Gottlob, sie rauscht noch

Mit «sie» ist die Töss gemeint. Nach einer heissen Nacht dringt das Rauschen des Wassers wie wunderbare Musik in meinen Ohren. Vor zwei Jahren war der Fluss einige Zeit stumm und ausgetrocknet. Damals hatte ich keine Ahnung davon, dass so was passieren könnte. Seit wir 1996 an unseren Wohnort nach Rikon gezogen sind, ist der Fluss neben dem Garten eine meiner grössten Freuden. Seit meiner frühesten Kindheit habe ich mir gewünscht, am Wasser wohnen zu dürfen. Dieser Wunsch ist in Erfüllung gegangen und ich freue mich täglich darüber.

Den Namen «Töss» hörte ich zum ersten Mal in der vierten Klasse. Weil im Emmental Lehrermangel herrschte unterrichtete uns ein Vertreter aus Zürich. Dieser machte uns mit dem Tösstal vertraut. Mit grossem Interesse las ich die Geschichte vom «Änneli», wo Olga Meier auch die gefährliche Seite dieses Flusses beschreibt. Trotz meinem grossen Interesse kam mir das alles so fremd und weit entfernt vor.

Dass es Wasser in Hülle und Fülle gibt, war für mich lange Zeit selbstverständlich und es war mir nicht bewusst, welche kostbare Gabe das ist. Das änderte sich erst, als ich mit meiner Familie in Afrika lebte. Da gab es im Dorf einen älteren Mann namens Bensa, den wir als unseren Wasserträger engagierten und dafür bezahlten. Täglich schleppte er in einem riesigen Tontopf, den er auf dem Kopf trug und der zwischen zwanzig und dreissig Kilogramm wog, Wasser vom nahen Fluss zu unserem Haus. Dort füllte er zwei grosse Fässer, sodass wir immer genügend Wasser hatten. Es war kein klares Wasser, sondern trübes Flusswasser. Manchmal befanden sich sogar kleine, rote Würmchen drin, besonders in der Trockenzeit. Das beunruhigte die Einheimischen nicht, also liessen auch wir uns von diesem Umstand nicht beeindrucken. Die Dorfbewohner wussten genau, wovor man sich zu hüten hatte und was harmlos war.

Zudem hatten wir einige geniale Geräte von Zuhause mitgebracht, «made in Wallisellen, Switzerland». Das eine war ein Tropffilter. Am Abend füllten wir in den oberen Behälter das Wasser mit den Würmchen. Am andern Morgen durften wir uns dann aus dem unteren Behälter an zehn Litern kristallklarem, geruchsneutralem und keimfreiem Trinkwasser erfreuen. Auf dem gleichen Prinzip war auch der kleine Pumpfilter konstruiert, den man bequem auf Reisen mitnehmen konnte. Kriegte man im Busch draussen Durst und fand eine Kloake, so liess sich in kürzester Zeit auch aus diesem Wasser erfrischendes Trinkwasser gewinnen.

Auch zum Duschen waren wir auf dieses Wasser aus dem Fluss angewiesen. Mein Mann brachte am Boden eines Wassereimers einen Hahn mit einer Brause an. Diesen Eimer konnte man an einem Gebälk aufhängen und bequem darunter duschen. Doch der Gedanke, sich zusammen mit den roten Würmchen zu erfrischen, behagte uns dann doch nicht so ganz. Also bauten wir aus einem dritten Fass eine Art Sandfilter. So versank das Wasser erst im Filter, bevor es dann in die beiden anderen Fässer floss. Das half. Der gröbste Schmutz und auch die kleinen Würmchen blieben im Filter hängen.

Auf die Einheimischen konnten wir uns verlassen. Das andere Gewässer auf der anderen Seite unseres Hauses war nicht so harmlos wie der Fluss. Dort konnte sich eine gewisse Art von Wasserschnecken entwickeln, die als Zwischenwirte von wiederum einer Art kleiner Würmchen dienen, den Schistosoma. Wer in dieses Wasser steigt läuft Gefahr, von diesen Würmchen angegriffen zu werden. Die bohren sich durch die Haut in den Körper und verursachen die gefährliche Krankheit Bilharzia. Also Hände weg von diesem Wasser!

Während ich über all diese Dinge, die ich mit meiner Familie in Afrika erlebt hatte nachdenke, drehe ich wie automatisch den Wasserhahn beim Schüttstein auf. Ich habe mich schon so gewöhnt an diese Bequemlichkeit, dass ich mich nicht einmal darüber freuen mochte.

Es ist noch dunkel, ich scheine weit und breit die einzige Person zu sein, die schon so früh unterwegs ist. Nicht weit von unserem Haus entfernt befindet sich eine Wasserschwelle. Hier macht die «Töss» ihrem Namen, die eigentlich «die Tosende» heisst, alle Ehre. Der Fluss macht einen beachtlichen Lärm und rauscht mir ein riesiges Glücksgefühl in die Ohren. Wir sind mitten in einer ausserordentlichen Hitzewelle und trotzdem hat es noch genügend Wasser, so dass es in die Morgenstille hinein plätschert und rauscht.

«Wie erholsam und gut habe ich es doch», fährt es mir durch den Kopf. Dankbar, aber voller Mitgefühl denke ich an die vielen Menschen, die sehnsuchtsvoll auf Regen warten, weil ihre angesäten Felder zu verdorren drohen und sie nicht wissen, ob sie überleben werden, wenn sie nichts mehr zu essen haben.

Auf dem Rückweg erinnere ich mich an einen fünfjährigen Jungen aus Chicago, der mit seinen Eltern während eines Aufenthalts in Winterthur bei uns übernachtete. Wenn irgend möglich spaziere ich mit Besuchern, besonders mit Kindern, dem Wasser entlang. Das tat ich auch mit ihm. Als er ein Jahr später wieder in die Schweiz kam, fanden er und seine Eltern ein Nachtquartier in Winterthur. Er war so enttäuscht, dass er nicht mehr bei uns sein konnte. Er rief mich an und bat mich: «komm doch wenigstens ein einziges Mal mit mir zum Fluss.» Mit Freuden erfüllte ich ihm diesen Wunsch. Ja, das rauschende Wasser in der Töss ist nicht nur eine Freude für Frauen wie mich, sondern auch für Kinder – eigentlich überhaupt für alle – für Gross und Klein.