Gedanken zum Osterfest

In letzter Zeit bewegt mich immer wieder ein Ausspruch von Mahatma Gandhi: «Liebe ist die stärkste Macht der Welt und doch ist sie die demütigste von allen.» Dieser Satz ist eine starke Behauptung, wenn wir uns fragen, ob er der Wirklichkeit denn auch Stand hält. Ist das, was uns tagtäglich in den Zeitungen, in Fernsehsendungen und im Internet an Hass, Gewalt und Zerstörung gemeldet wird, nicht viel stärker? Und stossen wir Menschen nicht sehr schnell immer wieder an die Grenzen unserer Liebesfähigkeit? «Liebe ist die stärkste Macht der Welt und doch ist sie die demütigste von allen.» Das ist im Grunde ein Glaubens- und Hoffnungssatz. Es lässt sich nicht beweisen, dass er stimmt. Als Christin ist er für mich aber nicht nur ein philosophischer oder abstrakter Satz, sondern untrennbar verbunden mit dem Leben und mit der Person von Jesus. Jesus Christus hat mit seinem Leben gezeigt, was Liebe ist.

Gerade in dieser Karwoche und an Ostern erinnern wir uns besonders an sein Wirken, an sein Leiden und Sterben und an seine Auferstehung. Jesus lässt in seinem Leben für die Liebe keine Grenzen gelten. Er ist davon überzeugt: Gottes Liebe gilt allen Menschen. Er lebt und verwirklicht sie in der Gemeinschaft mit allen. Und gerade auch mit denen, die nach dem damaligen religiösen Verständnis von Gottes Liebe ausgeschlossen galten. Er riskiert alles für die Liebe: dass man ihn abweist, demütigt, verurteilt und am Kreuz hinrichtet.

Jesus sagt im Johannesevangelium im Hinblick auf sein Sterben: «Das Weizenkorn muss in die Erde fallen und sterben, sonst bleibt es allein. Aber wenn es stirbt, bringt es viel Frucht.» (Johannes 12, 24). Für mich ist es eines der wunderbarsten Worte, die uns von ihm überliefert sind. Es umschreibt ein tiefes Lebens- und Glaubensgeheimnis. Es spricht zwar vom Sterben, aber doch viel mehr vom Leben. Jesus deutet das Bild vom sterbenden Weizenkorn auf sich selbst, beschreibt damit seinen eigenen Weg. Denn er wird aus lauter Liebe zu den Menschen dem eigenen Sterben nicht ausweichen. Dem Weizenkorn gleich stirbt er jedoch nicht nur, sondern wird an Ostern durch Gottes Liebe zu neuem Leben erweckt.

Wenn Jesus sagt, dass das sterbende Weizenkorn viel Frucht bringt, dann meint er damit nicht nur seine eigene Auferstehung. Frucht bringen wird auch, dass Menschen sich zurufen: «Christus ist auferstanden.» Denn das wird sie mit Glaube und Hoffnung erfüllen und zum Leben befreien. Es wird sie ermutigen, sich für das Leben einzusetzen. Dafür, dass auch andere überall auf der Welt ein menschenwürdiges Leben haben können.

Der kirchliche Liederdichter Jürgen Henkys (1929 – 2015) hat dieses Jesuswort in einem Lied als zentrale Glaubensaussage der Bibel einmal neu zur Sprache gebracht:

Korn, das in die Erde,
in den Tod versinkt, 

Keim, der aus dem Acker
in den Morgen dringt – 

Liebe lebt auf,
die längst erstorben schien: 

Liebe wächst wie Weizen,
und ihr Halm ist grün.

An Ostern feiern wir, dass die Liebe tatsächlich die stärkste Macht der Welt ist – sogar stärker als der Tod. Deshalb sagt Paulus im Brief an die Gemeinde in Rom: Es gibt nichts, aber auch gar nichts, was uns von Gottes Liebe trennen kann (Römer 8,38f).