Die Macht der Pfaffen ist Vergangenheit

Historiker Wolfgang Wahl während seiner Ansprache, daneben stehen Gemeindepräsident Georg Brunner und die Szenografin Melanie Mock (Foto: rl)

Am Samstagnachmittag wurde die Wanderausstellung «Sitte und Seelenheil» im Chiletreff in Turbenthal eröffnet. Sie handelt von der gewaltigen Macht, welche die Kirche im Tösstal jahrhundertelang über alle Lebensbereiche der Menschen ausgeübt hatte.

Der Gemeindepräsident von Turbenthal, Georg Brunner (FDP), der zugleich die Kulturkommission Turbenthal präsidiert, eröffnete die Ausstellung als erster von fünf Rednerlnnen mit einer kurzen Ansprache. Die Kirchengemeindepräsidentin, Erna Brüngger, der Historiker Wolfgang Wahl, die Szenografin Melanie Mock, und Silvia Bosshard von der Ortsmuseumsdirektion Wila, richteten daraufhin ebenso einige Worte an das – eher spärlich vorhandene – Publikum.

Wahl bedankte sich in seiner Ansprache bei den Gemeinden und den Ortsmuseen Wila und Turbenthal für deren Unterstützung der Ausstellung und gab den Anwesenden einen ersten Vorgeschmack auf das, was einen an der Wanderausstellung erwartet. «Ziit zum recht tue», habe sein Schwiegervater, ein Enkel von Guyer-Zeller, oft gesagt, und genau das «Rechte» zu tun, war während der Zeit, als die Kirche im Tösstal so mächtig war, von entscheidender Bedeutung. Denn wer nicht das «Rech-te» tat, der oder die wurde seit 1636 abgekanzelt und musste während dem Gottesdienst unter der Kanzel stehen mit einem schmückenden Gegenstand, sodass die ganze Gemeinschaft von der Schandtat wusste, auf die der Pfarrer während der Liturgie auch noch hinwies. Ein solches Beispiel schilderte Olga Meyer in ihrem Buch «Gesprengte Fesseln», aus dem Silvia Bosshard vorlas.

Schmaler Grat zwischen «Heiden» und «Heiligen»

Die sozialgeschichtliche Exposition zeigte sich schlicht und leichtfüssig und sehr überschaubar. Zu sehen bekamen die Anwesenden einen Hebammenkoffer, ein Hochzeitskleid, frühere Gesangbücher der evangelisch-reformierten Kirche Zürich, ein Psalmenbuch von 1820 sowie eine Kirchenbank, neben weiteren historischen Gegenständen. Zuerst sind der Besucherin und dem Besucher womöglich der halbtransparente Tüllvorhang, der sich durch den relativ kleinen Raum im Chiletreff zog und diesen in ein Innen und Aussen spalten sollte, aufgefallen. Am Boden waren Töpfe, die auf beiden Seiten der Vorhänge standen, zu sehen. Diese konnten als Menschen, die unterschiedliche Bedürfnisse und Charakterzüge aufweisen, interpretiert werden. Im Vordergrund sollte der Vorhang allerdings auf die willkürliche Grenze, welche durch die Herrschaft der Ecclesia gezogen wurde, aufmerksam machen und diese symbolisch darstellen, wie Mock in ihrer Ansprache erklärte. Die einen sind drinnen, die anderen sind draussen und gehören nicht der Gemeinschaft an. Diese Tragik, die nach der Reformation im Tösstal vorherrschte, welche – zugespitzt formuliert – zwischen dem Heiden und dem Heiligen eine strikte Linie zog, sollte hier aufzeigt werden.

