Ethik ist wichtiger als Religion

Dies ist der Titel eines kleinen Büchleins, das Dr. Franz Alt, Fernsehjournalist und Bestseller-Autor, in Form vieler kurzer Interviews mit dem Dalai Lama verfasst hat. Ich entdeckte es anlässlich eines Besuchs der Bibliothek des Tibet Instituts in Rikon und kaufte es spontan. Der Lesekreis Wildberg entschloss sich, das Büchlein zu lesen und in die monatliche Diskussionsrunde aufzunehmen. Dies führte unter den Anwesenden zu einem höchst spannenden Gedankenaustausch, nicht nur über den Dalai Lama, sondern auch über Religionen allgemein, auch über das Christentum und ebenso über das Land Tibet und seine Geschichte.

Tibet fasziniert mich seit ich mit 17 Jahren das Buch «Sieben Jahre in Tibet» von Heinrich Harrer las. Gelesen habe ich es 1959, im Jahr des blutigen Aufstandes der Tibeter gegen die Chinesen und der Flucht des Dalai Lamas nach Indien. Seit 1912/13 war Tibet ein unabhängiger Staat, doch verpasste es die Regierung, die internationale Anerkennung zu erlangen. Somit existierte Tibet offiziell nicht als unabhängiges Land, was für den späteren Verlauf seiner Geschichte tragische Folgen haben sollte. Das heisst, keine Weltmacht intervenierte, als 1949 chinesische Truppen im Osten des Landes einmarschierten und sukzessive das freie Tibet besetzten.

Am 10. März 1959 gab es einen Volksaufstand der Tibeter gegen die Chinesen. Tausende Tibeter wurden gefangen genommen, gefoltert, getötet, die zahlreichen Klöster wurden zerstört. Die reiche Elite des Landes, die hohen Würdenträger, vom Volk tief verehrt, viele Mönche wurden erniedrigt, gequält, umgebracht, oder sie verhungerten in der Gefangenschaft. Der Dalai Lama musste auf gefährlichen Wegen nach Indien fliehen. 1963, im Exil, verkündete der Dalai Lama eine demokratische Verfassung Tibets und gründete als politisches und religiöses Oberhaupt der Tibeter eine Exilregierung. In Rikon fanden Flüchtlinge dank den Bemühungen der Brüder Kuhn Arbeit in ihrer Pfannenfabrik, und das Kloster zwischen Rikon und Wildberg wurde gebaut, wo tibetische Mönche leben und lehren.

2002 erfüllte sich ein von mir lang- ersehnter Wunsch: Mein Mann und ich hatten die Gelegenheit, uns für eine fünfwöchige Bildungs-Reise durch Nepal und Tibet einer Gruppe anzuschliessen. In Lhasa verblieben wir mehrere Tage, um uns an die Höhe von 4500 Metern zu gewöhnen. Lhasa mit dem Potala, dem Palast des Dalai Lamas, dem heiligen Jokhang-Tempel und seinen zum Teil wieder aufgebauten Klöstern, war eindrücklich. Doch dann ging es per Landrover weiter, über hohe Pässe, durch Flussläufe und durch die unendlich öden Ebenen, wo ab und zu eine kleine Siedlung oder eine Herde von Yaks mit ihrem Hirten zu sehen war.

Eine kleine Gruppe von fünf Personen war schlussendlich befähigt, mit tibetischen Führern den Kailash, den heiligen Berg der Tibeter zu umwandern, zweimal auf 5000 Metern Höhe bei minus zehn Grad im Zelt zu nächtigen und der Höhenkrankheit zu widerstehen. Am höchsten Punkt unserer Wanderung, auf 5700 Metern Höhe, durften wir an den religiösen Handlungen unserer tibetischen Führer teilnehmen, was uns tief beeindruckte. Wir lernten Tibet und die dort lebenden Menschen besser kennen, erlebten ihren tiefen Glauben und nahmen Anteil an der Härte ihres Lebens und ihres Alltags.

Die Präsenz der Chinesen war permanent sichtbar. Es war nicht zu übersehen: Das Land wird ausgebeutet, die Kultur der Tibeter sukzessive unterwandert, zum Beispiel durch die Schule, in der in chinesischer Sprache gelehrt wird, aber auch durch chinesische TV-Programme. In einfachen Bauernküchen, wo mit getrocknetem Yak-Dung gekocht wurde, aber auch im entlegenen Kloster auf 5000 Metern Höhe, sahen wir modernste TV-Apparate. Doch einem Bild ihres spirituellen Führers, dem Dalai Lama, begegneten wir nirgends. Es ist bei hoher Strafe verboten, im Besitze eines Bildes zu sein, und auch uns Touristen wurde eingebläut, kein Abbild oder Buch des Dalai Lamas in unserem Gepäck mitzuführen.

Das Leiden seines Volkes, die allgemeine, unaufhaltsame Entwicklung in Tibet müssten doch den Dalai Lama entmutigen, Hassgefühle in ihm wecken. Seine Religion ist der Buddhismus und er selber ist die Inkarnation (Wiedergeburt) des XIII. Dalai Lamas, der 1933 starb. Studium und Meditation machten aus ihm einen weisen Mann. Heute ist er 82 Jahre alt und ist zur Einsicht gelangt, dass alle Religionen grundsätzlich dasselbe Ziel haben, nämlich das Gute im Menschen zu fördern. Jeder Mensch, ganz gleich welcher Religion er angehört, möchte glücklich sein und Liebe und Anerkennung erfahren. Religion sei wichtig für den Gläubigen, sagt er, doch das ethische (moralische) Verhalten aller Menschen stehe über den Religionen. Durch gelebte Ethik könnte der Mensch sein Glück und die Welt den Frieden finden.