Eine Schule ohne Graben zwischen Schulpflege und Lehrerschaft

Sophie Stahel: «Ich wollte eine moderne Schule, ohne Graben zwischen Schulpflege und Lehrerschaft» (Foto: ww)

Von 1978 bis 1998 wirkte Sophie Stahel in der Schulpflege Zell, 12 Jahre als deren Präsidentin. Unter ihrer Leitung wurden in den achtziger Jahren Blockzeiten und Mittagstische eingeführt. Sie animierte viele Frauen zum Mitmachen in der Politik und kann nicht verstehen, dass sich viele junge Leute politisch nicht engagieren.

Als Mutter und Schulpflegerin kannte Sophie Stahel die Schwierigkeiten mit den unterschiedlichen Stundenplänen der Kinder aus eigener Erfahrung. 1986 wurde sie Präsidentin und war entschlossen, dies zu verbessern. «Schulpflege und Lehrerschaft folgten mir und innert kurzer Zeit führten wir als eine der ersten Landgemeinden die Blockzeiten ein», sagt die heute 82-Jährige. Gleichzeitig seien Mittagstische und andere ausserschulische Betreuungsangebote erweitert worden. «Damit erfüllten wir Ansprüche, die eine moderne Schule erbringen muss», betont sie. Schon damals erkannte sie den Trend, dass vermehrt beide Elternteile berufstätig sein werden, und dieser Entwicklung wollte sie frühzeitig Rechnung tragen. Und heute sei es unbestritten, dass diese Einrichtungen viel zur besseren Sozialisierung unserer Kinder beitragen und die Integration von Ausländerkindern fördern würden.

«Weiblicher» Führungsstil

Als Schulpräsidentin führte sie ein Unternehmen, das sich aus 400 bis 500 Kindern vom Kindergarten bis zur neunten Klasse, rund 70 Lehrpersonen und anderem Personal sowie aus sieben Schulhäusern und Turnhallen in Kollbrunn, Rikon, Rämismühle, Langenhard und Zell zusammensetzte. Sophie Stahel wollte eine moderne Schule – das betont sie im Gespräch immer wieder. Was versteht sie darunter? «Das ist eine von Offenheit und Transparenz geprägte Kultur, die keinen Graben zwischen Lehrpersonal und Schulpflege zulässt». Dazu komme ein teamorientierter Führungsstil. «Vielleicht kann man ihn auch einen weiblichen Führungsstil nennen», schmunzelt sie. Die Sitzungen seien zwar nun länger gegangen als früher, aber am Schluss habe meist Konsens geherrscht.

Bei der Verabschiedung im Jahre 1998 habe sie sich in ihrer Haltung bestätigt gefühlt. In der Würdigung habe es geheissen, sie habe durch Wertschätzung und Offenheit eine neue Qualität ins Schulleben gebracht, wodurch der Graben zwischen Schulpflege und Lehrerschaft zugeschüttet und geglättet worden sei. «Was kann es Schöneres geben, als eine solche Beurteilung», freut sie sich noch heute.

Ständig am Bauen für die steigende Kinderzahl

Eine Daueraufgabe waren der Bau und der Unterhalt von Schulräumlichkeiten für die steigende Kinderzahl. «Während meiner 20-jährigen Schulpflegezeit war ich ständig in einer Baukommission.» Es sei eine spannende Aufgabe gewesen, die verschiedenen Projekte von der Planung über die Finanzierung zur Realisierung zu bringen. Die engen Kontakte zum damaligen Gemeindepräsidenten Hansruedi Feller seien sehr wertvoll gewesen, vor allem auch bezüglich raumplanerischer und finanzieller Fragen.

Als wichtigste Bauten nennt sie das Schulhaus Zell, den Doppelkindergarten, das Schulhaus Berg, die Oberstufe Rikon und die Sanierung der Engelburg-Anlage in Rikon. Als bereichernd empfand Sophie Stahel die vielen Kontakte mit Eltern, Interessengruppen und anderen Behörden. «Ich nahm diese Gelegenheiten gerne wahr, um unsere moderne Schule auch nach aussen zu zeigen». Besonders stolz ist sie, dass sie zweimal regierungsrätlichen Besuch empfangen durfte, zuerst Alfred Gilgen und dann Ernst Buschor. «Ich sorgte stets dafür, dass Zürich unsere gut funktionierende Schule kannte, das verbesserte unsere Verhandlungsposition.»

