Die Wandlung des Frührentners

Die kleptomanisch veranlagte Mutter Julia König (Hanni Büchi) wird von ihren Enkelkindern Judy (Martina Lüscher) und Felix (Christian Sprecher) abgeschleppt (Fotos: abs)

Die traditionelle Unterhaltung des Männerchors Neubrunn befasst sich dieses Jahr mit dem Altern. Die ältesten Chormitglieder durften das Liederprogramm gestalten und im Schwank der Theatergruppe geht es um einen Beamten, der gerne Frührentner werden möchte.

Sie ist irgendwie ein Phänomen – die Unterhaltung des Männerchors Neubrunn. Alljährlich lockt sie über 600 Leute in den kleinen Saal des Restaurants Krone. Inzwischen an vier Abenden und einem Nachmittag. Und weil das nicht genügt, um allen Interessierten einen Platz zu bieten, ist auch die Hauptprobe am Mittwoch öffentlich. Von der stammt dieser Bericht, bei dessen Erscheinen aber auch die Premiere am Samstag und die Kindervorstellung am Sonntag schon Geschichte sind.

Bereits zum 24. Mal leitet dieses Jahr Dirigent Willy Weibel die Unterhaltung. Es ist aber seine letzte, denn der Balterswiler übergibt den Taktstock an einen jüngeren Kollegen. Zu seinem Abschied liess er sich etwas Besonderes einfallen. Die acht ältesten Sänger im Chor durften das Liederprogramm zusammenstellen. Dabei entstand eine bunte Mischung aus traditionellen Liedern und moderneren Stücken.

Noch vor der Begrüssung durch Vereinspräsident Roland Bosshard eröffneten die rund 30 Männer die Unterhaltung mit dem Lied «Kamerade», auf das eine Chorversion von Polo Hofers «Blueme» folgte. Der jüngste Senior ist Fredel Gibel, der bereits 1972 in den Chor eintrat und sich «Eusers Täli» wünschte. Eine Hommage an das Neubrunnertal. Vor einige Probleme stellte Alois Schwager seine Sängerkameraden. Bei «Müe mit de Chüe» aus der Feder des Berner Mundartrockers Trauffer hatten sie anfänglich Mühe mit den Tönen, was vom Publikum aber mit Erheiterung quittiert wurde. Ansonsten wirkten die Männer sattelfest und stimmsicher.

Schon fast eine Legende ist Ernst Stahel. Er singt seit 49 Jahren, war in dieser langen Zeit auch Kassier und Präsident und bereitet jeweils das Schulzimmer für die wöchentlichen Proben vor. Zudem gehört er seit Jahren zur Theatergruppe. Sein Wunsch «Alte Kameraden» passte sehr gut zu diesem Abend. Werner Thalmann weiss nicht mehr so genau, seit wann er dabei ist. Vielleicht 1997? Er ist der Jodler im Verein. «Wenn er jodelt, sind wir zweitrangig», lobte Willy Weibel. Sein Wunsch «Schwer mit den Schätzen des Orients beladen» war dennoch eher ein Seemannslied als ein Jodel.

Schon fast Inventar

Ernst Mayer aus Bichelsee nahm sich eine Auszeit, durfte sich dennoch etwas wünschen. Er lauschte im erfreulich zahlreichen Publikum dem melancholischen «Die Rose», bekannt im englischen Original «The Rose» von Bette Midler. Ebenfalls aus Bichelsee kommt Werner Wettstein, mit Jahrgang 1944 einer der älteren Senioren. Er sei früher oft zu Berg gegangen, begründete er seinen Wunsch «Erinnerung». Der Dirigent liess sich zur Feststellung verleiten, Singen sei eben auch gesundheitsfördernd.

Ein besonderer Applaus wurde Willi Lüscher mit Jahrgang 1938 zuteil. Der Mann aus Oberhofen ist seit 61 Jahren (!) Mitglied, spielte früher selbst im Theater mit, war 20 Jahre lang Präsident und zeichnete manches Jahr für die Tombola verantwortlich. «Mein Vater schickte mich als Jüngling in einen Verein. Im Turnen war ich eine ‹Eichel›. Da blieb nur der Männerchor», begründete Lüscher seinen frühen Eintritt. Nun gehört er fast zum Inventar des 1922 gegründeten Vereins. «Grün, Silber und Gold» hiess sein Wunsch.

Als «Supersenior» bezeichnete der Dirigent Ruedi Vogelsang. Der singt zwar «erst» seit gut 20 Jahren im Männerchor Neubrunn, wird aber dieses Jahr 84-jährig. Vogelsang stellte seinen Mitsängern eine knifflige Aufgabe. «Wenn die Sonne erwacht in den Bergen» besteht lediglich aus einer (deutschen) Strophe. Diese gibt es zusätzlich in Englisch und Französisch, zwei den Sängern nicht gerade geläufigen Sprachen. Aber wer einen «Chinesenmarsch» singen kann, meistert auch diese Klippen – irgendwie.

Albert Camenzind ist zwar noch kein Senior, hatte aber trotzdem einen Wunsch offen. Er entschied sich für «Ei Mädchen vom Land». In weiser Voraussicht hatte der Männerchor auch eine Zugabe eingeübt. Die wurde selbstverständlich gefordert. Die Sänger beendeten ihr Programm mit «Als Freunde». Präsident Roland Bosshard verabschiedete sich erwartungsvoll mit «Ich hoffe, Sie dort unten hatten so viel Spass wie wir da oben auf der Bühne.» Dem war wohl so.

