Eine Kirche im Wandel – «Geschichte im Rampenlicht»

Die Chorgemeinschaft Landenberg macht sich bereit und fokussiert sich auf den Dirigenten (Foto: zVg)

Letzten Samstag bot sich Kulturinteressierten ein weiterer Anlass im Rahmen des Kirchenjubiläums Turbenthal: Geschichte im Rampenlicht – ein kleines Fest mit verschiedenen Stationen.

Nach einem Apéro wurden die etwa 90 Gäste von Pfarrer Marc Schedler in der reformierten Kirche in Turbenthal begrüsst. Der Kirchenraum nahm anschliessend als Einstimmung den Klang des Violinistinnen-Duos Stefanie John und Sophie Wahl auf. Das Zusammenspiel begann mit einem ernsten und zarten Stück von Respighi (Siciliana) und setzte sich in einem Sonatenausschnitt von Mozart fort, das verspielt und festlich die Erwartungen für das Kommende weckte.

Aus seinem reichhaltigen Fundus hatte Ueli Vetter 68 Bilder zur Geschichte der Kirche Turbenthal zusammengestellt und erläuterte diese vor dem Publikum auch mündlich. Nun bekamen die Anwesenden sie zu Gesicht und Erkenntnis. Zu einigen davon las Wolfgang Wahl kurze Texte aus Stillstandsprotokollen aus dem 18. Jahrhundert und alten Berichten vor. Von der Frühgeschichte und dem Förderer Hugo von Hohenlandenberg zeigten die Bilder bis zum 19. Jahrhundert eher Zeichnungen und gemalte Darstellungen von Turbenthal und seiner Umgebung. Schon damals verband das noch von der Kirche gelenkte Schulwesen die Gemeinden Turbenthal und Wila, wie man am Beispiel der Schule Tablat von 1783 hörte. Fotografisches Material stand etwa ab 1900 zur Verfügung, wobei besonders die Glasplattenfotos von Dr. Gubler – digitalisiert von Ueli Vetter – das Dorfleben anschaulich machten.

Staunen über frühere Lebensweise 

Die Veränderungen am Kirchenturm und in der Umgebung der Kirche bis heute lösten manches Erstaunen und auch Erinnerungen aus. Wie eine Kirche und ihr Dorf mit den umliegenden Dorfteilen lebte und deren Leben lenkte, überrascht in seinem Ausmass die heutigen Menschen: Adlige? Hebammen? Kegelverbot? Sigristen waren auch Lehrer, und die Sitten werden heute nicht mehr so rigoros kontrolliert. Was es früher auch schon gab, war der Missbrauch des Alkohols. Wer hätte gedacht, dass Kirchenstühle früher vermietbar, verkäuflich, ja sogar vererbbar waren? Der Gerichtsherr Wolf um 1800 regierte kräftig und streng mit, im Zweifelsfall wollte er immer Recht behalten und betrachtete sich als  eigentlichen Herrscher von Turbenthal. Seine Nachfahren spendeten einen erheblichen Betrag zur Erneuerung des Kirchenturms 1903.

Die Adelsgruft der Breitenlandenberger war auch ein Thema: Ein Bericht über die Öffnung der Gruft 1855 erinnerte an die Spannung, mit welcher später Gräber der Pharaonen geöffnet wurden. Nur fand sich damals überhaupt nichts Wertvolles in diesem Gemeinschaftsgrab – was für eine Enttäuschung. Kirchengebäude, Menschen, Zusammenleben – alles verband sich für das Auge und Ohr zu einem anschaulichen Einblick in die Turbenthaler Kirchengeschichte.

Naturfrömmigkeit und Romantik

Zum Kirchenleben gehörte immer auch der Gesang verschiedener Chöre. Der Männerchor Turbenthal ist der älteste Verein in Turbenthal und hat seit seinem Bestehen 1830 und ab 2004 als Teil der Chorgemeinschaft Landenberg (zusammen mit den Männerchören Wila und Wildberg-Ehrikon) immer in der Kirche Turbenthal gesungen. In der Männerchorliteratur geht es ja um Natur, Romantik und Geselligkeit, deshalb boten sie für dieses Fest auch ein fröhliches Programm. Sehnsüchte nach romantischen Orten und der angebeteten Liebsten verbanden sich mit Naturfrömmigkeit. Dass auch freche «Seebuebe» im Tösstal wandeln, war den Zuhörenden wohl neu.

Die kraftvolle Präsenz des Chors und die umsichtige Leitung des Dirigenten Philip Hirsiger bewiesen, dass Männerchorgesang auf gutem Niveau auch heute noch viel Sinn macht. Der Dirigent stand bei seiner Arbeit auf der Grabplatte der Breitenlandenberger: Es ist also möglich, auf Geschichte aufzubauen, sich ihrer bewusst zu sein und gleichzeitig darüber zu stehen. Auf das Zusammenspiel in den Gemeinden kommt es an.

Zu danken ist der Spurgruppe zum Kirchenjubiläum 500 Jahre Kirche Turbenthal, der reformierten Kirchenpflege, allen Mithelfenden, den beiden Violinistinnen und der Chorgemeinschaft Landenberg für diesen erlebnisreichen Abend. Dieser klang nach dem Chorgesang mit einem appetitlichen Angebot an Essen und Trinken aus. Die Freude am Bier, welche das letzte Lied des Chors sehr deutlich machte, konnten die Anwesenden dann mit Zwingli-Bier auskosten.

WANDERAUSSTELLUNG
Das Wochenende vom 9. und 10. September bietet eine Vernissage der neuen Wanderausstellung «Sitte und Seelenheil» der Ortsmuseen Turbenthal und Wila im Chiletreff Turbenthal. Dort kann man das Werden der Kirchen im mittleren Tösstal weiter auf sich wirken lassen. Am 11. November tritt die Chorgemeinschaft Landenberg in der Kirche Turbenthal mit ihrem Herbstkonzert auf, unter anderem mit einer Deutschen Messe von Schubert.