«Natürlich gab es auch Kritik», räumt Sophie Stahel ein, und diese habe sie stets ernst genommen. «Ich nahm mir dann immer viel Zeit, um mit den Leuten offen zu reden und ihnen meine Haltung zu erklären. Damit bin ich gut gefahren.»

Aufbauarbeit mit dem Frauenverein 

Sophie Stahel hatte in der Westschweiz studiert, das Eidg. Handelsdiplom erworben und sich später an der Fachschule Wattwil zusätzlich als Textilfachfrau ausgebildet. In Zell begann sie sich in den sechziger Jahren zu engagieren. Zuvor lebte sie acht Jahre in Argentinien, wo ihr Gatte Hansrudolf Stahel eine Spinnerei leitete und 1959 nach Rämismühle zurückkehrte, um hier die elterliche Textilfirma zu übernehmen.

1968 gehörte sie zu den Gründerinnen des Frauenvereins Zell. «Da konnten wir kreativ sein, denn als Folge der baulichen Entwicklung gab es viele Bedürfnisse», erinnert sich Sophie Stahel und erwähnt Kin-
derhort, Kinderspielplätze, Kinderflohmärkte, Altersnachmittage, Mittagstische und die Wiederbelebung der Zeller Chilbi. «Als 1971 endlich das Frauenstimmrecht kam, organisierten wir Kurse für Frauen, um deren Wissen und das Auftreten in der Öffentlichkeit zu schulen.»

Wie war das mit der Einheitsgemeinde?

Bald sind es zwanzig Jahre her seit ihrem Rücktritt. Es ist ruhiger geworden um sie und sie geniesst das Leben – verbunden mit einigen Altersbeschwerden – in ihrem schönen Loft in Rämismühle, dem einstigen Spinnereigebäude. Wie beurteilt sie die heutige Politik? Die Gemeinde mache ihre Sache gut, Zell führe nach wie vor eine sehr moderne Schule.

Etwas irritiert war sie, als unmittelbar nach ihrem Rücktritt die Schulgemeinde und die politische Gemeinde fusionierten, also eine Einheitsgemeinde bildeten. «Man wusste, dass ich dagegen war, deshalb haben sie gewartet, bis ich zurücktrat.» Darüber kann sie heute aber lachen und eingestehen, dass es wahrscheinlich ein sinnvoller Zusammenschluss war.

Zu aktuellen Bildungsfragen hat Sophie Stahel immer noch eine klare Meinung. So hofft sie auf die Realisierung des Lehrplans 21, findet die Schaffung von Schulleitungen sehr nützlich und freut sich über den positiven Entscheid im Kanton Zürich zugunsten von zwei Fremdsprachen an der Primarschule.

Von Jugend an eine politische Frau

Was sie schon als Kind getan hatte, nämlich tagtäglich das politische Geschehen zu verfolgen, tut sie immer noch. Sie stammt aus einer engagierten FDP-Familie und ist der Parteilinie bis heute treu geblieben. Dass mit Petra Gössi eine Frau an der Parteispitze steht, findet sie gut und sie ist begeistert von ihrem unkonventionellen Stil. Natürlich sei auch in ihrer eigenen Familie in Rämismühle stets politisiert worden. Als ihr Mann von 1970 bis 1978 im Zeller Gemeinderat war, wie auch später, als sie in die Schulpflege kam, sei Politik am Familientisch immer ein dominantes Thema gewesen. «Und heute ist das auch bei meinen vier Söhnen und ihren Familien so, und ich hoffe, das werde dereinst auch bei meinen 13 Enkelkindern der Fall sein.»

Für eine familienfreundlichere Politik 

Betrübt ist sie hingegen, dass sich junge Leute, vor allem junge Frauen, wenig um Politik kümmern und sich nur spärlich dafür interessieren, welche Entscheide in Zürich und Bern gefällt würden. Entscheide, die aber ihr Leben früher oder später beeinflussen würden. Und wer könnte die Interessen junger Familien denn besser vertreten, als diese selbst? Ja, es sei leider anders als vor 50 Jahren, als sich junge Frauen aktiv in die Politik eingemischt hätten.

Über die Gemeinde hinaus hat sich Sophie Stahel immer wieder für familienfreundlichere Gesetze und Einrichtungen engagiert. «Wir müssen doch alle ein grosses Interesse haben, eine moderne Familienpolitik zu stützen, damit es wieder attraktiver wird, Kinder zu haben», schrieb sie einst in der NZZ. Diese Meinung vertritt sie immer noch mit Vehemenz.