Auf schmalen Holzlatten, die auf Zementsteinen standen, konnten die Besucherlnnen an Bildtafeln vorbeigehen und unterschiedliche historische Informationen aufsaugen. So durfte man erfahren, dass die Kirche Turbenthal aus dem Frühmittelalter stammt und nicht nur Dorf, sondern ebenfalls Adelskirche war, die Kirche Sitzberg allerdings bis 1847 auf sich warten lassen musste. Auch die Schule, die bis in die 30er-Jahre des 19. Jahrhunderts unter der Kontrolle der Kirche stand, die mit dem Monopol auf die «richtige» Sicht auf die Welt ausgestattet war, durfte nicht fehlen. Genauso wenig die Schilderungen zu Kasualien – wie Geburt, Taufe, Hochzeit und Tod – und zur Reformation, die nach und nach die Landbevölkerung im Tösstal erreichte, welche sich den Sittenwächtern während der Zeit des Stillstands zu unterwerfen hatte und Repressionen ausgesetzt war.

Zwei Sichten auf die Welt

Dem Historiker, Bibliothekar und Teilzeit-Lehrer Wolfgang Wahl, der Archivbeauftragter in der Kulturkommission Zürcher Oberland ist, kam die Aufgabe zu, die historischen Informationen zu liefern. Da er in seiner Rede von der einst riesigen Macht der Kirche gesprochen hatte und die Schule erwähnte, wo der Katechismus gelernt wurde, also das Auswendiglernen von Bibelsprüchen, wollten wir von ihm wissen, ob nicht auch heute die Schülerinnen und Schüler verpflichtet sind, die herrschende Kultur zu inhalieren und sich dem staatlichen Schulsystem zu unterwerfen haben. Also möglicherweise nicht in erster Linie eigenständiges, kritisches Denken, sondern vielfach das Auswendiglernen im Vordergrund stehe? Wahl liess uns wissen, dass dies in der heutigen Schweizerischen Gesellschaft nicht mehr der Fall sei. Indoktrination, wie sie zur Zeit der Ecclesia vorherrschte, sei heute passé.

Dass sieht Mock, die junge Szenografin, die für die Gestaltung der Ausstellung verantwortlich ist, anders. Die Kirche ist weg, das heisst für sie jedoch nicht, dass die Machtstrukturen, die unser Denken und Handeln beherrschen, weggefallen sind – das Stichwort, das sie einwarf, heisst Kapitalismus. Möglicherweise hat sich die einstige Macht der Kirchen heute verwandelt in eine Macht, die weniger sichtbar ist und subtiler funktioniert. Dass es allerdings weiterhin Ein- und Ausgrenzung gibt, ist für sie evident. Heute würden wir in einer Leistungsgesellschaft leben, diese inkludiere und exkludiere genauso, wer die Leistung nicht erbringt, der läuft Gefahr ein Ausgeschlossener zu werden, erläuterte Mock.

Ausstellung wandert weiter

Kritisch bemerken könnte man, dass der Bezug zur Schweizer- und Weltgeschichte in der Wanderausstellung ein wenig zu kurz gekommen ist. Obgleich die regionale und kantonale Geschichte zu Recht im Vordergrund stand, ist diese schliesslich niemals von den grösseren Welthistorischen Ereignissen zu trennen. Nichtsdestotrotz, «Sitte und Seelenheil» ist für alle empfehlenswert, da aus der Geschichte stets gelernt werden kann und die Geschichte auch immer gewisse Spuren in die Gegenwart trägt. Nicht zu Unrecht wird gesagt, dass man wissen sollte, woher man kommt, um zu wissen, wohin man geht.

Die Kosten der Exposition, die bis am Sonntag im Chiletreff in Turbenthal zu sehen war, beliefen sich auf rund 8000 Franken. Von Oktober bis Januar wird die Ausstellung im Ortsmuseum in Wila vorzufinden sein, bevor sie im Februar 2018 im Altersheim «Spiegel» in Rikon beherbergt ist.

BEGRIFFSERKLÄRUNGEN
Stillstand: Die Zeit von 1530 bis 1831, als die Gemeinde-Regierung in der Zürcher Landschaft stets als verlängerter Arm der Regierung in der Stadt Zürich diente, wird Stillstand genannt.

Ecclesia: Hiermit ist die Kirche als geistliche Gemeinschaft gemeint.

 

Rafael Lutz