Die Religion lässt die Tibeter viel Ungemach ertragen

Manuel Bauer (l.) hat kaum Zeit sein Buch zu signieren, er erklärt den Gästen eine Sachlage (Foto: rg)

 

Der Fotojournalist Manuel Bauer servierte am Freitagabend mit dem Bildervortrag «Flucht aus Tibet» in Turbenthal keine leichte Kost. Die Dokumentationen über den Dalai Lama, Berichte von geflüchteten Tibetern und die Flucht, die er selber miterlebte, berührten. 

Die reformierten Kirchen Turbenthal und Wila luden am Freitagabend zu einer «Treff-PUNKT»-Veranstaltung ein, in deren Zentrum jeweils Begegnungen mit anderen Menschen und Kulturen stehen. Da das Tibet-Institut in Rikon dieses Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert, bot sich ein Anlass über diese Kultur an. Mit einem finanziellen Beitrag leistete die Kulturkommission Turbenthal Unterstützung, Austragungsort wäre die Kirche gewesen. Doch, wie die Kirchenpflegerin Ruth Hegner in der Begrüssung erklärte, war es zu hell für den Bildervortrag, weshalb man in den Chiletreff auswich. Hier füllte sich der Raum bis zum letzten Platz, im Publikum waren mehrere Tibeter auszumachen. 

Fotojournalist und profunder Tibet-Kenner

Manuel Bauer entführte zuerst in die Geschichte des einst freien und glücklichen Landes Tibet, dessen Volk, getragen von der Religion, intakt im Jahreslauf lebte. Doch als Mao Zedong im Jahre 1949 in China an die Macht kam, rief er als eine der ersten Amtshandlungen den Einmarsch nach Tibet aus. Um dem drohenden Tod zu entgehen, verliess der Dalai Lama 1959 sein Land und lebt seither im Exil. Viele im Volk taten es ihm gleich; drei dieser Menschen konnten zu Beginn des Abends auf der Leinwand von ihren Erlebnissen erzählen. Später wagte ein Vater mit seiner Tochter die Flucht über den Himalaja. Mit dabei war Manuel Bauer, der danach ein Fotobuch erstellte, schriftlich ergänzt durch seine Tagebucheintragungen. Diese «Flucht aus Tibet» gibt es zudem als Bildervortrag, der im zweiten Teil des Abends zu sehen war. 

Der in Winterthur wohnhafte Manuel Bauer beschäftigt sich seit 1988 mit dem Thema Tibet. Damit die Allgemeinheit die schlimme Situation dort begreifen kann, entschied er sich, für eine Dokumentation in das Hochland im Einzugsgebiet Chinas zu gehen. «Aber ich wusste, dass ich nicht einfach einreisen und fotografieren kann», erklärte er. 1995 gelang ihm das schier Unmögliche. Manuel Bauer – er mag sich selber nicht in den Mittelpunkt stellen – liess Einzelheiten dazu aus. Eine Rolle spielte dabei wohl die Kulturzeitschrift «DU», für die er eine ein ganzes Heft umfassende Reportage über Tibet machen konnte.    

 «Wenn man in ein Land wie Tibet geht, muss man sein Ego herunterfahren», erklärte Bauer. Man müsse sich unsichtbar machen, weil man nicht wisse, wie man überwacht werde. Ein paar diskrete, versteckte Aufnahmen von den herrschenden Zuständen konnte er dennoch machen. Nicht umsetzen konnte er die Idee, eine Flucht in einer Gruppe zu machen. Hingegen anerbot sich die Gelegenheit, einen Vater, der alleine mit seiner sechsjährigen Tochter nach Indien fliehen wollte, zu begleiten. «Es dauerte einen Monat, bis ich diesem Experiment zustimmen konnte», blickte er zurück.   

Um Tibeterin zu bleiben, muss das Mädchen Tibet verlassen

Dem Wunsch der Eltern entsprechend sollte das Mädchen nicht weiter unter der chinesischen Besetzung leiden, weshalb der Vater sie über den Himalaja ins Exil zu bringen wollte. Dazu sagte Manuel Bauer: «Um Tibeterin zu bleiben, musste sie Tibet verlassen». Im Frühjahr 1995 gelangten Vater und Tochter in Begleitung des Schweizers in einem Lastwagen zum Himalaja. Diese höchste Bergkette musste nun überquert werden, um nach Indien zu gelangen. Eindrückliche Bilder zeigen die als Pilger getarnten Flüchtlinge, schutzlos auf dem Weg. Mal wird das Kind getragen, mal muss ein Fluss überquert werden. Weit über zehn Stunden pro Tag gehen sie unter extremen Höhenbedingungen. Sie trotzten Eis und Schnee, hatten kein Essen, fürchteten Kontrollen. Der Vater und er seien in dieser langen Reise zu Freunden geworden, führte Bauer aus. In Indien konnte der Reporter das Kind in die Obhut der Schwester des Dalai Lama geben. Sie lebt immer noch in diesem Land, Manuel Bauer trifft die inzwischen junge Frau hin und wieder. Es gehe ihr gut. 

Dem Volk dienen

Im Wissen, was der unschuldigen, tibetischen Bevölkerung angetan wird, brach Manuel Bauer während seiner Erzählungen mehrmals die Stimme. Doch er kennt auch den starken Willen der Tibeter: «Flucht bedeutet nicht, das eigene Leben zu retten, sondern dem Volk zu dienen». Bevor der Referent nach dem eindrücklichen Gesamtvortrag dazu übergehen konnte, sein Buch zu signieren, dankte ihm die Kirchgemeindepräsidentin Erna Brüngger mit einem Bettmümpfeli, das ihn noch eine Weile angenehm an Turbenthal erinnern wird.