Einladung zu einer bezaubernden Reise

Der Schafhirte Santjago mit Fatima in einer der Schlüsselstellen des Stückes. Vorne gut zu sehen für die Zuschauer der Dolmetscher in die Gebärdensprache. (Foto: Willy Roth)

Mit dem Projekt «Kulturladen» bietet die Stiftung Schloss Turbenthal in ihrem Gehörlosendorfladen in diesem Jahr fünf kulturelle Ereignisse an. Am letzten Freitag durfte man sich von den Tösstaler Marionetten mit ihrem Stück «Der Alchimist» zum Träumen einladen lassen.

Die Tösstaler Marionetten gibt es schon rund 30 Jahre als Berufsfigurentheater und deren Vater, Werner Bühlmann, kann viel über diese Zeit erzählen. Seine Ausbildung hat er am staatlichen Puppentheater in Bukarest gemacht und noch heute denkt er gerne an diese Zeit zurück. Das Spiel mit den Puppen war und ist für ihn immer eine besondere Sache. «Das Eine ist der Inhalt, die Worte die gesprochen werden und dazu kommt die Magie der Atmosphäre», schwärmt Bühlmann. Er erzählt von einigen besonderen Momenten, die er mit seinen Mitspielern und den Puppen erleben durfte. So haben die Marionetten an einem historischen Dokumentarfilm über die Hugenotten für das Fernsehen mitgearbeitet, oder, was der Künstler besonders hervorhebt, ist ein grosses Projekt für die Suchtpräventionsstelle der Stadt Zürich. Auch wurde die Künstlertruppe angefragt, ob sie Moderatoren der Feuerwehren des Kantons im Umgang mit solchen Figuren zu Ausbildungszwecken schulen könnten.

Die Puppen seines Theaters schnitzt Bühlmann alle selber, einzig die Augen werden von seiner Tochter gefertigt. Für jedes Spiel werden neue Geschöpfe benötigt und so befinden sich mittlerweile gegen 250 Puppen im Fundus der Tösstaler Marionetten!

Die Lokalität beeindruckt

Der Dorfladen des Gehörlosendorfes ist als solcher nicht wiederzuerkennen. Ein Ende des Raumes wird von der Bühne mit den verschiedenen Marionetten eingenommen, während der Eingangsbereich Platz bietet für den Apérobereich und die Garderobe. Der Raum dazwischen ist mit insgesamt 70 Stühlen für das Publikum vorbereitet. Marcel Jenni, Mitglied der Stiftungsleitung, fühlt sich sichtlich wohl inmitten seiner Mitarbeiter und viele der ankommenden Besucher werden von ihm persönlich begrüsst. In seiner anschliessenden kurzen Ansprache stellt er das Projekt «Kulturladen» vor und er freut sich, dass mit der heutigen Veranstaltung bereits der zweite Anlass ausverkauft ist. Schon jetzt kann Jenni ankündigen, dass dieses Projekt auch im nächsten Jahr wohl weitergeführt wird. Werner Bühlmann, den Vater der Tösstaler Marionetten, kennt er schon Jahrzehnte, gefühlte einhundert Jahre, wie er von diesem korrigiert wird.

Ein Stück von Paulo Coelho

«Der Alchimist», so heisst das gespielte Stück, handelt im 11. Jahrhundert von der Reise des Schafhirten Santjago von Andalusien über Tanger bis hin zu Ägyptens Pyramiden. Mitten in der Wüste, in einer Oase, lernt er dabei auch Fatima kennen und lieben. Das besondere an der heutigen Aufführung für die Künstler ist die Übersetzung der Vorstellung in die Gebärdensprache durch zwei sich abwechselnde Dolmetscher. Werner Bühlmann gibt dem Publikum vor der Vorstellung eine kurze Einführung über die Situation zu dieser Zeit und fasst den Lauf der Geschichte während der verschiedenen Szenen zusammen. Sowohl er als auch seine Partnerin, Ursula Egli- Klingler, sind bis hin zu Handschuhen ganz in schwarz gekleidet. Beide sind durch die ganze Geschichte stets präsent und doch, die Bühne gehört den Marionetten! Unglaublich, wie die richtige Beleuchtung die verschiedenen Figuren zum Leben erwachen lässt. Jede Furche im Gesicht, jeder Wangenknochen und besonders die Augen scheinen plötzlich völlig real. Die passende Musik dazu und die von Schauspielern gesprochenen Texte lassen einen vergessen, dass man es hier mit einem Puppenspiel zu tun hat. «Eine begeisternde Theater-Reise für alle, die das Träumen nicht verlernt haben..» – so wird das Stück auf der Seite der Tösstaler Marionetten beschrieben. Und wirklich, der Zuschauer der sich darauf einlässt, wird entführt auf eine Reise nach und durch den Norden Afrikas mit all seinen Verlockungen und Gefahren.

Gelungener Ausklang

Die Künstler erhalten für ihre Vorstellung langen und wohlverdienten Applaus, bevor wiederum Marcel Jenni die Besucher dazu einlädt, den Abend in der Gastro-Ecke ausklingen zu lassen: «Die Aufführung enthielt ganz bewusst keine Pause, diese folgt jetzt zum Schluss!» Eine besondere Freude bieten Werner Bühlmann und Ursula Egli dem Publikum im Anschluss, indem sie die Möglichkeit bieten, selber einmal eine Marionette zu halten und zu führen. Bestimmt eine seltene Gelegenheit und ein passendes Ende einer gelungenen Veranstaltung.