Diese Bauern haben Nachholbedarf

Die Landschaft im Kreis Harghita erinnert ans Tösstal. Köbi Sturzenegger (Bildmitte mit Schirmmütze) mit einheimischen Kursteilnehmern (Fotos: zVg)

Der Tösstaler Köbi Sturzenegger leistet seit rund zwei Jahren wertvolle Entwicklungsarbeit bei Bergbauern in Rumänien. Dies ist nötig, weil es diesen Landwirten an Wissen mangelt. Es ist ein klassisches Beispiel von Hilfe zur Selbsthilfe.

Man könnte ihn als «Hansdampf in allen Gassen» bezeichnen. Am 1. Januar 2015 übergab Köbi Sturzenegger seinen Bauernhof in Seelmatten an Tochter und Schwiegersohn und zügelte nach Neubrunn. Das heisst aber keineswegs, dass sich der heute 63-Jährige aufs Altenteil zurückzog. Er hilft weiterhin auf dem Hof mit, steht bei den Metzgeten in der Alpwirtschaft Schnurrberg in der Küche (das Gasthaus wird von der anderen Tochter und deren Mann betrieben) und betreut dienstags und samstags die Entsorgungsstation der Gemeinde Turbenthal. Nebenbei singt er seit über 30 Jahren im Männerchor Neubrunn. Doch seit zwei Jahren führt er noch eine weitere, spannende Tätigkeit aus: Er unterrichtet rumänische Bauern in verschiedensten Belangen der Landwirtschaft.

Koni Suter ist Projektleiter des Mythen-Fonds, der bezweckt, initiativen Bauernfamilien im rumänischen Siebenbürgen zu helfen, durch ihre Arbeit auf eigenem Grund und Boden eine Existenz zu finden. Der Mythen-Fonds ist ein Wirkungsfeld der Stiftung Lebensqualität mit Sitz in Siebnen. Deren Ziel ist die Verbesserung der Lebensqualität durch Kompetenzentwicklung. Suter hielt vor einigen Jahren einen Vortrag über Milchwirtschaft in der «Krone» in Neubrunn und lernte dort Köbi Sturzenegger kennen. So wusste er, dass dieser als Klauenpfleger tätig ist.

Im Frühjahr 2015 suchte der Mythen-Fonds jemanden, der Bauern in Rumänien die richtige Klauenpflege demonstrieren sollte. Deren Tiere wurden oft aufgrund von Gelenkproblemen aufgegeben und vom Tierarzt an die Schlachtbank verwiesen. Die richtige Pedicure hätte manches Tier vor diesem Schicksal bewahrt. Suter erinnerte sich an Sturzenegger und fragte ihn, ob er sich diese Arbeit vorstellen könnte. «Ja, das gibt etwas Luft im Kopf», sagte Sturzenegger, denn die Aufgabe des eigenen Betriebes beschäftigte ihn damals noch stark. Schon kurz darauf, an Ostern 2015, reiste der Tösstaler in Begleitung von Koni Suter ein erstes
Mal nach Gheorgheni in der Region Harghita.

Sprachliche Hindernisse

In Rumänien wird Sturzenegger stets von einem Dolmetscher begleitet. József Bányász war früher Priester, gab dieses Amt aber wegen der Liebe zu einer Frau auf. Er spreche sehr gut Deutsch, lobt der Klauenpfleger, und von ihm erfahre er sehr viel über Land und Leute. «Ein Übersetzer ist absolut nötig», sagt Sturzenegger, denn die Bauern sprächen kaum Deutsch, übrigens auch kaum Rumänisch. Sie gehören zu einer ungarischen Minderheit, die unter dem Regime von Diktator Nicolae Ceau escu in den Kreis Harghita vertrieben wurden. Dessen Zentrum ist Gheorgheni, eine Stadt mit rund 18’000 Einwohnern. Dort befindet sich der Sitz von Agro-Caritas, einer Hilfsorganisation für Landwirte.

