«Die Welt ist ein Hühnerhof»

Charly Bühler ist überzeugt, dass die Hühnerwelt einen idealen Spiegel unseres menschlichen Zusammenlebens abgibt (Foto: sv)

Das Huhn ist sein Markenzeichen: Charly Bühler ist freischaffender Künstler und in der Schweiz als der Hühnermaler bekannt.
Mit drei verschiedenen Stilrichtungen schafft der Tösstaler aussergewöhnliche Bilder, die ausdrücken, was ihn bewegt.

«Ich müsste 200 Jahre alt werden, um alle meine Ideen auszuschöpfen», sagt Charly Bühler. Wenn man sein Atelier betritt, wird einem schnell klar, warum er in der Schweiz als der Hühnermaler bekannt ist. Überall hängen Bilder von Hähnen und Hühnern. Nebst souveränen Darstellungen des Federviehs finden sich viele Kunstwerke, in denen die Tiere den Platz von Menschen einnehmen. Karriere-Hähne, die sich in einer Bar über Marketing unterhalten oder Bänker, die vor ihrem Porsche posieren. «Die Welt ist ein Hühnerhof», sagt der Künstler und erklärt, dass er viele Analogien zwischen Hühnern und Menschen sieht.

Die «Hühnereien» fanden ihren Anfang bei einer Hausräuke, als er und seine Frau Margaritha von Freunden zwei Hühner geschenkt bekamen. Bühler begann die Tiere zu beobachten und entdeckte viele Parallelen zu unserem menschlichen Leben. Der Güggel ist inzwischen sein Markenzeichen geworden.

Schon als Kind zeichnerisch begabt 

Aufgewachsen ist Bühler in Lugano, Tessin. Dort verbrachte er seine Primar- und Sekundarschulzeit, was nicht ganz einfach war, da er kein Italienisch sprach. Doch er kämpfte sich durch. «Ich hatte einen Sitzplatz am Fenster, so konnte ich die Natur, die Vögel beobachten und Zeichnen.» Mit 16 Jahren zog er in die Deutschschweiz zurück, wo er die Lehre zum Feinmechaniker machte. Kurz darauf wechselte er in den Beruf des Technischen Zeichners. Anfang 70er-Jahre bildete sich der Tösstaler zum Grafiker und Illustrator aus. 1981 fanden er und seine Frau ihr Zuhause im Tösstal.

Ein Wendepunkt für ihn war die Zeit an der F+F Schule für experimentelle Gestaltung in Zürich. «Ich habe mich nie an Konventionen gehalten», sagt er. Er habe immer experimentiert, mit Farben, Papier, Mischungen. Deswegen war die F+F so wichtig für ihn. Er hat die Lehrer und deren unkonventionelle Ideen sowie die Freiheit sehr geschätzt, welche die Schule in ihren Anfängen ausgemacht haben.

Bühlers erste Ausstellung fand 1975 im Landenberghaus in Greifensee statt. «Die Frage, was zuerst da war, das Ei oder das Huhn, hat mich schon immer beschäftigt», sagt er. An jener Ausstellung stand dem-
entsprechend das Ei im Zentrum. Schon damals nutzte der Maler seine Bilder, um die gesellschaftlichen Themen seiner Zeit humoristisch darzustellen.

Mit der Hühnerbrille in die Stadt 

Wenn Bühler zu seiner Frau sagt «ich muess go Schrübli poschte», dann weiss sie ganz genau, was er meint: Er geht in die Stadt, um den Kopf auszulüften und sich inspirieren zu lassen. «Ich gehe bewusst in einen Einkaufsladen oder in ein Café, um den Leuten zuzuhören. Dabei habe ich meine innere Hühnerbrille aufgesetzt», erzählt der Künstler. Währenddessen könne er sich den einen oder anderen Lacher nicht verkneifen, meint er. Die Hühnerbrille würde er jedem empfehlen, fügt er schmunzelnd hinzu.

Während er die Menschen um sich herum analysiert, macht er sich Notizen. Diese sind aber sehr kurz gehalten: «Marketingkampfhähne» – das reicht ihm. Die Ähnlichkeiten zwischen Menschen und Hühnern haben Bühler immer fasziniert. «Der Hahn ist das klassische Abbild vom Mann; stolz, wichtigtuerisch und manchmal auch etwas arrogant.»

