kindern stattdessen geboten. Manches erfahre ich über den Gartenzaun. Grosseltern erzählen über die Freude, ihre Enkel so nah erleben zu dürfen. Aber auch, dass sie am Abend doch nudelfertig seien und mehr Erholungsbedarf brauchen. Dankbare Eltern übernehmen fliessend den Abenddienst, auch wenn der Berufsalltag anstrengend war.

Wie ist es mit Ihnen? Sind sie bereits Grossmutter, Grossvater? Wie erleben sie diesen Lebensabschnitt? Was ist ihnen dabei wichtig? Können sie ihre Wünsche äussern, umsetzen? Werden sie damit wahrgenommen? Setzen sie gar Grenzen? Auch wenn dies bedeutet, dass sie sich weniger um Enkelkinder kümmern möchten? Oder verkörpern Enkelkinder ihren Lebensmittelpunkt? Sind sie Eltern von einem Sohn der Vater wurde? Da scheint die Ausgangslage etwas vielschichtiger zu sein. Diese Grosseltern kommen offenbar weniger zum Zug ihre Enkelkinder zu betreuen. Ist das Vertrauen zur eigenen Mutter einfach grösser?

Aufschlussreich war ein Gespräch zwischen zwei älteren Damen an einem Nebentisch in einem Café. Die eine Frau erzählt über ihren vollen Terminkalender, der mit drei Tagen Enkelhüten pro Woche besetzt sei. «Ja, man möchte es doch den eigenen Töchtern einfacher machen als man es selbst erlebt hat.» Die zweite Dame wird in Kenntnis gesetzt von Alter, Grösse Vorlieben, Charaktereigenschaften des Enkelsegens. Nach etlichen Minuten wird die geduldige Zuhörerin angefragt, ob sie auch Enkelkinder habe. Die Angesprochene lächelt und meint: «Ja natürlich. Aber ich bin eben eine Bubenmutter und sehe sie nur selten. Wenn die Kinder mal grösser sind, tauchen sie hoffentlich von alleine bei uns auf. Die Zwischenzeit nutze ich für mich und bin oft auf Reisen. Das weitet meinen Horizont und schenkt mir Stoff für zukünftige Gespräche mit meinen Enkelkindern.» Sie lächelt noch einmal kurz, steht auf und entschwindet durch die Menschenmenge.

Egal in welcher Konstellation und Häufigkeit: Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Grosseltern heute einen grossartigen Einsatz leisten. Eine kostbare Bindung darf entstehen zwischen Grosseltern und Enkeln. Die Wertschätzung dafür ist in den Familien hoch, doch innerhalb der Gesellschaft wenig sichtbar. Erhobene Zahlen des Bundesamtes für Statistik sollen hier Abhilfe leisten. Die Leistungen der dritten und vierten Generation in Bezug auf Betreuung belaufen sich nach ersten Schätzungen jährlich auf rund 99 Millionen Stunden oder einer Wirtschaftsleistung von zwei Milliarden Franken. Die öffentliche Hand wird dadurch stark entlastet. Die damit verbundene Forderung, die freiwillige Leistung von Grosseltern bewusst zu machen, ist wesentlich. Wer also ältere Menschen nur als Kostenfaktor betrachtet, bezieht diese geleistete Arbeit nicht mit hinein. Gefährlich wird es auch hier, wenn Generationen gegeneinander ausgespielt werden. Wir sind auch zukünftig aufeinander angewiesen. Sofern man eine stabile Gesellschaft anstrebt.