Inzwischen hat Sturzenegger schon mehrere Kurse in Klauenpflege durchgeführt. Diese eintägigen Kurse werden jeweils von Montag bis Freitag angeboten und von bis zu zehn Teilnehmern besucht, die aus einem Umkreis von 35 Kilometern kommen. Als Anschauungsmaterial verwen-
det der Schweizer Füsse aus dem Schlachthaus. «Das Interesse an den Kursen ist riesig», stellt er fest. Die Bauern seien wirklich wissbegierig. Laut Dolmetscher hätten sie einfach etwa 80 Jahre Rückstand auf den Westen. Das sei nicht auf Bequemlichkeit zurückzuführen, sondern darauf, dass ihnen während der Zeit des Kommunismus einfach nichts beigebracht wurde. Die Landwirte, respektive ihre Vorfahren, hätten auf den Kolchosen einfach ihre Arbeit erledigt. Die heutige Generation habe nach der Wende das Land zurückbekommen und versuche nun, davon zu leben. Der Helfer aus der Schweiz dazu: «Ziel ist es, sie soweit zu bringen, dass sie überleben können.»

Mittlerweile unterrichtet Köbi Sturzenegger die Bauern auch in Tiergesundheit, Tierpflege oder Stallhygiene. Letzte Woche brachte er ihnen erstmals auch die Pflege von Maschinen bei. Und bei seinem fünften Besuch sei er beauftragt worden, Kühe zu kaufen. Den neuen Besitzern wird das Geld vorgeschossen, sie verpflichten sich aber, dieses innert fünf Jahren zurückzuzahlen. «Wir schenken generell nichts, wir vermitteln nur Wissen», erklärt der Tösstaler. Bankhypotheken seien bei einem Zinssatz von 19 Prozent für die «mausarmen» Bauern einfach unerschwinglich. Jedem Kursteilnehmer werde ein Zertifikat übergeben. Damit habe er Anspruch auf Fördergelder der EU von etwa 50 Euro. In jener Gegend sicher eine willkommene Unterstützung. Bedingung ist aber, dass er mindestens zehn Kühe hat, die im Herdebuch eingetragen sind.

Grosse Wertschätzung

Wie sieht es aber für den Kursleiter aus? «Wir haben keine Auslagen, aber auch keine Einnahmen», hält Stur-zenegger fest. Flug- und Autokosten werden von den Stiftungen übernommen, in Rumänien gibt es Kost und Logis. Ein Salär wird nicht ausbezahlt. «Ich spüre aber eine grosse Wertschätzung», verrät er. Und erzählt eine Begebenheit mit einer Kursteilnehmerin. Monate später habe er diese auf einem Markt wieder gesehen. Da sei sie hinter dem Stand hervorgekommen und habe ihn spontan umarmt. Solche Zeichen der Dankbarkeit seien sehr berührend.

Erste Ergebnisse der Entwicklungshilfe sind gemäss Köbi Sturzenegger bereits spürbar. Ein Käser namens Attila verkaufe mittlerweile pro Woche 400 Kilo Käse verschiedener Sorten. Einem intelligenten Bauern (in Deutsch hiesse er Alexander Müller), der bisher alle Arbeit von Hand verrichtet hatte, kaufte die Stiftung eine Melkmaschine. Seine Frau arbeitet in Deutschland, um mitzuhelfen, die Familie über die Runden zu bringen. Alexander Müller konnte seinen landwirtschaftlichen Betrieb bereits ausbauen.

Sechs Bauern produzieren heute Käse und vermarkten ihn selbst, die anderen bringen die Milch in den Lehrbetrieb der Agro-Caritas, wo sie zu Käse verarbeitet wird. Zudem wurde im August 2015 die Landwirte-Genossenschaft Oltárk mit heute 32 Mitgliedern gegründet. Es ist eine Kooperation, in der die gemeinschaftliche Nutzung von Wald, Weideland und Feldern geregelt ist, die aber auch Lohnarbeiten ausführt.

Köbi Sturzenegger hat während seiner Aufenthalte in Rumänien viele unerfreuliche Dinge gesehen. Beispielsweise Kühe, die im eigenen Mist lagen. Aber er stellt den Bauern im Kreis Harghita generell ein gutes Zeugnis aus. Das motiviert ihn, mit der Entwicklungsarbeit weiterzumachen.

www.mythen-fonds.ch, www.stiftung-lq.com

Albert Büchi
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