«Es gibt zu viele Studierte und zu wenige Gescheite»

Mit einem Studium verdient man gemäss Studien immer noch am besten. (Foto: nikolayhg/pixabay)

Verglichen mit dem kantonalen Durchschnitt ist die Gymi-Quote im Tösstal eher tief. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Gemeinden sind allerdings markant. Währenddem in Wildberg jedes 4. Kind das Gymnasium besucht, ist es in Fischenthal nur jedes 33.

Immer wieder hört man von ehrgeizigen Eltern, die ihre eigenen Kinder unbedingt ans Gymnasium bringen möchten. Weil nur ein Studium gut genug für ihre Sprösslinge sei. Doch welche Bedeutung hat eigentlich das Gymnasium, gerade auch für das Tösstal? Wie viele Jugendliche haben hier in den letzten Jahren das Gymnasium absolviert? Gibt es hinsichtlich der Gemeinden grosse Unterschiede? Und wie sind diese womöglich zu erklären?

Bildungsniveau ist entscheidend

Bildung ist ein Menschenrecht und dient für viele als Katalysator, um sich später im realen Arbeitsleben behaupten zu können. Studien zeigen, dass zwischen dem Bildungsabschluss und dem späteren Job ein signifikanter Zusammenhang besteht. Je höher die schulische Bildung, desto höher ist der Lohn – ob dieser erstrebenswert ist, ist eine andere Frage. SchülerInnen, die ein Gymnasium besucht und studiert haben, besetzen also eher die «besseren» Stellen in Wirtschaft und Staat, als diejenigen, welche weniger lang die staatlichen Bildungsinstitutionen durchlaufen haben. Angesichts dieser sozialen Tatbestände ist die Wichtigkeit der höheren Schulbildung wohl kaum zu unterschätzen – ohne dabei das duale Bildungssystem und die Möglichkeit einer Lehre abzuwerten.

Jedes 10. Tösstaler Kind absolviert das Gymnasium

In der Schweiz absolviert circa jedes fünfte Kind erfolgreich das Gymnasium, fast genau gleich sieht es im Kanton Zürich aus. Auch nicht vergessen werden darf die seit mehreren Jahren zunehmende Bedeutung der Berufsmaturität, deren landesweite Abschlussquote mittlerweile bei rund 15 Prozent liegt. Wirft man einen Blick auf die Gymi-Quote in den Tösstaler Gemeinden, so zeigen sich grössere Diskrepanzen. Über alle Tösstaler Gemeinden gerechnet, von de­nen Daten bei der Bildungsdirektion des Kantons vorliegen, hat in den Jahren 2014 bis 2017 im Durchschnitt zehn Prozent der 19-jährigen einen gymnasialen Abschluss erlangt. Währenddem in der Gemeinde Wildberg die Quote in diesem Zeitraum bei rund 25 Prozent liegt, also ­jede/r vierte junge Erwachsene das Gymnasium durchlaufen hat, liegt diese in Fischenthal bei weniger als drei Prozent. Nach Wildberg weist die Gemeinde Wila mit rund elf Prozent die zweithöchste Quote im Tösstal auf, gefolgt von Zell (neun Prozent), Turbenthal (sieben Prozent) und Bauma (sechs Prozent). Für Schlatt sind keine Daten vorhanden, da weniger als 40 19-jährige in den letzten vier Jahren gezählt wurden.

Markante Unterschiede hinsichtlich des Bildungsniveaus werden von Bildungsforschern oftmals durch den Sozialindex erklärt. Dieser berücksichtigt unter anderem Faktoren wie: Anteil ausländischer Schülerinnen und Schüler; Anteil Kinder oder Jugendlicher aus Familien mit Sozialhilfe; Anteil Ein­kommensschwacher mit steuerabzugsberechtigten Kindern. Je höher der Index ist, desto höher ist die Belastung der Gemeinde und umgekehrt. Der Index bewegt sich zwischen 100 und 120. Im Kanton Zürich liegt die Gemeinde Zürich-Schwamendingen mit einem Sozialindex von 120 an der Spitze. Von den Tösstaler Gemeinden weist Wildberg mit 102,5 den tiefsten Sozialindex auf, dementsprechend ist auch die hohe Gymi-Quote nicht verwunderlich. Schwieriger zu erklären ist die tiefe Gymi-Quote in Fischenthal. Die Gemeinde weist mit rund 106,4 ebenso einen eher tiefen Sozialindex auf, verglichen mit den anderen Gemeinden im Tösstal. Allerdings ist Fischenthal mit einer Steuerkraft pro Person von weniger als 1400 Franken auch eine der ärmsten Gemeinden im Kanton Zürich, gemessen am Einkommen und Vermögen der Bewohner. Diese Tatsache könnte erklären, weshalb nur sehr wenige Jugendliche von Fischenthal das Gymnasium besuchen. Schliesslich besuchen vermehrt die Kinder reicher Eltern das Gymnasium. Ein Beispiel: Küsnacht gehört mit einer Steuerkraft pro Person von über 12’000 Franken zu den reichsten Gemeinden des Kantons, entsprechend liegt die Gymi-Quote dort bei fast 40 Prozent.

