Fischenthal wechselt ins Internet 

Für die Gemeinde Fischenthal ist ab dem 1. März die Gemeindewebsite das amtliche Publikationsorgan  (Cartoon: Tarik Kesen)

Ab diesem Jahr können Gemeinden ihre amtlichen Publikationen auch rechtsgültig im Internet publizieren. Fischenthal wird dies ab dem 1. März tun. Werden Amtliche nur noch im Internet publiziert, hat dies sowohl für die Stimmbürger als auch für die Regional- und Lokalzeitungen massive Einschnitte zur Folge.

In letzter Zeit ist viel von amtlichen Publikationen die Rede. Sei es in Bezug auf das kantonale Amtsblatt, das aufgrund eines Rekurses beim Verwaltungsgericht sicher dieses Jahr doch noch gedruckt erscheinen wird. Oder sei es im Zusammenhang mit Presseberichten von Gemeinden, die amtliche Publikationen zukünftig rechtsgültig im Internet publizieren werden. Dies ist seit diesem Jahr aufgrund des neuen Gemeindegesetzes möglich. Und genau dies hat der Gemeinderat Fischenthal letztens beschlossen, wie er im Verhandlungsbericht vom Januar mitteilte. Ab 1. März ist die Gemeindehomepage www.fischenthal.ch das amtliche Publikationsorgan. Publikationen werden ab diesem Zeitpunkt nur noch elektronisch veröffentlicht.

Tiefe Internetnutzung bei den über 65-Jährigen 

Der Grund für diesen Schritt erklärt der Gemeinderat Fischenthal in seinem Bericht mit der frappanten Zunahme der Internetnutzung. Diese Entwicklung weise darauf hin, dass «das amtliche Publizieren über eine Zeitung heute nicht mehr zeitgemäss oder gar zwingend ist.» Ausserdem besteht jederzeit die Möglichkeit, die amtlichen Publikationen am Schalter der Einwohnerkontrolle in ausgedruckter Form zu beziehen. Der Fischenthaler Gemeindepräsident, Josef Gübeli, sagt auf Anfrage, dass es um die Erreichbarkeit möglichst vieler Bürger gehe. «Und dies ist heute zweifelsohne über das Internet gegeben, welches jederzeit verfügbar ist.»

« Es geht um die Erreichbarkeit möglichst vieler Bürger. Das ist heute zweifelsohne über das Internet gegeben» 

Josef Gübeli, Gemeindepräsident von Fischenthal 

«Der Tößthaler» ist ausserdem mit einigen schriftlichen Fragen an den Fischenthaler Gemeindeschreiber Roman Zogg gelangt. Zum Beispiel wie ältere Menschen, die keinen Computer haben, an die amtlichen Publikationen gelangen, wenn diese nur noch im Internet publiziert sind? Vor allem, wenn man davon ausgeht, dass diese Personen abseits wohnen und nicht so mobil sind. Zogg verweist zur Beantwortung der Fragen auf den detaillierten Protokollauszug der entsprechenden Gemeinderatssitzung, der auf der Gemeindehomepage aufgeschaltet ist. Darin wird auf Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS) von 2017 verwiesen, die aufzeigen, dass 90 Prozent der erwachsenen Personen in der Schweiz das Internet nutzen und dass bei Senioren, die das Internet brauchen, eine deutliche Zunahme zu verzeichnen ist. Das stimmt zwar. Die Zahlen des BFS zeigen aber auch, dass immer noch fast ein Viertel aller 65- bis 74-Jährigen das Internet nicht nutzt. Bei den über 75-Jährigen sind es sogar mehr als die Hälfte.

Internet kein Allheilmittel 

Konkrete Zahlen für die Internetnutzung im Tösstal liegen nicht vor. Jedoch hat Christian Brändli, Chefredaktor des «Zürcher Oberländer», in einem Leitartikel von Ende November letzten Jahres auf eine vom Institut Demoscope vor gut zwei Jahren durchgeführte repräsentative Erhebung im Zürcher Oberland hingewiesen. Diese hat ergeben, dass immerhin acht Prozent über keinen Internetzugang verfügen. Von den Alleinlebenden oder von solchen ohne Erwerbstätigkeit, also in erster Linie Rentnern, sind es über ein Viertel. Es gibt sie also, die Internet-Abstinenten.

Erkenntnisse liefert auch eine von Pro Senectute in Auftrag gegebene Studie namens «Digitale Senioren» vom Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich von 2015, die sich spezifisch auf über 65-Jährige konzentriert. Mittels einer repräsentativen telefonischen und postalischen Erhebung in der gesamten Schweiz wurden bei insgesamt 1037 älteren Personen ab 65 Jahren Informationen zu ihrer Person, ihrem Internetnutzungsverhalten und ihren Einstellungen zum Internet erhoben. Die Studie kommt zum Schluss, dass der Anteil der Senioren, die online sind, seit 2010 zwar zugenommen hat. Das Resultat zeigt aber auch, dass hochgerechnet auf die gesamte Bevölkerung ab 65 Jahren 44 Prozent der Senioren das Internet nicht nutzen.

« Bisher haben wir rund eine Million Franken im Jahr mit amtlichen Anzeigen ein-genommen. Diese Zahl wird massiv einbrechen.»

