«Es wird viel genörgelt, aber man will doch nicht etwas Anderes haben»

Hans Rudolf Kocher (links) sprach in Wildberg, hier mit Gemeindepräsident Dölf Conrad (Foto: sv)

Bei der diesjährigen Bundesfeier in Wildberg hielt Hans Rudolf Kocher (EVP), Statthalter des Bezirks Pfäffikon, die Festansprache. Er appellierte an die Besucher offen für Veränderungen zu sein und Beiträge zu leisten, die über individuelle Bedürfnisse hinausgehen.

Bei strömendem Regen haben sich kurz vor 19 Uhr schon einige Besucher auf der Oberen Luegeten eingefunden, im Zelt herrscht bereits eine ausgelassene Stimmung. Schnell wird klar, dass hier jeder jeden kennt und die meisten nicht zum ersten Mal an der Feier teilnehmen. Die Wartezeit bis zur offiziellen Eröffnung der Bundesfeier wird mit angeregten Gesprächen, kühlen Getränken und leckerem Essen überbrückt. Die Festwirtschaft wird wie jedes Jahr vom Turnverein Schalchen-Wildberg betrieben. Kurz vor 20 Uhr eröffnet Gemeindepräsident Dölf Conrad mit einer Begrüssungsrede die offizielle Feier.

«Die 1.-August-Feier hier in Wildberg wird oft als selbstverständlich angesehen, aber es steckt viel Arbeit dahinter.» Mit diesen Worten leitet Conrad seine Danksagung ein, in der er allen Beteiligten und Helfern für ihren Einsatz dankte. Beim Vorstellen des Abendprogramms weist er darauf hin, dass aufgrund des grossen Engagements am Kantonalturnfest in Rikon der Turnverein dieses Jahr keine Vorstellung darbieten wird. Diese würde aber bei der nächsten Bundesfeier definitiv auf dem Programm stehen. Speziell bedankt sich Conrad bei Hans Rudolf Kocher, Statthalter des Bezirks Pfäffikon, welcher an diesem Abend die Festansprache hält.

Offen sein für Veränderungen

«Es wird viel genörgelt, aber man will doch nicht etwas Anderes haben». Mit diesen Worten beschreibt Kocher in seiner Rede unser Verhältnis zur Schweiz. Die Besucher reagieren mit Gelächter auf die Aussage. Es sei unbestritten, dass wir uns in der Schweiz in einer äusserst komfortablen Lage befänden, meint Kocher weiter. Deshalb sei es umso wichtiger, dass wir uns nicht zurücklehnen und in Sicherheit wiegen, sondern bereit sind, einen Beitrag zu leisten, der über unsere individuellen Bedürfnisse hinausgehe. «Wir müssen bereit und offen sein für Veränderungen. Wir befinden uns im Zeitalter der Digitalisierung, das ist für uns eine grosse Herausforderung, der wir uns stellen müssen, ob wir wollen oder nicht.»

Beim Thema Offenheit für Veränderungen kommt Kocher auch auf die kleinräumlich gewordenen Gemeindestrukturen in Wildberg zu sprechen. Eine Schwierigkeit, welche kleineren bis mittleren Gemeinden zu schaffen mache, sei, genügend nebenamtliche Behördenmitglieder zu finden. Insbesondere Arbeitgeber seien weniger bereit, ihren Angestellten ein solches Mandat überhaupt zu ermöglichen.

«Nebst den hohen Ansprüchen der Arbeitswelt dürfte aber auch die grösser gewordene Anspruchshaltung der Bevölkerung mitverantwortlich sein, dass ein Engagement in einer Milizbehörde auf kommunaler Ebene tendenziell weniger attraktiv geworden ist», sagt Kocher und geht auf ein aktuelles Beispiel aus einer naheliegenden Gemeinde ein, in der die massive Erhöhung der Wasser- und Abwassergebühren die BürgerInnen dazu gebracht hat, Rekurs einzulegen. Ein solcher Sturm der Entrüstung sei für nebenamtliche Behördenmitglieder belastend, diese würden schliesslich nur das Beste für die Gemeinde wollen. «Das zeigt aber auch, dass viele Leute sich vor allem dann einsetzen und sich wehren, wenn es um ihre ganz privaten Interessen geht», so Kocher.

Gemeindestrukturen im Wandel 

Eine weitere Herausforderung für die Gemeinden sei es, gut ausgebildetes und ebenso qualifiziertes Personal zu finden. Dies könne dadurch entschärft werden, indem die Möglichkeit einer Teilzeit-Anstellung geboten wird. «Viele junge Paare haben den Wunsch, dass auch während der Kinder-Phase beide berufstätig bleiben können. Das geht nur, wenn auch beide Teilzeit arbeiten können. In Bezug auf solche Möglichkeiten haben viele Gemeinden meiner Meinung noch Nachholbedarf», sagt der Statthalter.

Von zentraler Bedeutung sei auch, dass immer mehr Aufgaben nicht mehr kommunal, sondern regional oder gar kantonal ausgeführt werden würden. Zudem seien wir für viele Dienstleistungen nicht mehr zwingend auf eine örtliche Gemeindeverwaltung angewiesen. «Eine grössere, gar städtische Verwaltung ist aber nicht a priori qualitativ besser als eine kleinere Verwaltung. Das habe ich als langjähriger Gemeinde- und Stadtschreiber selber erfahren», so Kocher.

An dieser Stelle zitiert er den früheren Stadtpräsidenten von Schaffhausen, Max Hess: «Es gibt keine ideale Gemeindegrösse, es gibt nur für jede Gemeinde eine ideale Organisation.» Beim Thema Gemeindeorganisation gäbe es kein Patentrezept, es sei nicht immer alles nur Schwarz oder Weiss, schliesst Kocher. Er hoffe, dass die Bürger in Wildberg immer ein Gespür dafür haben werden, was ihre Gemeinde zurzeit und in Zukunft braucht. «Ich wünsche uns allen, dass es immer wieder genügend Leute gibt, die sich für die Allgemeinheit einsetzen werden.»

Leistungsstarke Wildberger 

Kochers Rede wird mit anhaltendem Applaus belohnt, Gemeindepräsident Dölf Conrad bittet nun die Besucher nach Draussen, um die Nationalhymne zu singen und das Höhenfeuer zu entzünden. Anschliessend folgt der letzte Programmpunkt des Abends; die Ehrung drei junger Wildberger, die außerordentliche Leistungen vollbracht haben. Die abwesende Noemi Caldarulo wird als erste geehrt. Sie und ihr Tanzpartner Julian Gross sind amtierende Schweizermeister im Rock‘n‘Roll. Die zweite Ehrung gebührt dem Radfahrer Gian Battista Friesecke, welcher den 1. Platz im Arif Mannschaftszeitfahren 2016 ergatterte. Schliesslich wird auch Adrian Kübler auf die Bühne geboten. Er wurde in der Kategorie U20 im Jahre 2015 und 2016 Schweizermeister im Stabhochsprung. Nachdem die jungen Wildberger mit Applaus belohnt werden, nimmt die Feier ihren Lauf, und die Besucher lassen den 1. August bei ausgelassener Stimmung ausklingen.