Es ist ein ehrgeiziges Projekt

Werner Bühlmann mit einer der Figuren, die im Passionsspiel «Himmel und Höll» eine tragende Rolle spielen (Foto: abs)

In Rikon entsteht derzeit etwas Grosses, Spezielles. Werner Bühlmann arbeitet intensiv an einem Passionsspiel mit Figuren, Menschen, Gesang und Musik. Er bezeichnet diese Aufführung mit dem Titel «Himmel und Höll» als Kulturprojekt im Tösstal.

Ein unscheinbares, altes Gebäude der Pfannenfabrik Kuhn Rikon. Kaum etwas deutet daraufhin, dass dort im Obergeschoss etwas ganz Besonderes, fast Einmaliges entsteht. Seit rund 30 Jahren ist dieser grosse Raum das Atelier von Werner Bühlmann. 1985 gründete er die Tösstaler Marionetten und legte den Grundstein zu seiner Karriere als professioneller Puppenspieler. Seither liess er an unzähligen Aufführungen seine Puppen, eben die Marionetten, an Fäden tanzen und erfreute Kinder und Erwachsene.

Doch diesmal ist vieles anders. Werner Bühlmann befasst sich intensiv mit einem aufwändigen, kostenintensiven, ambitionierten Projekt. Er nennt es musikalisches Passionsspiel und gibt ihm den Titel «Himmel und Höll». «Mich beschäftigt schon lange sehr, was mit der Menschheit passiert», erklärt der 64-Jährige. Die Zeit der Gewissheit sei vorbei, er wünsche sich, dass unsere Enkelkinder (er meint damit eigentlich alle Kinder) eine Welt vorfänden, die Freude mache. «Heute ist soviel Angst vorhanden, dass man den grössten Clown wählt, in der Hoffnung er bewirke etwas.» Mit dem Clown meint Bühlmann US-Präsident Donald Trump.

Angst, Lähmung und Schock beherrschen das Zeitgeschehen. Überall drohen Tod, Terror und Zerstörung. Diesem Zustand der Ausweglosigkeit setzt Bühlmann mit seiner Inszenierung den Herzensmut entgegen. Damit ziele er auf die Wandlung und bewusste Lebendigkeit ab, verrät er. Er habe eine schwierige Zeit hinter sich, die ihn bei diesem sicher nicht einfachen Stoff beeinflusst habe: «Es geht mir besser, seit ich dieses Stück geschrieben habe.» Als Grundlage diente ihm dabei «Die schwarze Spinne» von Jeremias Gotthelf (siehe Kasten).

Ganz andere Dimensionen

Werner Bühlmann wählt für diese Inszenierung die Form des Passionsspiels. Schliesslich gehe es darum, nicht im Leiden stecken zu bleiben, sondern zu handeln. Zur Besonderheit gehört auch, dass die Aufführungen nicht wie üblich in Theatern oder Mehrzweckhallen stattfinden. Geplant ist, «Himmel und Höll» in sakralen Räumen, also in Kirchen aufzuführen. Das sei auch von kirchlicher Seite her eher ungewohnt, weiss der Künstler. Da gebe es skeptische Vorbehalte. Aber der Bann scheint gebrochen. Bereits stehen mehrere Aufführungsdaten in Kirchen fest. Dass die Premiere am 11. März 2018 in Oberegg/Appenzell Innerrhoden, also in einem katholischen Kanton, stattfindet, freut Bühlmann besonders. Nachdem nun doch mehrere Daten fixiert sind, kann er etwas durchatmen. Seine Erkenntnis: «Es braucht Zeit und Überzeugungskraft, etwas zu ‹verkaufen›, das noch nicht bekannt, ja nicht einmal fertig ist.»

Für Bühlmanns Lebenspartnerin Ursula Egli ist klar: «Die Leute müssen wissen, dass es sich hier nicht um ein Puppenspiel handelt, wie man es sich von den Tösstaler Marionetten gewohnt ist.» Abgesehen von den speziellen Aufführungsorten gibt es noch viel mehr, das sich von den bekannten, fast in kleinem, intimem Rahmen dargebotenen Marionettenspielen unterscheidet. Die lebensgrossen Figuren, die zu einem grossen Teil von Bühlmanns Tochter Miriam «Mimi» Bühlmann hergestellt werden, sind nicht durch Fäden «ferngesteuert». Die sie bewegenden Personen, die auch den Text sprechen, stehen auf der Bühne, sollten aber durch die Beleuchtung mehr oder weniger unsichtbar sein. Bühlmann und Egli sind sich bewusst, dass die Beleuchtung in Kirchen eine Herausforderung sein wird.