Dani Sigel, CEO der Zürcher Oberland Medien AG, im Oktober 2017 gegenüber dem Onlinemedium «Kleinreport» 

Die Studienautoren folgern, dass gerade diese eher technikfernen Senioren heute durch die Digitalisierung zunehmend von Informationen und Dienstleistungen abgeschnitten würden. «Das Internet ist keine Lösung für soziale Probleme oder Isolation und sollte also nicht als Allheilmittel angepriesen werden», schreiben die Autoren, «sondern es sollten auch weiterhin Alternativzugänge zu Informationen und Dienstleistungen, zum Beispiel der klassische Bank-und Bahnschalter, erhalten bleiben.»

Massiver Einbruch an Einnahmen 

Der Erhalt solcher Zugänge ist natürlich auch eine Frage der Kosten. Die Gemeinde Fischenthal rechnet durch den Verzicht auf das Veröffentlichen der amtlichen Publikationen in ihrem heutigen Publikationsorgan, dem «Zürcher Oberländer», mit Einsparungen von rund 30’000 Franken. Die Abwanderung von Amtlichen ins Internet führt bei den Regional- und Lokalzeitungen als Folge zu massiven Problemen und trifft diese hart. Dies zeigt sich gerade am Beispiel der Zürcher Oberland Medien AG, die unter anderem den «Zürcher Oberländer» herausgibt. CEO Dani Sigel sagte gegenüber dem Onlinemedium «Kleinreport» dazu: «Bisher haben wir rund eine Million Franken im Jahr mit amtlichen Anzeigen eingenommen. Diese Zahl wird massiv einbrechen.» Regional sei man zwar gut unterwegs – auch kommerziell –, national nehme die Werbung aber wie fast überall stark ab. Die Zürcher Oberland Medien AG musste darauf reagieren. Sie hat die Redaktion neu strukturiert, den Standort Dübendorf gestrichen und den Standort Winterthur verkleinert. Ausserdem werden sieben Mitarbeiter entlassen, drei davon auf der Redaktion.

Auch beim «Tößthaler» machen die amtlichen Publikationen einen wichtigen Anteil am Ertrag aus. Verlagsleiterin Katharina Leutenegger sagt, dass diese knapp 100’000 Franken ausmachen. Was würde passieren, wenn diese Einnahmen wegbrechen würden? Leutenegger dazu: «Wir setzen uns beim ‹Tößthaler› schon seit längerem mit dem neuen Gemeindegesetz auseinander und haben das persönliche Gespräch mit den Gemeinden gesucht. Der Tenor war, dass alle Gemeinden in den nächsten drei bis fünf Jahren weiterhin in unserer Lokalzeitung publizieren werden.» Trotzdem dürfe sich auch der «Tößthaler» den sich verändernden Rahmenbedingungen nicht entziehen. «Wir erarbeiten deshalb derzeit neue Zusammenarbeitsformen, damit unsere Zeitung weiterhin für den Service Public der Gemeinden eine Bedeutung hat», sagt Leutenegger.

«Nachdem wir seit 2015 auf ein qualitatives Wachstum setzen, um mit unserer Zeitung neue Leserinnen und Leser zu gewinnen, wären Sparmassnahmen in der Redaktion jedenfalls der falsche Weg.» Eine kleine Umfrage bei den Tösstaler Gemeinden bestätigt, dass eine ausschliessliche Publikation im Internet für sie momentan noch nicht in Frage kommt.

Viele Fragen bleiben offen 

Doch was passiert, wenn sich der allgemeine Trend ins Internet fortsetzt? Würden Lokal- oder Regionalzeitungen aussterben? Was wären die Alternativen? Keine Zeitung? Nur noch Online-Zeitungen? Oder dass alle Gemeinden via Verwaltung ein eigenes, kleines Amtsblatt herausgeben? Wo würde dieses publiziert? Auch nur im Internet? Wird dessen Produktion kostengünstiger sein? Ist ein gemeindeeigenes Blatt Garant für eine offene Debatte? Werden darin bei einer Gemeindeabstimmung auch Gegner zu Wort kommen? Und was passiert mit den Personen, die über keinen Internetzugang verfügen? Werden diese marginalisiert?

Diese Fragen müssen vorerst offen bleiben. Christian Brändli hat in seinem Leitartikel etwas Wichtiges in Erinnerung gerufen. Nämlich, dass gedruckte Zeitungen für den Bürger weiterhin die wichtigsten Quellen sind, wenn es um die Beschaffung von Nachrichten aus der Region geht. Und ausserdem, dass sich Stimmbürger oder generell Politikinteressierte in erster Linie über Zeitungen informieren. Das hat eine Vox-Analyse von 2016 gezeigt.

Katharina Leutenegger betont weitere wichtige Aspekte: «Mit der Publikation von amtlichen Informationen im Internet werden diese von der bisherigen Bringschuld der Gemeinden zu einer Holschuld der StimmbürgerInnen. Damit wird die Informationsbeschaffung für uns EinwohnerInnen aufwändiger.» Ausserdem stelle sich die Frage, wo Debatten zu wichtigen kommunalen Themen stattfinden sollen. «Wo sollen Leserbriefe, Kommentare und Hintergründe publiziert werden? Ich gehe davon aus, dass diese Debatte nicht auf den Websites der Gemeinden, sondern gar nicht mehr erfolgen wird. Ob das eine gewünschte Entwicklung ist, bezweifle ich», so die Verlagsleiterin des «Tößthalers».

 

Rolf Hug
Über Rolf Hug 146 Artikel
Redaktor
Kontakt: Webseite