«Es ärgert mich noch heute, wenn etwas nicht gut läuft in Turbenthal»

Walter Müller: «Die Wohnbautätigkeit im Tösstal überbordet» (Foto: ww)

Als Jungunternehmer wollte Walter Müller ein forscheres Vorgehen in der Gemeindeentwicklung. Er gründete 1967 die Stimmbürgervereinigung Pro Turbenthal und wurde 1969 Gemeindepräsident. In seine neunjährige Amtstätigkeit fielen der Bau des Altersheims sowie viele Infrastrukturverbesserungen. Zudem war er der Initiant des Landgasthofs Bären mit Gemeindesaal, Restaurant, Hotel und Hallenbad. Dass dieses Unternehmen nach anfänglichem Erfolg scheiterte, ist für Walter Müller heute noch unverständlich und schmerzlich. Das gegenwärtige politische Geschehen verfolgt er aufmerksam und vieles macht ihm Sorgen.

Rasch verbreitete sich im Januar 1976 in Turbenthal das Gerücht, der dynamische Gemeindepräsident Walter Müller sei ernsthaft erkrankt. Die Bevölkerung war beunruhigt, denn Müller genoss nach der Wahl von 1969 und zwei unbestrittenen Bestätigungswahlen eine breite Akzeptanz. Tatsächlich war es so, dass er bei einem Jagdausflug in Ungarn eine schwere Hirnblutung erlitten hatte. «Das war eine Zäsur in meinem Leben», sagt der heute 84-Jährige. Alles sei plötzlich anders gewesen, er habe wieder sprechen lernen müssen, und es habe ein halbes Jahr gedauert, bis er seine Funktionen in Gemeinde und Firma nach und nach wieder habe übernehmen können. «Dann aber war ich wieder da», stellt er, der stets unverwüstliche Optimist, lachend fest.

Einst ein forscher Jungunternehmer

Initiativ war Walter Müller schon als 22-Jähriger, als er nach dem Tod seines Vaters dessen Baugeschäft übernahm und rasch erweiterte. In den Fünfzigerjahren setzte weitherum eine bauliche Entwicklung ein, von dem sein Unternehmen profitierte. In seiner Blütezeit beschäftigte Müller im Baugeschäft und in Nebenbetrieben rund 180 Leute. Schwerpunkte waren Kanalisationen und Wohnungsbau. «Ein lukratives Geschäft waren auch die Bauaufträge der Armee für die Bloodhound-Raketenabschussrampen in Schmidrüti», schmunzelt Walter Müller.

Später ein engagierter Gemeindepräsident

Wirtschaftlich herrschte also in jener Zeit eine Aufbruchstimmung, in seiner Gemeinde aber ging es Walter Müller zu langsam. «Die damaligen Behörden taten für die kommunale Entwicklung zu wenig», ist Müller noch heute überzeugt. Mit Gleichgesinnten gründete er die Oppositionsgruppe Stimmbürgervereinigung Pro Turbenthal und mischte die Dorfpolitik auf. Als 1969 Gemeindepräsident Rudolf Ott nach 23-jährigem Wirken demissionierte, trat Walter Müller zur Kampfwahl an und gewann.

«Das Volk hatte mich für diese Arbeit gewählt,und da gab es kein Zaudern.»

Als Gemeindepräsident packte er die Aufgaben entschlossen an. «Das Volk hatte mich für diese Arbeit gewählt, und da gab es kein Zaudern», rechtfertigt er sein damals forsches Vorgehen. In der Gemeinde standen viele Infrastrukturaufgaben an, insbesondere bei der Kanalisation, bei den Strassen und beim Zivilschutz. Wichtig war ihm auch, dass die Gemeinde eine Ausstrahlung bekam, ein positives Image. Mit der Durchführung von grossen Festanlässen wie dem Verbandsturnfest 1971 oder dem kantonalen Armbrustschützenfest mit Schweizer- und Weltmeisterschaften in Turbenthal wurde die Bekanntheit der ganzen Talschaft gefördert.

Grossprojekte Altersheim und «Bären»

Eines der grossen Vorhaben, das er beschleunigte, war das Altersheim Lindehus, ein gemeinsames Projekt der Gemeinden Turbenthal, Wila, Wildberg und Zell. Es konnte 1978 eingeweiht werden. «Bei einem Voranschlag von 8,2 Millionen Franken schloss die Abrechnung mit 7,9 Millionen Franken, inklusive Landerwerb und Erschliessung», sagt er stolz und verweist auf die Kosten, die der gegenwärtige Umbau verursache. Er steht aber hinter diesem aktuellen Projekt: «Es freut mich, dass dieses Altersheim bald wieder in neuem Glanz erstrahlt», sagt er. Zum Kostenaufwand und zum und Ausbaustandard mache er allerdings einige Fragezeichen.

