Du oder sie

Ich bin hin- und hergerissen: Du oder Sie? Grossgeworden bin ich in einem hierarchiegläubigen Umfeld. Während der Lehrzeit war es ganz selbstverständlich, dass ich die älteren Arbeitskollegen mit «Sie» ansprach. Umgekehrt musste ich immer lächeln, wenn ich als junger Mitarbeiter «Herr Schwyter» gerufen wurde. Später dann in meinem Berufsumfeld war das Du unter den Kollegen verbreitet, während Vorgesetzte oder gar die Geschäftsleitung ehrfürchtig mit «Sie» angesprochen wurden. Allerdings entstanden so auch komische Situationen. Ich habe viele Jahre in der führenden Versicherungsgesellschaft in Winterthur gearbeitet. Zu den vielen Dienstleistungen für die Arbeitnehmer zählten die internen Sportclubs, unter anderem der Fussballclub. Jedes Jahr fand ein grosses internationales Fussballturnier statt. In einer Mannschaft spielten Mitglieder der Direktion und der Generaldirektion. Es war firmenintern bekannt, dass sich Mitarbeiter in einer Fussballmannschaft aufstellen liessen, um eben einem Generaldirektor auf dem Rasen und später im Korridor «Du» sagen zu können. Nach der Jahrtausendwende arbeitete ich in einem Internet-Unternehmen, wo sich alle Mitarbeitenden per Du begegneten. Auch heute als interimistischer Geschäftsführer der Spitex Mittleres Tösstal wie auch als Gemeinderat bewege ich mich in Organisationen, wo das kumpelhafte Du das formelle Sie abgelöst hat.

Zwischen unbekannten Erwachsenen verliert die Höflichkeitsform immer mehr an Boden. Signalisiert das um sich greifende Duzen eine falsche Nähe oder ist das Sie einfach überholt? An der Designmesse in Winterthur schlenderten wir zwischen den Ständen und bewunderten die ausgestellten Kleider, Taschen, Möbel. Bei einem Stand mit Taschen aus wieder verarbeiteten Pneus wurden wir von einem jungen Mann begrüsst: «Hoi zäme, chan ich eu helfä?» Verblüfft blieben wir stehen, nicht wegen der Auslagen, sondern wegen der vertraulichen Anrede. Die Schilderung solcher Begegnungen liesse sich fortsetzen.

Das Ausdrücken von Nähe und Distanz im Umgang mit Mitmenschen verändert sich. Früher bedeutete «Euch» und «Ihr» eine spezielle Form der Höflichkeit. Vor allem war damit die Hierarchie über die Sprache klargestellt. Der Tiefergestellte zeigte mit der Wortwahl seine Ehrerbietung gegenüber dem Höhergestellten. Glücklicherweise sind diese Zeiten vorbei. Allerdings stellen wir heute gerade das Gegenteil fest: Distanz und Respekt gehen verlustig.

Die schriftlichen Ansprechformen bilden die Grundlage für die mündlichen. 1996 erlebten wir die letzte grosse Anpassung bei der Rechtschreibung. Statt die Grossschreibung endgültig auf die Müllhalde der Geschichte zu werfen, wurden nur kosmetische Anpassungen vorgenommen. Das respektvolle und doch Vertrautheit ausstrahlende Du wurde zum kollegialen «du» degradiert. Zehn Jahre später erbarmte man sich des «du’s», denn seither kann in einer schriftlichen Anrede «Du» wieder verwendet werden. Haben die Verantwortlichen nach der früheren radikalen Abschaffung der schriftlichen Höflichkeits- und Respektform den Mut verloren und sind deshalb zurückgekrebst?

Sprache wandelt sich stetig, dies ist ganz normal. Veränderte Anredeformen zeugen aber von mehr als nur einem Sprachwandel. Vom «Sie» zum «du» weist auf eine Veränderung des Umgangs der Menschen mit- und untereinander hin. Anstelle der Höflichkeitsform greift Kumpanei um sich. So hat der CEO des grössten Schweizer Medienhauses anlässlich seiner Begrüssungsrede darauf hingewiesen, dass ab sofort sich alle Duzen sollten und er mit «Christoph» angesprochen werden könne. Ich erinnere mich an meine Zeit als Geschäftsführer einer Tochtergesellschaft eben dieses Medienhauses. Wenn ich in den Gängen jemandem begegnete, grüsste ich immer bewusst. In der Mehrzahl der Fälle blieb mein Grüezi unerwidert oder führte zu einem verständnislosen Glotzen. Solche Begegnungen zeigten mir, dass es innerhalb des Medienhauses fundamentalere zwischenmenschliche Verhaltensänderungen gebraucht hätte als den Wechsel vom «Sie» zum «du».

Natürlich sei die Globalisierung an diesem Wertewandel schuld (Gott sei dank kann sie sich nicht wehren). Das globale Duzen folge einem weltweiten Trend, soll uns weisgemacht werden. Als Beweis muss der amerikanische Sprachgebrauch herhalten. Über dem Teich wird ungehemmt jedermann und jede Frau geduzt. Leider taugt diese Beweisführung nicht. Das «du» der deutschen Sprache drückt sehr viel mehr Nähe aus als das englische «you». Kommt hinzu, dass «you» eben beides bedeutet, «du» und auch «Sie». Erst die Situation zeigt, ob das «you» Nähe oder Distanz bedeutet. Auch die Körpersprache spielt eine wichtige Rolle. Nur ganz wenige mit «you» Angeredete erhalten ein Küsschen. Es ist deshalb sehr gefährlich, Anredeformen einfach wörtlich von einer Sprache in die andere zu übersetzen. Die kulturell geprägten Formen des Umgangs müssen unbedingt mitberücksichtigt werden.

Ob in der realen Welt oder virtuell im Internet: Es wird immer mehr geduzt, sogar ungefragt. Ist der sprachliche Ausdruck von Nähe und Distanz nur noch etwas für Ewiggestrige oder ist mehr Höflichkeit vor Sprachkumpanei angezeigt? «Gäll, nimm’s mir nöd übel, wenn ich dir s’nöchscht Mol eifach ‹du› säg, wenn mir öis uf dä Stross gsend.»

  • NetHawk

    Eine schwierige Frage, die sich wohl nicht allgemeingültig beantworten lässt. Letztendlich kommt es darauf an, was mein Gegenüber erwartetet, was ich erwarte und ob sich unsere Erwartungen decken. Wenn ja, ist alles klar. Wenn nein, passe ich mich meinem Gegenüber an und verwende die Form, die bevorzugt, bzw. von mir erwartet wird. Das ist meistens Sie, manchmal aber auch Du. Im Apple-Store wird Letzteres zelebriert, ich finde es etwas gewagt, aber ich passe mich an, weil es mich nicht stört.

    Tja, früher war das einfacher und in einer fernen Zukunft wird es auch wieder einfach sein, wenn sich alle duzen. Nur der Übergang ist etwas holprig…