Die Sache mit dem Hasen

Ich möchte heute nicht über das ungeschriebene Gesetz des Schlechtwetters zu Ostern schreiben und mich darüber ärgern. Viel lieber möchte ich mit Ihnen eine Geschichte teilen, die mein Herz berührt hat, weil sie gefüllt ist mit Leben und Ehrlichkeit. Ganz ohne Schoggi.

Es geht um ein Gespräch, das ich vor ein paar Jahren an Ostern mit einer meiner Töchter führte. Damals begannen wir, immer am Ostersonntag mit vollem Einsatz an der Osterhasensuche von Radio Top mitzumachen. Wir fuhren mit dem Auto zu den angegebenen Hasenstandorten und liefen manchmal stundenlang umher, in der Hoffnung, einen Schoggihasen zu finden. Natürlich dehnte ich absichtlich die Suche aus, damit wir uns dazu noch genügend bewegten und an der frischen Luft befanden. Da wir keinen Garten oder Sitzplatz haben und ich die Hasensuche in der Wohnung etwas befremdend finde, habe ich mich damals für diese Art der Suche mit meinen Kindern entschieden. So kam es während einer ausgedehnten Hasensuche zu einem ehrlichen Gespräch mit meiner aufmerksamen Tochter. «Mami, woher wüssed die vom Radio eigentlich, wo dä Oschterhaas d‘Sache versteckt hät?»

Ups… Da war er, der Moment der Wahrheit. Nachdem ich mich zuerst mit spontanen Erklärungen rausreden wollte, blieb mir, der Hartnäckigkeit meiner Tochter zu verdanken, nichts anderes mehr übrig, als ihr schonungslos zu erklären, wo der Hase hockt. Stumm lief sie lange neben mir und ich dachte, ich hätte das gut hinbekommen und das Thema wäre mitsamt der Schoggi gegessen. Denkste! Wieder zu Hause, holte sie dann tief Luft und sah mich enttäuscht und vorwurfsvoll an.

Die Wahrheit über Osterhase, Zahnfee, Samichlaus und Christkind entsetzte sie aber gar nicht so stark wie erwartet. Sie habe dies irgendwie schon gedacht, sagte sie. Viel schlimmer war ihre Enttäuschung über mich. Traurig hielt sie mir einen Vortrag darüber, dass es unfair sei, von Kindern zu erwarten, dass sie nicht lügen, um es dann selber zu tun. «Warum lüügsch du mich jahrelang aa?» fragte sie mich immer wieder ungläubig und konnte nicht verstehen, weshalb ich das getan hatte.

Ehrlich gesagt, konnte ich nichts gegen ihre Standpauke sagen. Wo sie recht hat, hat sie recht. Ihr Entsetzen war gross und ich fragte mich, ob ich mir deswegen ein Gewissen machen muss. Niemals hatte ich mir Gedanken darüber gemacht, dass ich mit der Zahnfee und ihren Kollegen eine solche Enttäuschung provozieren könnte. Für mich als Mutter war es einfach klar, dass ich die Tradition dieser Freudenbringer weitergeben wollte. Nein, war also meine klare Antwort an mich selbst. Denn ich habe meinen Kindern mit den gängigen «Lügen» glänzende Augen geschenkt.

Die Freude darüber, dass die Zahnfee vorbei gekommen ist, hat meine Kinder immer strahlen lassen und so manchen Morgen mit Freude und Stolz gefüllt, wenn der ausgefallene Zahn über Nacht durch einen Batzen ersetzt worden war.  Die Möglichkeit, bei der Eiersuche vielleicht noch den Osterhasen zu sehen, liess die Herzen meiner Kinder – und meines – höher schlagen. Weihnachten bekam den ganz besonderen Zauber nur durch die Mithilfe vom Chrischtchindli und die Angst vor dem Samichlaus konnte auch unter dem Jahr helfen, dass meine Kinder plötzlich ganz brav wurden, freiwillig den Nuggi weglegten oder volle drei Minuten die Zähne putzten. Es gibt meiner Ansicht nach also Schlimmeres. Im Prinzip finde ich deshalb, dass ich nicht gelogen, sondern einfach die Wahrheit verschwiegen hatte.

Dennoch bin ich einig mit meiner Tochter, dass Lügen nicht schön ist. Das Lügen, das nichts mit Osterhasen und Christkindern zu tun hat. Ich finde, dass lügen schrecklich ist. Nicht einmal unbedingt für den Belogenen (wenn er es denn nicht merkt) sondern für sich selbst. Immer grösser werden die Lügengebilde. Eine Lüge zieht viele weitere Lügen mit sich, damit niemand merkt, dass der eine Punkt gelogen war. Das ist mir zu stressig. Gar nicht schön für beide Seiten ist, wenn sich eine Lüge den Weg ans Licht verschafft. Solche Situationen sind peinlich und enden oftmals in Rechtfertigungen, die wieder irgendwelche Unwahrheiten beinhalten, damit man wenigstens «äs bitzli» besser dasteht.

Die schlimmste Form der Lüge ist für mich aber die Zwischenmenschliche. Die Lüge, die nicht ausgesprochen sondern gelebt wird. Das Zusammensein mit Menschen, mit denen man sich eigentlich auseinandergelebt hat, dies aber aus Angst vor den Konsequenzen lange unterdrückt und sich und sein Herz dabei belügt. Zeit, die man in etwas investiert, das sinnlos ist, weil es nicht mehr lebt, nicht mehr lebendig ist. Der Osterhase für Erwachsene, könnte man sagen. Man sucht im Gegenüber nach Verborgenem, gibt die Hoffnung auf eine Überraschung nicht auf. Diese Lüge zu erkennen ist für mich das Schwierigste und Schmerzhafteste. Ich glaube, das Einzige das hilft, ist das Erkennen, dass es auch diesen Osterhasen nicht gibt und sich zu verabschieden vom Wunschdenken.

Auch für meine Tochter war die Wahrheit über Samichlaus und seine Gefährten nicht schön und mit Abschied verbunden. Aber die Augen glänzen immer noch. Die Freude im Herzen ist zum Glück nicht von einer fiktiven Gestalt abhängig, schon gar nicht, wenn man grösser wird und die Kinderschuhe langsam zu drücken beginnen.

Aber ich schwöre Ihnen, wir hätten ihn – und das ist nicht gelogen – auch dieses Jahr beinahe gesehen, den Osterhasen, der uns ein Lächeln auf die Lippen zaubert, weil wir uns mit einem wissenden Blick geheimnisvoll über ihn unterhalten können.