Verwirrung in der Familie

«Kann ein König frühpensioniert werden?», fragt ein Sohn seinen Vater. Der ist allerdings nicht König, er heisst nur so. Alfons König (gespielt von Ueli Oberholzer) ist ein sportlicher Beamter Mitte 50, der es sich zum Ziel gesetzt hat, vorzeitig in Pension zu gehen. Um dies zu erreichen, muss er jedoch gesundheitlich angeschlagen sein. Also liegt er fast den ganzen Tag auf der Couch und mimt den Kranken. Denn jederzeit könnte jemand auftauchen, um ihn zu kontrollieren.

Seine Frau Helga (Andrea Hegglin), seine Tochter Judy (Martina Lüscher) und sein Sohn Felix (Christoph Sprecher) ergeben sich dem Schicksal. Aber Alfons König findet, Kranksein sei das gute Recht jedes Beamten, jedes Arbeitnehmers. Im gleichen Haushalt lebt Königs Mutter Julia (Hanni Büchi), auf die «Supermärkte eine grosse Fasnachzion (oder wie das heisst) ausüben». Sie stellt sich auf den Standpunkt «nehmen ist seliger denn geben» und bringt ihren Familienangehörigen immer wieder Dinge mit, die diese absolut nicht benötigen.

Während alle Familienmitglieder unterwegs sind, erhält König Besuch von seinem alten Freund Karl Pankraz (Ernst Stahel). Und einen Anruf von einer gewissen Margot. Nach kurzer Beratung erklärt sich Pankraz bereit, seinen Kumpel zu vertreten, damit dieser Margot aufsuchen kann. Nun wird er vom Schicksal arg gebeutelt. Zuerst taucht das freizügig gekleidete Strassenmädchen Kiki auf (Jessica Zahner), die Freundin von Felix. Sie drängt sich dem vermeintlichen Alois König förmlich auf und kann von Pankraz nur schwer abgewimmelt werden. Doch damit nicht genug. Plötzlich steht die Ärztin mit dem seltsamen Namen Wiegats (Greth Lüscher) in der Wohnung. Sie lässt sich nicht davon abbringen, den Patienten genau zu untersuchen.

Früher als erwartet kommt Helga zurück und lästert bei dem unter der Decke schnarchenden Mann über Pankraz. Als sich dieser zu erkennen gibt, gesteht sie ihm, dass sie ihn sehr gut mag. Er erwidert die Gefühle, doch ihre Schmuserei wird gestört. Alois kommt zurück und treibt die beiden auseinander. Von nun an redet er kaum noch mit seiner Frau.

Die Probleme häufen sich: Ehekrise, kleptomanische Mutter und die Ungewissheit, unerwartet kontrolliert zu werden. Für Szenenapplaus sorgt Hanni Büchi als zahnlose Mutter. Die Kinder haben ihr Gebiss versteckt, damit sie nicht mehr ins Einkaufszentrum kann. Später wird Julia König von den Enkelkindern durch einen fingierten Überfall mit Fesselung und Knebelung daran gehindert, auf Diebestour zu gehen. Sie wird dann vom korrekten Beamten Jakob Stiefel (Hansruedi Furrer) befreit, der eigentlich den Möchtegern-Frührentner kontrollieren will. Zwischen Stiefel und Judy funkt es, allerdings nicht ohne Schwierigkeiten.

Die Stimmung schlägt um

Helga ihrerseits klärt Felix und Judy darüber auf, dass sie durch den Vater seit längerem betrogen wird: «So ist euer Vater. Zu krank für die Arbeit, aber gesund genug für Sex.» Doch die Stimmung ändert bald. Die Ärztin kommt mit dem Resultat ihrer Untersuchung und verkündet, König werde den nächsten Sommer nicht mehr erleben. Von da an sind alle ganz nett zu Alois König. Der selbst erkennt: «Man hat mich zu Tode geschont.» Und er würde zum halben Zahltag arbeiten und kiloweise Überstunden machen, wenn er dafür wieder gesund würde.

Die Chance dazu erhält er schneller als erwartet. Die schlechten Werte, die auf eine tödliche Krankheit hindeuten, stammen ja nicht von ihm, sondern von Karl Pankraz. Oder vielleicht auch nicht? Der gesteht nämlich, dass er der Ärztin Urin- und Stuhlproben aus einem Labor zukommen liess. Wie praktisch immer in solchen Theatern gibt es also auch bei «De Früehräntner», einem Schwank in drei Akten von Roman Alexander (Mundartbearbeitung von Carl und Silvia Hirrlinger), ein Happyend. Die Theatergruppe erhielt für ihre gekonnte Darbietung den verdienten Applaus. Der galt auch den Leuten «hinter der Kulisse»: Hans-Ruedi Büchi (Regie und Requisiten), Raymonde Büchi (Souffleuse), Christoph Schenk (Requisiten) sowie Maria Zeppetella und Nathalie Stahel (Maske).

Fazit: Eine A-cappella-Gruppe anstelle eines «nicht mehr gerade zeitgemässen» Schwankes mag für die Unterhaltung der Harmonie Bauma («Der Tößthaler» vom 31. Januar 2017) eine gute Alternative sein. Eine Unterhaltung des Männerchors Neubrunn ohne Theater – die LaiendarstellerInnen stammen übrigens alle aus dem Neubrunnertal – kann man sich aber kaum vorstellen. Angesichts des Publikums-aufmarsches könnte man sich fragen, ob die Grosshalle Tösstal vielleicht ein Alternative wäre. Aber der Charme des nostalgischen «Krone»-Saals würde fehlen, die besondere Atmosphäre, welche auf kleinem Raum herrscht, ginge verloren. Wer sie dieses Jahr noch geniessen will, hat noch dreimal Gelegenheit dazu, nämlich am Samstag, 11., Freitag, 17. und Samstag, 18. Februar (jeweils 20 Uhr).

Albert Büchi
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