Fotografieren ist ein bisschen wie Fliegen

Jeanne Rellstab mit einer selbstgebauten Camera Obscura. Durch das kleine Loch in der Front des Schuhkartons wird das Bild der Kerze kopfüber auf die rückseitige Pergamentfolie projiziert (Foto: wir)

Jeanne Rellstab, Präsidentin des Ortsmuseumsvereines Fischenthal, fand eine gute Beschreibung für die Vernissage «Als das Fotografieren noch eine Kunst war» vom vergangenen Freitag: Fotografieren ist wie das Fliegen, etwas, das die Menschen immer schon gerne tun wollten.

Im Jahre 1978, anlässlich der 1100-Jahre-Feier der Gemeinde Fischenthal, organisierte der Ortsmuseumsverein seine erste Ausstellung und bei den damals gezeigten Exponaten handelte es sich ausschliesslich um Leihgaben. Heute, 40 Jahre später, hat sich das Blatt gewendet und die Bewohner kommen auf den Verein zu, wenn sie sich von museumswürdigen Gegenständen trennen möchten oder bei einer Hausräumung auf geschichtsträchtige Gegenstände gestossen sind. Sogar von Personen ausserhalb der Gemeinde Fischenthal kommen ab und zu Anrufe mit dem Hinweis auf abzuholende Gegenstände. Mittlerweile hat Kurator Heinz Zwissig alle Hände voll zu tun mit dem Verwalten des ganzen Fundus. In seiner Obhut befinden sich besonders viele Kameras, was ihn zum Vorschlag einer Ausstellung zu diesem Thema bewog. Bei den anderen Aktivisten stiess diese Idee auf Anklang, allerdings musste das Thema erweitert werden auf die ganze Spanne an Gegenständen, die zum Fotografieren dazugehören.

Eine umfangreiche Ausstellung

Zusammengekommen ist eine sehr breite Palette an Utensilien, angefangen bei Film- und Fotokameras jeden Alters, Fotos, Bildern, Projektoren und vielem mehr. Bestaunen konnte man diese Exponate zu Klängen aus dem Akkordeon von Ronja Schlegel aus Wetzikon. Mitten im Raum standen zwei riesige Glasvitrinen, ausgelegt mit vielen technischen Errungenschaften der Fotogeschichte. Die beiden runden Vitrinen mussten für die Ausstellung durch das Fenster in den Raum gehievt werden, für den Weg durch die Türe waren ihre Ausmasse zu gross. Zu einigen ausgestellten Negativ-Glasplatten wusste Jeanne Rellstab eine besondere Geschichte zu erzählen: Der Chronist einer Nachbargemeinde hatte bei einem Fotografen in Lichtensteig alte Fotos aus Fischenthal gefunden und mit dieser Information die Kommission neugierig gemacht. Eine Delegation machte sich auf die Suche, doch erst nach intensivem Einsatz stiess man auf 20 Glasplatten mit über hundert Jahre alten Aufnahmen aus Fischenthal.

Viele der ausgestellten Gegenstände wurden mit farbigen Nummern versehen. Dank dieser Merkmale konnte sich der Besucher anhand grosser Dokumentationen an den Wänden informieren. Vereinsmitglied Mona Grütter, die nach eigenen Angaben dem Fotografieren nicht sehr nahesteht, hat sich in aufwendiger Kleinarbeit über die Exponate schlau gemacht und deren Beschreibungen, Erklärungen oder Geschichten zu Papier gebracht.

Fotografieren ist nach wie vor aktuell

Ein besonders interessanter Teil der Ausstellung befasste sich mit Werken der Fotografin Barbara Davatz, die selber an der Vernissage anzutreffen war und über ihre Arbeit Auskunft gab. Davatz hat sich als Pressefotografin für verschiedene grosse Verlagshäuser einen Namen gemacht. Zwei von ihr herausgegebene Bücher mit Portraitfotografien lagen zum Durchblättern auf, in einem zeigt sie Bilder von Paaren, die sie über den Zeitraum von über 30 Jahren mit ihrer Kamera begleitet hat.

Heute sind wir in der Lage, mit nahezu jedem Smartphone Bilder von hoher Qualität zu schiessen und von dieser Möglichkeit wird, zum Teil schon exzessiv, Gebrauch gemacht. Gefällt uns eine Aufnahme nicht, wischen wir sie mit einer einfachen Bewegung in den virtuellen Papierkorb. Auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind, diese Errungenschaft verdanken wir nicht zuletzt all den Pionieren, die schon vor hunderten von Jahren von der Idee des Fotografierens besessen waren. Erst Anfang des neunzehnten Jahrhunderts ist es jedoch gelungen, Fotos zu Papier zu bringen und einigermassen für die Nachwelt haltbar zu machen. Im Gegensatz zu heute galt es, unbrauchbare Aufnahmen tunlichst zu vermeiden, waren diese doch zwangsläufig immer mit Folgekosten verbunden. In diesem Kontext hatte Jeanne Rellstab jedenfalls keine Mühe, die Frage nach der steifen Haltung und den ernsten Gesichtern auf antiken Fotos zu erklären. Wollte man ein Bild von sich machen lassen, erschien ein Mann mit einem grossen Kasten und einem schwarzen Tuch. Waren dann einmal alle Personen richtig aufgestellt und bereit für den Auslöser galt es, für die der langen Belichtungszeit entsprechende Dauer still zu halten. «Jede noch so kleine Bewegung hätte eine Unschärfe auf dem Bild zur Folge», und, da ist sich Rellstab sicher, «jedes Lächeln wäre dabei eingefroren.»