Seine Bilder sollen nicht als Kritik verstanden werden. «Ich halte den Menschen einen Spiegel hin», meint er. Die Leute sollen sich selbst und ihr Verhalten genau betrachten und vielleicht sogar hinterfragen. Natürlich sehe er sich auch selbst in all seinen Bildern. Diese sind frech, provokativ, viele Leute schätzen genau das. Andere wiederum fühlen sich leicht angegriffen, doch der 76-Jährige nimmt es gelassen: «Jeder sieht in den Kunstwerken etwas anderes, es gibt kein richtig oder falsch.»

Wechselspiel von drei Stilrichtungen 

Bühlers Werke lassen sich in drei Kategorien einteilen; Themenbilder, Stillleben und informelle Werke. Die Themenbilder machen den grössten Teil seiner Werke aus. In jenen stellt er Menschen mit Hühnerköpfen dar und kommentiert damit gewisse Themen unseres gesellschaftlichen Lebens.

Bei den Stillleben soll das Huhn selbst im Zentrum stehen. Ihm ist wichtig, dass die Schönheit der Tiere zum Ausdruck kommt. «Man muss keine Thematik in diesen Bildern
suchen.»

Die informellen Bilder bedeuten Bühler ebenfalls sehr viel. Schon in den 1970er-Jahren hat er mit diesem schlichten Malstil begonnen, welcher sich an der Zen-Malerei aber auch am abstrakten Expressionismus orientiert. Die informellen Werke sind Ausdruck seiner Gefühle.

Das Wechselspiel von Stillleben, Themenbildern und informellen Werken macht die eindrückliche Arbeit des Tösstalers aus. Ob mit Aquarell, Ölfarbe oder Chinatusche, sein flüssig-schneller Malstil zieht sich durch alle seine Werke hindurch. «Ein Bild ist dann fertig, wenn es mir gefällt», sagt er. Wenn es soweit ist, malt er einen Rand um seine Sujets, lässt diesen aber an einer Stelle offen. «Eine Indianerin hat mir vor Jahren erklärt, dass so die Geister das Bild nachts verlassen können», erzählt Bühler.

Am 23. September 2017 findet eine Vernissage im Atelier des Künstlers in Schalchen, Nähe Bahnhof Saland, statt. Dort will er all seine Stilrichtungen zeigen, der Schwerpunkt wird aber auf den Themenbildern liegen. «Die Leute erwarten natürlich vor allem Hühnerbilder», weiss der Maler.

Der Künstler und seine Muse 

Zukunftspläne hat der zweifache Vater keine, er ist dankbar für das, was er hat. «Ich bin froh, dass ich diesen künstlerischen Weg eingeschlagen habe und bin gespannt, was alles noch kommt. Ich habe eine unterstützende Partnerin an meiner Seite und bin sehr dankbar, dass sie da ist», sagt er über seine Ehefrau, und als hätte sie ihn gehört, betritt sie just in diesem Moment den Raum und steht hinter ihm. «Wir gehen gemeinsam unseren Weg», sagt seine Frau Margaritha.

Charly und Margaritha Bühler sind seit 55 Jahren verheiratet und ergänzen sich perfekt. Dies merkt man im Gespräch, wenn sie jeweils die Sätze des anderen beenden. «Du bist meine Muse, das warst du schon immer», sagt Bühler zu seiner Frau. Sechs Enkelkinder bereichern das Leben des Ehepaars, im Tösstal fühlen sie sich mehr als wohl. «Das Leben ist interessant, schön und eine Herausforderung.»

Zur Person
Charly Bühler Verheiratet mit Margaritha Bühler Grossvater von sechs Enkelkindern 1957: Lehre zum Feinmechaniker Mitte 60er-Jahre: Ausbildung zum technischen Zeichner und Konstrukteur Ende 60er-Jahre: Ausbildung zum Grafiker und Illustrator Anfang 70er-Jahre: F+F Zürich, Schule für Experimentelle Gestaltung Seit 1988: Freischaffender Künstler und Illustrator