Ein besonderes Haustier

Geht es dir noch?», rufe ich entsetzt, als mir Enkel Dan vor Weihnachten mitteilte, dass er sich einen Skorpion als Haustier wünsche. Beruhigend sagt er: «Weisst du Grosi, jeder kann nur ein klein wenig mit zum Terrarium beitragen, vielleicht eine Pflanze oder etwas Sand, das ist nicht so teuer.» «Das ist doch verrückt, ein Skorpion ist doch kein Haustier!», rufe ich aufgeregt. «Wünsch dir doch ein Meerschweinchen oder so!» Aber er findet, ein Skorpion sei cooler und für ihn das Beste. Den könne er gut in seinem Zimmer halten und der würde auch niemanden stören. Er habe sich schon genau erkundigt. Das Futter, Grillen, könne er in der Tierhandlung kaufen. Das entsetzt mich noch mehr. Im Fernsehen wurde für eine Zeit immer die kleine Grille Max vorgestellt. Diese Art sei vom Aussterben bedroht und man solle Sorge zu ihr tragen. Meine Argumente nützten nichts. Dan sagte, dass diese Insekten extra zum Zweck von Futter gezüchtet würden. «Skorpione sehen ganz herzig aus. Du kennst diese Tiere doch und das wird dir sicher ein wenig das Heimweh nach Afrika nehmen, weil du nicht mehr dorthin zurückkehren kannst.»

Als Grosseltern nehmen wir uns immer vor, den Kindern zuzuhören und möglichst keine Gegenargumente ins Feld zu führen. Dans Grossvater findet die Idee ganz lustig und interessant. Also versuche ich, mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ich in einem zivilisierten Haus bald so ein gefürchtetes Viech vorfinden werde.

Erinnerungen stürmten auf mich ein. Während den sieben Jahren im nigerianischen Busch mussten wir vorsichtig sein, um nicht auf diese kleinen Tierchen zu treten. Ihr Gift verursacht extreme Schmerzen. Das habe ich oft bei den Einheimischen beobachten können. Der Krankenpfleger im Dorf konnte aber helfen, indem er ein Medikament, das eigentlich zur Behandlung von Amöben gedacht war, genau in die Bissstelle spritzte. Dadurch verschwand der Schmerz schlagartig. Das haben mir die Betroffenen selbst erzählt. Aber die Erwachsenen schämten sich, den Krankenpfleger zu konsultieren. Manche Männer lachten und scherzten, wenn ein Kollege gestochen wurde. Das konnte ich nicht ertragen, aber eben «andere Länder, andere Sitten». Damit musste ich mich abfinden. In Gedanken schüttelte ich den Kopf über unseren Enkel Dan, der so einen komischen Wunsch hatte.

Zwei Ereignisse, wo wir knapp einem Stich des Skorpions entgingen vergesse ich nicht. In Afrika musste ich sehr aufpassen, dass unsere Kinder nicht ohne Schuhe herum liefen wie ihre kleinen Spielgefährten. Unsere Tochter ist in Nigeria geboren und aufgewachsen. Sie verbrachte ihre ersten Lebensjahre inmitten von Einheimischen, die in einfachen grasbedeckten Rundhütten auf dem Lehmboden schliefen. Ich achtete so gut wie möglich darauf, dass sie sich nicht verletzte oder gestochen wurde. Einmal, an einem heissen Tag, als unsere Tochter etwa zwei Jahre alt war, schrie sie die ganze Zeit und wollte von mir in die Arme genommen und herumgetragen werden, während ich dringende Arbeit verrichten musste. Am Boden stand eine Kartonschachtel mit der die Kinder gerne spielten. Ich hob das kleine Mädchen in die Höhe und sagte, dass diese Schachtel jetzt ihr Haus sei. «Da kannst du drinsitzen und spielen.» Als ich sie hineinsetzen wollte entdeckte ich im letzten Moment einen Skorpion, der gerade seinen Stachel in die Höhe streckte und sich zum Angriff bereitmachte. Diese Tierchen können für kleine Kinder sehr gefährlich, ja sogar tödlich sein. Von nun an schüttelten wir die Schuhe vor dem Anziehen regelmässig aus und kehrten alle Behälter vor dem Gebrauch um, um zu sehen ob sich da keiner dieser ungebetenen Gäste versteckt hielt.

Als wir Jahre später einheimische Freunde in Nigeria besuchten, wurden wir vom Gastgeber, der in Jalingo eine führende Position in der Stadtregierung einnahm, im besten, neuerbauten Haus des Ortes einquartiert. Alles war vornehm und schön eingerichtet. Der Boden war von einem dicken, roten Teppich bedeckt. Der Wohnraum machte einen extrem sauberen Eindruck. Als ich meine Schuhe auszog und mich freute, bei der Hitze barfuss laufen zu können, entdeckte mein Mann neben meinen Füssen etwas, das sich bewegte. Er beugte sich vor und rief: «Pass auf, ein Skorpion!» Zum Glück kannten wir die Angriffsfreudigkeit dieser Tiere, wenn sich etwas bewegte. Darum versuchten wir nicht, es mit blossen Händen zu entfernen.

Dan kennt all diese Geschichten. Trotzdem schreckten sie ihn überhaupt nicht ab, im Gegenteil. Und so wurde das Terrarium von der ganzen Familie mit Liebe vorbereitet. Sogar etwas wie ein Wasserfall wurde installiert. Eigentlich wünschte er sich den riesigen und nur mässig giftigen Kaiserskorpion. Der war aber in der Schweiz nicht erhältlich, wahrscheinlich, weil er unter Artenschutz steht. Trotzdem: mit grosser Bewunderung seitens der Nachbarskinder zog das Wildtier, das etwas kleiner ist als gewünscht, im Terrarium ein. Besitzer Dan kümmert sich sehr um das Spinnentier und sorgt dafür, dass die Atmosphäre in seinem Zimmer ruhig bleibt. «Weisst du, Skorpione vertragen keinen Stress», belehrt er mich mit allem Ernst. Die anderen Kinder besitzen Hunde, Katzen und Meerschweinchen. Aber ein Skorpion? Das ist wirklich etwas Neues.

Zu seinem Geburtstag kreierte ihm der Grossvater eine Gratulationskarte mit einem Skorpion drauf. Beim Betrachten des Bildes fragte ich ganz erstaunt, ob derjenige von Dan auch so gut aussehe. «Natürlich!», war seine Antwort. Seither habe ich meine Abscheu vor diesen Kreaturen verloren. Jetzt bin ich sogar ein bisschen stolz, dass wir ein so besonderes Haustier in der Familie haben, dem es wirklich wohl zu sein scheint.