Auf der Bühne werden etwa zwölf Personen mitwirken, als Figurenspieler, Musiker oder im Sing- und Sprechchor. Sie sind zum Teil Profis, Halbprofis, aber auch Laien. Geplant ist, an gewissen Stellen lokale Kirchenchöre als Verstärkung einzubinden. Für die ganze Realisierung des Projektes sind noch sehr viel mehr Leute am Werk. Werner Bühlmann schrieb über ein Jahr am Stück. Mit dem Komponieren der passenden Musik beauftragte er seinen langjährigen Bekannten Pierre Andrey, einen Mann, dem er voll vertraut. Er lobt Andrey als vielseitigen Menschen, der sowohl weltliche als auch geistliche Musik schreiben kann. Für den Chor der Untoten brauche es noch mehr als die bisher bekannten acht oder neun SängerInnen, ist sich der Autor bewusst.

Sponsoren sind willkommen

Selbst wenn das Passionsspiel in Kirchen aufgeführt wird, ist es kein frommes Stück. Die Sprache des «Teufelsbratens», des Bösewichtes, kann mitunter recht grob sein. Der Prolog sei an Goethes «Faust» angelehnt, verrät Werner Bühlmann. Während der Erzähler und die Leute aus der Oberschicht Hochdeutsch reden, unterhalten sich die Bauern in Berner Mundart. «Himmel und Höll» spielt im Emmental; Bühlmanns Eltern stammten aus dem Kanton Bern. Dies zur Erklärung. «Es ist nicht die Sprache des 21. Jahrhunderts. Aber sie passt und ist eindrücklich», ergänzt Ursula Egli.

Ein Projekt in dieser Grössenordnung erfordert laut Bühlmann zwei Budgets: eines für die Produktion, eines für die Aufführungen. Er ist deshalb sehr dankbar, dass ihm die Stiftungen der Sparkasse Zell und der Sparkasse Kollbrunn namhafte Beiträge zusichern. Auch die Kulturkommission der Gemeinde Zell sprach kürzlich eine finanzielle Hilfe. Allerdings eine eher bescheidene, merkt der Künstler an. Immerhin befinde sich sein Atelier seit gut 30 Jahren in Rikon, und er habe auch längere Zeit hier gelebt. «Für mich ist es ein finanzielles Risiko, denn es fallen viele Kosten an.» Gerade professionelle Künstler hätten halt ihren Preis. Ohne freiwillige Helfer könnte dieses Projekt gar nicht entstehen. Werner Bühlmann meint deshalb: «Ziel ist es, dass wenigstens die Vorstellungen eine schwarze Null ergeben.» Sponsoren sind also durchaus willkommen.

Die erste öffentliche Aufführung ist wie erwähnt in der katholischen Kirche Oberegg geplant, und zwar am Sonntag, 11. März 2018. Kurz darauf, am 16. März 2018 kommt die Tösstaler Bevölkerung in der reformierten Kirche Kollbrunn in den Genuss des Passionsspiels, nach Möglichkeit unter Mitwirkung des örtlichen Kirchenchores. Noch nicht bestätigt ist eine Vorstellung in Elgg am Karfreitag.

Halb hoffend, halb zweifelnd meint Werner Bühlmann: «So etwas habe ich noch nie gemacht. Jedes Detail braucht viel Arbeit. Eine wirkliche Herausforderung, denn wir starten praktisch bei Null.» Man kann nur gutes Gelingen wünschen, denn seine Beschreibung tönt absolut spannend.

DIE SCHWARZE SPINNE
Jeremias Gotthelf schrieb die Novelle «Die schwarze Spinne» 1842. Er setzte sie aus drei verschiedenen Sagen zusammen. Man sagt, sie sei ein Sinnbild für alle denkbaren Katastrophen schlechthin. Die durch einen Ritter arg gebeutelten Bauern gehen mit dem Teufel einen Pakt ein. Er will ihnen helfen, wenn sie ihm ein ungetauftes Kind übergeben. Als sich die Bauern nicht an die Abmachung halten, sendet der Teufel eine schwarze Spinne aus, die Tod und Verderben über das Tal bringt. Eine junge Frau opfert sich, stopft die schwarze Spinne in einen Pfosten und verschliesst das Loch mit einem Zapfen, wobei sie stirbt.

Albert Büchi
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