Fernsicht auf Gewitterwolken

Das Aufsatzthema nach den Ferien haben meine beiden Jüngsten bereits im Kopf: Ich bin ein Wasserträger. Noch läuft unser Dorfbrunnen. Die Buben fahren mit dem alten Veloanhänger zum kühlen Nass und füllen die mitgebrachten Giesskannen. Mit unzäh­ligen Fahrten bringen sie mir Wasser, das ich dann gezielt an Gemüse, Blumen und Bäume in unserem Garten um das Haus verteile. Trotzdem lichten sich die noch vor wenigen Tagen reich behangenen Äste der Birn-, Apfel- und Zwetschgenbäume. Die Wiesenfläche ist schon längst braun, hart der Boden. Dafür können wir uns zwischendurch mit reifen Reineclauden stärken. Pfirsiche und Nektarinen scheinen das Wetter zu geniessen. Noch nie hatten wir so viele am Baum. Noch hängen und reifen sie. Tomaten und Gurken wuchern mit unterstützender Wassergabe in die Höhe, sodass ich eine Leiter für die Ernte brauche. Dennoch, ganz klar: Wir haben viel zu wenig Wasser. Und dies seit Wochen. Nein seit Monaten. Der Verlauf von unverhofft auftauchenden Gewitterzellen beobachten wir akribisch (ich mit Blick gegen den Himmel, meine «Männer» auf dem Display des Smartphones). Immer mit der Hoffnung verbunden, dass wir auch in den Genuss von Regentropfen kommen. Doch fassungslos sehen wir, wie sich jeweils die Wolken teilen über unserem Dickbuch. Links und rechts ziehen sie an uns vorbei. Zweimal fällt noch wenig ersehntes Nass vom Himmel, das kaum den Boden netzt und bereits in der Luft verdunstet. Einziger Vorteil: Kein Hagel.

Weide- und Grasflächen sind inzwischen weitgehend verdorrt. Noch wenige Rotkleebüschel harren aus in der Hitze. Noch nie habe ich erlebt, dass bereits im Juli die Getreideflächen gedroschen sind. Der Ertrag war gut. Dies ist bei den verbleibenden Kulturen definitiv nicht der Fall. Zuckerrübenfelder leuchten gelb. Als Hohn erscheint da die Aussage von offiziellen Stellen, dass eine guten Ernte zu erwarten sei. Das viele Mostobst liegt bereits unausgereift am Boden. Mit Bangen betrachten die Bauern hier ihre eingezäunten Maisfelder. Wann tragen die spitz ­aufragenden Blätter einen Grauschleier? Soll man besser jetzt die noch grünen Stengel mit kleinen Kolben einsilieren, damit das wenige Futter noch zu retten ist? Bislang fehlen zwei ergiebige Schnitte Emd oder Silage. Das letzte Mal konnte das wenige Gras fast trocken gemäht werden. Die Frage, womit das Vieh füttern, jetzt und im Winter, lässt die Sorgenfalten auf den Stirnen der Bauern immer tiefer werden. Vielleicht ist zukünftig eine Umstellung auf Zeburinder eine Option.

Wenige Bäche führen noch ­etwas Wasser, viele sind ausgetrocknet. Die Quelle bei meinem unteren Pflanzblätz bietet noch ein Rinnsal. Das Giessen damit zieht sich in die Länge, weil sich die Kannen nur im Zeitlupentempo füllen. Sogar im angeblichen Jahrhundertsommer 2003 floss das Wasser hier noch ergiebiger. Die vielzähligen, unterschiedlichen Sommervögel sind verschwunden. Vögel hört man kaum noch Singen. Nur die Heugümper hüpfen weiter in noch nie gesehener Vielfalt umher. Ach ja, was sind eigentlich Schnecken? Stattdessen ent­decken wir Neuzuzüger: Zauneidechsen sonnen sich in den Hochstammanlagen, eine Schlingnatter am Waldrand.

Bis vor wenigen Tagen staunte ich über die Stabilität im Wald. Bäume und Sträucher schienen der unentwegten Hitze, Bise und sengender Sonne stoisch zu trotzen. Dies hat sich nun geändert. Blätter beginnen sich wie im Herbst zu verfärben. Büsche lassen Zweige, Früchte und Blätter schlapp hängen. Disteln, Kerbel, Stechpalmen sind wohl immun gegen Trockenheit und stehen weiterhin in aufrechter Pose da. Holunderbeerensirup gibt es wohl diesen Winter keinen bei uns. Brombeeren vertrocknen an den Ruten. Auf meinen nächtlichen Rundgängen höre ich nicht nur meine penetrant lauten Schritte. Das Herunterfallen der Früchte von Buchen, Eichen, Ahorn tönt wie leichter Regen. Da und dort knirscht es kräftiger, wenn Tiere unterwegs sind. Das Trippeln einer Maus ver­ursacht bei diesem trockenen Boden einen Lärm wie bei einem Dachs. Brechende grosse Äste von ermatteten Bäumen erschüttern die Stille. Wann tauchen die ersten Bäume mit Borkenkäferbefall auf? Die Wärme des Tages staut sich am Abend im Wald. Sie treibt Rehe, Dachsen, Füchse und weitere Wald­bewohner hinaus auf die Felder. Die Suche nach Futter wird immer aufwendiger und existenzieller. Genauso wie den Durst zu stillen. Meine beiden jüngsten Söhne zaubern das Bild von einer einträchtigen Tierwanderung über die Sankt-Gallerstrasse zur Eulach hin hervor. Wie gross das Bedürfnis nach Wasser ist, sehe ich eines Abends. Ein Bauer hat seine Muttertiere von einer braunen Ödnis in die andere gezügelt. Zurück blieb einzig die mit Wasser gefüllte Wanne. Ein Rehbock trinkt nun genüsslich daraus. Ein Fuchs leckt sich, weiter unten sitzend, zufrieden seine Schnauze.

In lockerer Runde, Familie und Nachbarn, sitzen wir abends auf dem Sitzplatz. Das Wetter ist Hauptteil unseres Austausches. Wir hören von Anwesenden, dass im Norddeutschen die Trockenheit noch grösser ist und mehr Gebiete umfasst als bei uns. Oder, dass in Polen anhaltender Regen die Ernte vernichtet. Eine hitzige Diskussion entsteht, ob das nun auf die Klimaveränderung zurückzuführen ist. Ob es solche einschneidenden Wetterphasen schon früher gab. Ob sie auch in dieser Häufigkeit vorkamen. Ob Wüsten wachsen werden, der hier ansässige Mensch ebenfalls Flüchtling wird. Ab wann der Mensch bereit wäre, einschneidende Änderungen in seinem Verhalten vorzunehmen. Jedenfalls sorgen wir für einen weiteren Temperaturanstieg in Dickbuch.