Fatal Digital

Es ist ein unglaubliches Erlebnis, in die neuen Perspektiven einzutauchen, ungeahnte Möglichkeiten zu erahnen und in Zukunftsvisionen zu schwelgen. So ist es mir passiert, als ich mich vor ein paar Tagen mit unserem Sohn unterhielt. Es war eigentlich ein lockeres Erzählen von seiner Arbeit, ein unbeschwerter Dialog. Unbeabsichtigt führte mich unser 28-jährige Sprössling in Sphären und Dimensionen, die mein ganzes Denken und Sein relativieren.

Digitalisierung ist das Wort in aller Munde. Nach den Kameras, der Telefonie und dem Radioempfang ist in allen Lebensbereichen eine Anpassung an unsere moderne digitale Welt gefordert. Unaufhaltsam, ungebremst und wohl auch unbedacht nimmt die menschgemachte Entwicklung ihren Lauf. Es ist nicht vorstellbar, wohin uns dieser Weg führen wird, doch die mannigfaltigen Möglichkeiten verführen zum schnellen Handeln. Von der schlichten Optimierung über den gläsernen Menschen bis hin zur künstlichen Intelligenz, die energiefressenden Superrechner machen alles möglich.

Mit kundenorientierter Datenerfassung wird mein Einkaufsverhalten erfasst, damit ich zielorientiert beworben und manipuliert werden kann. Selbstfahrende Autos übermitteln jederzeit meinen Standort und die kaputte Glühbirne an die Polizei und dem nächsten Garagisten. Bald brauchen wir unser Milizsystem nicht mehr, wir werden von Maschinen verwaltet. Die Automatisierungen auch an den Börsenplätzen mit den vielen High Frequency Trades (Hochfrequenzhandel), verhindern reale Bewertungen der Wirtschaft und Firmen, wodurch Ökonomen und Anleger fehlgeleitet werden. Die Börsen sind zu Spielcasinos verkommen. Die Kryptowährungen verbrauchen mittlerweile so viel Energie wie ganz Portugal. Unsere Abhängigkeit von Energie und Speicherkapazität wächst, doch die Entwicklung dieser Technologien mag nicht Schritt halten. Es scheint so, als verlasse man sich selbstverständlich darauf, dass bald Energie aus schwarzer Materie gewonnen und mit Hilfe von Proteinen das Speichervolumen unerschöpflich ausgeweitet werden kann. Mittels Armbanduhr werden meine Vitalfunktionen und meine Lebensweise erfasst und an Versicherungen vermittelt, damit bei einer Schadensregulierung sämtliche persönlichen Daten gegen mich verwendet und sämtliche Risiken von der Versicherung ausgeschlossen werden können. Das tun sie schon jetzt, doch mit den für günstigere Prämien zur Verfügung gestellten Daten, wird auch das noch optimiert werden. Bei Schadenersatzfällen ziehen die Versicherungen alle Register, um möglichst wenig zahlen zu müssen. Gerade bei Fällen mit grossen Schäden kennen die Abwehrstrategien keine Grenzen. Dazu ein selbst erlebtes Beispiel: Nach einem unverschuldeten schweren Autounfall meldete sich die gegnerische Versicherung bei meinem Hausarzt. In meinen frauenärztlichen Unterlagen hätten sie etwas gefunden, das ihre Leistungspflicht mindere. Da sei die Rede davon gewesen, dass ich Rheuma hätte. Wutentbrannt telefonierte ich der Versicherung und wollte wissen, woher sie diese vertraulichen, unter der ärztlichen Schweigepflicht stehenden Daten hätten und was Rheuma mit dem Autounfall zu tun haben soll? Die arrogante Dame am anderen Ende führte aus, dass sie auf meine sämtlichen Gesundheitsdaten uneingeschränkten Zugriff hätten und selber entscheiden würden, was unfallrelevant sei und was nicht. Sie denke ich sei nicht kooperativ, weshalb die Versicherung eine Schadensregulierung ablehnen könne! Und jetzt stellen Sie sich vor, liebe LeserInnen, was da abgeht, wenn dank Digitalisierung noch mehr persönliche Daten in diese Hände geraten.

Ein Segen und ein Fluch! Viel Gutes kann damit entstehen, doch den Missbrauch kann niemand verhindern. Sei es in der Kriegstechnik, wo bereits heute ferngelenkte Drohnen still und heimlich Verderben und Tod bringen oder die Cyberkriminalität, wo Ahnungslose schamlos bestohlen werden. Dem Terrorismus öffnen sich weite Tore! Blauäugigkeit, Naivität und Unwissen führen zu einem bedenkenlosen Umgang mit den neuen Möglichkeiten und es ist zugegeben sehr schwierig, den Durchblick zu haben und sich vor Missbrauch zu schützen. Es scheint als gebe es davor kein Entkommen.

Bin ich zu festgefahren, nicht flexibel und anpassungsfähig? Verschliesse ich mich Veränderungen, weil der Mensch ein Gewohnheitstier ist? Will ich keinen Fortschritt? Und war die Welt früher besser als jetzt? Wohin führt uns diese Entwicklung? Antworten kann ich Ihnen, verehrte LeserInnen nicht bieten. Eine Möglichkeit wäre, nicht so viel darüber nachzudenken und für alle Fälle eine Parzelle auf dem Mars zu kaufen. So lustvoll es zuerst auch war, mit meinem Sohn in den unendlichen Perspektiven zu schwelgen, auf den zweiten Blick machen sich auch grosse Bedenken breit. Abgesehen davon müsste schon jetzt alles in anderem, viel grösserem und nachhaltigerem Kontext betrachtet werden. Vieles würde unwichtig und heutige Entscheidungen müssten ganz anders gefällt werden. Und das ist sehr unbequem, anstrengend und unpopulär. Mein Wunsch nach einer Zeitmaschine wächst noch mehr. Ich würde viel dafür geben, in hundert Jahren zu sehen, wie sich die Menschheit auf der Erde digitalisiert hat und wohin es führte.