Ferienfotos 

Es ist noch nicht so lange her, da waren Filme für den Fotoapparat Teil meines Reisegepäcks. Drei Filme à 36 Aufnahmen waren meist dabei, und natürlich reichte das nirgends hin, und so kaufte ich mir dann am Strand noch einen oder zwei weitere Filme. Zuhause angekommen musste das alles entwickelt werden, und nach wenigen Tagen kamen jeweils die dicken Couverts von Fotocolor Kreuzlingen. Das ging jedes Mal  ganz schön ins Geld und rechnete man die Filme mit, so waren da bald einmal 150 Franken oder mehr verputzt. Wirklich toll waren dann vielleicht 20 Fotos, der Rest gammelte in Schachteln dahin, denn diese Erinnerungen fortwerfen wollte ja keiner.

Tempi passati. Seit dem Jahr 1999 fotografiere ich digital. Und pro Ferienreise gibt’s nicht mehr 200 sondern 2000 Fotos, und wenn ich ganz ehrlich bin, waren es auch schon mal mehr. Es gibt keine dicken Cou-verts mehr, aber die Auswertung der Fotos dauert gut und gerne mal ein paar Stunden. Und wenn dann noch Zeit bleibt, dann wird ein Album gemacht. Die Fotos müssen gespeichert sein, und das braucht Platz – nicht mehr im Schrank, aber auf meinem Speicher. Alle paar Jahre kaufe ich mir eine neue Harddisk – im Moment bin ich bei zwei Terabyte angelangt, und natürlich will das Ganze auch in der Cloud sprich auf Dropbox gesichert sein.

Die Fotografie hat sich durch die Digitalisierung kolossal verändert. Und weil das alles so schnell ging, musste alle paar Jahre eine neue Kamera her. Profikameras sind heute für den Laien erschwinglich. Wer es gern einfacher hat, findet auch einfachere Modelle, die höchste Qualität liefern. Actionkameras erlauben das Fotografieren unter extremen Bedingungen: Im Schnee, auf dem Bike oder im Wasser. Innovationen noch und noch: Mit der Lichtfeldkamera kann die Schärfe im Nachhinein bestimmt werden, das Scannen von dreidimensionalen Objekten ist schon fast Realität.

Aber eigentlich braucht man heute neben dem Smartphone gar keinen Fotoapparat mehr. Auch Bildbearbeitung mit Programmen wie Snapseed von Google ist plötzlich ein Kinderspiel. Das Programm ist gratis und kinderleicht zu bedienen – nicht zu vergleichen mit der riesigen und teuren Photoshop Software. Mit etwas Wehmut betrachte ich manchmal meine Kodak Instamatic von 1970. Eine billige Kunststoffbox, wenn man eine Filmkassette da reinsteckte, konnte man zwölf Mal abdrücken. Die Resultate waren miserabel, aber die Kamera war der Verkaufshit jener Zeit. Heute ist die Kamera ein Museumsstück, das in keiner Ausstellung zur Geschichte der Fotografie fehlen darf.

Die grösste Innovation ist aber an einem verborgenen Ort passiert: Mein iPhone speichert die Bildern nicht nur ab, sondern analysiert sie auch. Bilder lassen sich heute ganz gezielt suchen, der Prozessor erkennt hunderte von Motiven: See, Wasser, Tier, Pferd, Katze, Esel, Brot, Wein – klappt alles bestens. Dazu kommt eine immer besser werdende Gesichtserkennung: Häufig fotografierte Personen lassen sich so sofort wiederfinden. Und weil das Smartphone auch die Geodaten registriert, lässt sich auch nach dem Ort suchen. Das iPhone legt von sich aus Sammlungen an und schlägt mir Fotoalben vor. Praktisch!

Das Ganze funktioniert nicht nur auf dem Smartphone: Gesichtserkennung ist eine wichtige Anwendung und wird in Zukunft in vielen Bereichen eine Rolle spielen. Zum Beispiel am Flughafen. Experimentiert wird auch mit Gesichtserkennung im Laden. Spaziere ich an einem Bildschirm vorbei, würde ich dann die Botschaft sehen: Hallo Dominik, kürzlich hast Du Dir eine Kaffeemaschine gekauft: Möchtest Du unsere neuen Kaffeesorten testen?

Grrr – mir läuft es kalt den Rücken runter: Big Brother is watching. Warum finde ich die gleiche Technologie auf meinem iPhone toll, im Laden aber bereitet sie mir Unbehagen? Noch komplizierter: Wenn sie am Flughafen aber meine Sicherheit erhöht, bin ich einverstanden. Privatsphäre ist in unserer Gesellschaft ein wichtiges Gut, wir geben ungern preis. Dient es unserer Sicherheit, so stimmen wir bei. Ich bin kein Prophet, aber solche Fragen werden in Zukunft viel zu reden geben. Und bereits gibt’s auch Ideen wie man sich dagegen schützen kann: Zum Beispiel mit reflektierenden Sonnenbrillen, welche die Aufnahmen unbrauchbar machen. Eine Designergruppe experimentiert mit speziellen Frisuren und Makeups. Sieht übrigens sogar cool aus.