Für ein anderes Grossprojekt hatte Walter Müller schon vor seiner Wahl zum Gemeindepräsidenten die Initiative ergriffen, für den «Bären». Der 1971 eingeweihte Landgasthof mit Hallenbad florierte viele Jahre lang, wurde aber dann von der späteren Besitzerin aufgegeben. «Der Niedergang dieses für Turbenthal so wichtigen Gast-, Sport- und Kulturzentrums tut mir heute noch weh», sagt Müller traurig.

«Amt veränderte mein Leben»

In den neun Präsidialjahren sei das Volk den gemeinderätlichen Vorlagen fast ausnahmslos gefolgt, stellt Walter Müller zufrieden fest. «Ich spürte viel Vertrauen in die Behördenarbeit», sagt er, und das sei ein schöner Lohn. «Doch das Amt hat mein Leben verändert.» Die Zeit für die Baufirma wurde knapper und darunter litt der Geschäftsgang. «Aus dieser Sicht war es wahrscheinlich ein falscher Schritt, Gemeindepräsident zu werden.» Nach und nach hat er seine Unternehmungen dann in andere Hände gegeben.

«Jeden Tag Turnen, Laufen, Freunde treffen, das hält mich jung.»

Viel Lob hat er noch heute für seine Gemeinderatskollegen und für Gemeindeschreiber Walter Stauffacher, die ihn in seinen Bestrebungen, die Gemeinde vorwärts zu bringen, stets unterstützt hätten.

Liebe für die «Hauptstadt des Tösstals»

Wenn Walter Müller heute von Turbenthal spricht, sagt er immer noch «meine Gemeinde», obwohl er schon viele Jahre in Russikon lebt. Turbenthal und seine Leute seien ihm noch sehr nahe. Er liebt diesen Ort, den er in seinen Präsidentenjahren immer wieder als «Hauptstadt des Tösstals» pries. Er ist oft in Turbenthal, macht Besuche, nimmt an Versammlungen teil und verfolgt die Dorfentwicklung. Wenn etwas nicht gut laufe in «seinem Turbenthal», so würde er sich immer noch masslos ärgern.

Sorgenvolle Entwicklung

Wenn er heute die Entwicklung im Tösstal verfolgt, so kommen ihm Sorgenfalten. «Die Wohnbautätigkeit hat für mich unkontrollierbare Ausmasse angenommen, sie überbordet», sagt er. Was da an Wohnungen geschaffen werde, sei ein zu rasantes Wachstum mit negativen Auswirkungen.

Auch viele Entwicklungen in unserem Lande machen ihm Sorgen. Als einstiger Major beurteilt er den Armeeabbau als katastrophal und die Einwanderung als unerträglich. Deshalb ist er vor wenigen Jahren der SVP beigetreten, nachdem er in jungen Jahren kurz bei der FDP und dann lange Zeit parteilos war.

Weidmanns Heil und Enkelfreuden

Trotz dieser Bedenken ist er ein froher und optimistischer Mensch geblieben. «Jeden Tag Turnen, Laufen, Freunde treffen und Gespräche führen, aber auch Reisen und Badeferien auf Zypern, das erhält mich jung», sagt er strahlend.

Mit seinen 84 Jahren ist er nach wie vor ein begeisterter Jäger, heute im Jagdrevier Russikon, früher während 32 Jahren im Revier Ramsberg-Turbenthal. Auch dieses Jahr hat er wieder zwei Böcke geschossen, und stolz zeigt er seine Trophäensammlung auf dem Balkon der Wohnung, von wo aus er den Pfäffikersee und im Hintergrund das ganze Alpenpanorama überblickt.

Dass die Revierjagd heute in die Kritik geraten ist, beschäftigt ihn sehr. «Es ist aber die beste Lösung», ist er überzeugt. Seiner Meinung nach muss verhindert werden, dass die Jagd eine staatliche Aufgabe wird und die einzelnen Gemeinden nichts mehr zu sagen haben.

Die grösste Freude machen ihm und seiner Gattin Helena die Enkel, mit denen er jeden Winter Ski fahren geht. Und jene, die schon über 18 sind, will er politisch auf den richtigen Weg bringen. «Ich sage ihnen, wie sie abstimmen sollen», lacht er. Aber ob sie es glauben? Ja, da sei er nicht immer so sicher.