Die Vorzüge der Langlebigkeitsgesellschaft

Interessiert folgt das Publikum den Ausführungen von Professor Gross (Foto: tb)

Die Alterskommission Schlatt hat zu einem Vortrag zum Thema Älterwerden eingeladen. Dazu hat sie mit dem Soziologen und Buchautoren Dr. rer. pol. Peter Gross einen kompetenten Referenten verpflichten können.

Dass das Thema Älterwerden auf Interesse stösst, zeigte die rege Beteiligung an einem Referat des Soziologen und Buchautoren Dr. rer. pol. Peter Gross. So füllte sich der herbstlich geschmückte Gemeindesaal mit nahezu 40 interessierten ZuhörerInnen aus der Gemeinde Schlatt, aber auch aus der näheren Umgebung. Pfarrer Kurt Gautschi begrüsste die Anwesenden und stellte Professor Gross als Mann vor, der sich für eine positive Betrachtung des Älterwerdens oder – wie dieser es nennt – der Langlebigkeit einsetzt. Seine Gedanken hat er in seinen beiden Büchern «Wir werden älter. Vielen Dank. Aber wozu?» und «Glücksfall Alter» beschrieben.

In seiner Einleitung schildert Professor Gross, wie er bei einem Rundgang durch Schlatt alte und neue Bauten im Einklang gesehen hat, wobei es ihm vor allem das historische Pfarrhaus angetan hat und er es am liebsten als Alters-WG übernehmen würde. «Was wäre Schlatt ohne alte Substanz, was wäre ein Dorf ohne alte Bevölkerung?», wirft er in die Runde und gibt sogleich die Antwort, dass eine gesunde Mischung von Jung und Alt zur Beruhigung führe. Heute spreche man nur über die negativen Seiten des Alters und nicht über die Vorzüge der Langlebigkeitsgesellschaft, wie die AHV-Debatte in Bern zeige.

Längere Lebenserwartung ist ein Segen

Die Lebenserwartung der heutigen Generation ist in den letzten Jahren um 30 Jahre gewachsen. Damit gewinnt man Lebenszeit und kann auf ein erfülltes Dasein zurückblicken, was in Gesellschaften mit niedriger Lebenserwartung, wie etwa Afghanistan, nicht möglich ist, weil die Leute mit 40/50 Jahren jäh aus dem Leben gerissen werden. Professor Gross spricht von einer verdichteten «Hochhaus- oder Hochstammgesellschaft» und meint damit, dass heute bis zu vier Generationen kurzzeitig zusammenleben. Dazu kommt, dass weniger Kinder die Zuneigung der Eltern, Grosseltern oder Urgrosseltern teilen müssen und sie so gegenseitig eine intensivere Beziehung pflegen können. Dazu passt die Aussage: «Die Sorgen mit meinen Kindern hören erst auf, wenn sie auch im Altersheim sind.»

Einseitige Rentendiskussion

In der Rentendiskussion wird nur über die materielle Vorsorge diskutiert und die Behauptung aufgestellt, dass die Alten eine Last für die Jungen seien. Dabei zahlen alle Erwerbstätigen (nicht nur die Jungen) Beiträge für die AHV. Mit ihren Steuern unterstützt auch die AHV-Generation den Staat bei den vielen Aufgaben, wie etwa in der Ausbildung, die nicht zuletzt auch den Jungen zugutekommen. Zudem wurde die heutige Wohlstandsgesellschaft von den Alten geschaffen und nicht von den Jungen. Nicht vergessen darf man, dass viele Pensionierte sich ehrenamtlich einsetzen und die Gesellschaft so tatkräftig unterstützen und finanziell entlasten.

Professor Gross plädiert für eine Aufhebung der Pensionierungsgrenze, was einer liberalen Gesellschaftsform eher gerecht würde. Anstatt vom «Inländervorteil» spricht er provokativ vom «Pensioniertenvorteil» und meint damit – in Anlehnung an Angela Merkels Flüchtlingspolitik – eine Willkommenskultur für die ältere Generation, wo die Wirtschaft entsprechende Voraussetzungen schaffen müsste. Das heisst auch «endogene Immigration», bei der für arbeitswillige Alte adäquate Stellen möglich sein sollten, etwa im Sicherheitsdienst, Grenz- oder Ordnungswesen.

Mit zunehmendem Alter nimmt auch die physische Kraft ab und damit die Bereitschaft zur gewalttätigen Auseinandersetzung, was der Befriedung der Gesellschaft förderlich ist. Andere Fähigkeiten kommen zur Geltung wie etwa schreiben, Vorträge halten, musizieren oder sich künstlerisch betätigen. Nicht zuletzt sind die grossen Werke der klassischen Musik sogenannte Alterswerke. Als Modell für die Zukunft sieht Professor Gross eine Fifty-fifty-Gesellschaft, je hälftig bestehend aus unter und über 50-jährigen. Mit der Zunahme der Langlebigkeitsgesellschaft würde der Druck auf die hektische, hyperventilierende Leistungsgesellschaft vermindert. In seinem Schlussvotum beteuert Professor Gross, dass es ihm nicht um Rezepte und Ratschläge gehe, sondern um eine klimatische Verbesserung in der Rentendiskussion. Man soll nicht mehr von einem «Alterstsunami» sprechen, sondern das Alter als «lebensspenden Strom» betrachten.

Professor Gross verstand es ausgezeichnet, das Publikum mit seinem Vortrag, der immer wieder gespickt von Humor und persönlichen Bemerkungen war, in den Bann zu ziehen. Dafür erntete er grossen Applaus und so war es nicht verwunderlich, dass beim anschliessenden Kuchen und Kaffee rege weiterdiskutiert wurde.