«Gymnasium ist nicht zwingend notwendig»

Wie viel Bedeutung soll nun aber dem Gymnasium und der Absolventenquote beigemessen werden? Andreas Vetsch (BGV), Schulpflegepräsident in Zell, ist der Meinung, dass das Gymnasium überbewertet wird: «Es gibt zu viele studierte Menschen und zu wenige Gescheite». Trotzdem sieht er sich nicht als ein Kritiker des Gymnasiums. «Wer aufs Gymi gehen möchte und das Zeug dafür hat, dem sollen keine Hindernisse in den Weg gelegt werden.» Vetsch betont aber, dass eine abgeschlossene Berufslehre, allenfalls mit einem Studium auf dem zweiten Bildungsweg, mindestens so wertvoll sei. Gerade auch deshalb, weil Firmen dadurch Personen, die mit der Praxis vertraut sind, anstellen können. Dass die Gymi-Quote in Zell doch bei rund neun Prozent liegt, überrascht Vetsch. Denn verglichen mit anderen Tösstaler Gemeinden ist der Sozialindex in Zell mit rund 109 Prozent eher hoch. Andere Gemeinden wie Fischenthal und Bauma weisen einen tieferen Sozialindex auf. Trotzdem ist die Gymi-Quote dort tiefer. «Das zeugt von der guten Qualität der Schule, die auch sozial benachteiligte Kinder optimal fördert», sagt Vetsch.

Auch die Baumer Schulpflegepräsidentin Karin Inauen (SVP) sieht in dem Gymnasium nicht das Non plus ultra. «Das Gymnasium ist nicht zwingend notwendig, um der Gesellschaft zu dienen. Ein guter Handwerker ist mindestens so viel wert.» Die eher tiefe Quote von sechs Prozent in Bauma erklärt sie damit, dass die Gemeinde einerseits aufgrund der geografischen Lage relativ weit entfernt vom Gymnasium in Wetzikon liegt. Andererseits kann sie sich gut vorstellen, dass viele Eltern in Bauma dem Gymnasium auch nicht eine sonderlich grosse Bedeutung einräumen. Was wiederum damit zusammenhänge, dass sie selber keine Akademiker seien. In diesem Fall werde den Kindern womöglich schon früh einmal nahegelegt, dass «man möglichst bald arbeiten gehen und etwas Richtiges machen soll». Trotzdem müsse jedoch gesagt werden, dass «die Qualität der Schulen in Bauma sicherlich gut ist. Kinder, welche das Gymnasium besuchen wollen, werden auch dementsprechend gefördert», erklärt Inauen, die aus einer Bauernfamilie stammt und selber das Gymnasium besucht und später Veterinärmedizin studiert hat.

«Wir fahren gut mit dualem Bildungssystem»

Ähnlich sieht der Schulpflegepräsident der Sekundarschule Turbenthal-Wildberg, Bruno Pfenninger (FDP), die Situation. «Auch wenn die städtische Bevölkerung oft davon überzeugt ist, dass kein Weg am Gymnasium vorbeiführt, um später an einen anständigen Job zu gelangen, so bin ich der Überzeugung, dass wir mit dem dualen Bildungssystem gut fahren». Für Pfenninger ist es wichtig, dass möglichst viele SchülerInnen die Sekundarschule erfolgreich abschliessen und anschliessend eine Lehre beginnen können. Die hohe Quote in Wildberg erklärt er sich dadurch, dass dort viele Erwachsene einst selber studiert haben und dementsprechend die Kinder bereits in einem bildungsnahen Umfeld aufwachsen.