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Die Kirche hoch über dem Dorf

Walter Fankhauser erklärt die Grundrisse der Kirche im Laufe der Jahrhunderte (Foto: pk)

Bis weit ins Tösstal hinauf zieht sie die Blicke auf sich – die weisse Kirche von Wila. Am Samstag, 24. April fesselte Walter Fankhauser im Rahmen vom TreffPUNKT die Zuhörerinnen und Zuhörer mit der interessanten, langjährigen Geschichte.

Der ehemalige Lehrer Walter Fankhauser hatte während vielen Jahren das Amt eines Kirchenpflegers inne und stand auch während 24 Jahren dieser Behörde als Präsident vor. Mit viel Engagement und Ausdauer hat er sich seit 1958 mit der Geschichte von Wila und der Kirche beschäftigt. Bei seinen Recherchen ist er immer wieder auf widersprüchliche Aussagen über das Alter und die historischen Erkenntnisse gestossen. Auch interessierte Menschen, die im Gegensatz zur Denkmalpflege andere Schlussfolgerungen präsentierten, machten die Suche nach dem genauen Ursprung der Kirche schwierig. Es gibt sehr viele verschiedene Namen, die diesem Ort zu geordnet werden können. In mehreren Dokumenten taucht der Name Wila oder Wiler auf, zuerst im Jahre 1275. Im Zuge einer Steuererhebung für einen Kreuzzug steht der Ortsname Wiler in einer Liste zwischen Elgg und Turbenthal. Man nimmt an, dass Wila zu jener Zeit eine Pfarrei hatte und Turbenthal als Amtssitz eine Pfründe besass. Es gab immer wieder ein Hin und Her zwischen Turbenthal und Wila.

Die Kirche in Wila (Foto: pk)

Die Kirche in Wila (Foto: pk)

Bei der Restauration der Kirche im Jahre 1978 wurden entgegen aller Erwartungen keine römischen Mauern ausgegraben, sondern Hinweise, dass hier ursprünglich eine Holzkirche gestanden hatte. Es wurden runde Verfärbungen im Boden gefunden die auf das Vorhandensein von 19 geometrisch angeordneten Holzpfosten schliessen lässt. Einige Jahre zuvor wurden auch in Wülflingen genau gleiche Pfosten gefunden, die im selben Abstand angeordnet sind. Man nimmt an, dass Wülflingen die erste Holzkirche dieser Art besass und Wila die zweite. Die Denkmalpflege hat eine Zeichnung angefertigt um darzustellen, wie man sich so eine Holzkirche vorstellen muss. Die besass noch keinen Turm. Solche Holzkirchen muss es schon im siebten Jahrhundert gegeben haben. Die Kirche in Wila muss irgendwann einmal abgebrannt sein, worauf sie mit Steinen wieder aufgebaut wurde. Doch auch an diesen Mauern fand man Brandspuren. Um das Jahr 1300 wurde die Kirche durch einen Chor mit einem Turm erweitert. Später wurde daneben eine Sakristei angebaut. Das ist ein Raum für den Pfarrer, wo die verschiedenen Geräte versorgt werden konnten. Darunter befindet sich ein weiterer Raum. Doch bis jetzt fand man nicht heraus, wozu er benützt wurde.

Bilder und Malereien

Bei der Führung in den Chor wies Walter Fankhauser auf verschiedene bedeutende Details in der Malerei hin. «Interessant ist, dass im Chor der Kirche Zell fast genau dieselben Bilder zu sehen sind. Die Ähnlichkeiten sind frappant.

Engel mit je zwei grossen Zehen (Foto: pk)

Engel mit je zwei grossen Zehen (Foto: pk)

Dies sieht man besonders am Bild des Engels», erklärte der Referent. Er machte die Zuhörenden vor allem auf die Füsse aufmerksam, die beide je zwei grosse Zehen besitzen. Die gleichen Füsse findet man auch in der Kirche Zell. So kann man mit Sicherheit annehmen, dass diese Malereien aus derselben Werkstatt stammen.

Auch dargestellt ist Maria, wie sie von zwei Engeln in den Himmel getragen wird. Die Köpfe der Betrachter, die zum Himmel hinauf schauen und die Blumen als Verzierung sind auch in Zell zu sehen. «Was es aber in Zell nicht hat, das ist Christopherus, der das Jesuskind trägt.» Nach diesen Erklärungen zeigt Walter Fankhauser auf ein Bild, das aus einer anderen Zeit stammt.

Etwa um das Jahr 1462 wurde aus der Sakristei ein zweiter Chor gebaut und gleichzeitig die Kirche erweitert, so dass sie die Grösse hatte wie heute. Ebenfalls dazu kam die Empore. In einem Dokument von 1612 ist zu lesen, dass Kirche und Turm weiss angemalt, die Uhr erneuert, die baufälligen Mauern verstärkt und neue Fenster eingesetzt wurden. Das alles zusammen kostete damals 133 Pfund 4 Schilling und 9 Heller.

Ein Rätsel gaben den Restaurateuren vier Kreise auf, die sich an den Wänden des Chors in gleicher Höhe befanden. Mehrere Leute und Experten rätselten darüber, was diese bedeuten könnten. Nachdem man zum Schluss kam, dass es Johanniterkreuze seien, klärte sich das Geheimnis später auf. In Stans fanden sich ähnliche Kreise die darauf hinwiesen, dass hier Kerzenhalter befestigt waren.

Nach den Betrachtungen der verschiedenen Gemälde, die sonst noch gefunden wurden und der Darstellung von Zwingli und Luther in den Fenstern, kam Walter Fankhauser auf die Zwistigkeiten zwischen den beiden Kirchgemeinden Wila und Turbenthal zu sprechen. Es ging um Fragen wie «welche Kirche ist die grössere» und «welche ist die ältere». Dazu wurden etwa 20 Zeugen vernommen und man nimmt an, dass die Turbenthaler gewonnen haben. Vielfach ging es auch nur ums Geld. 1416 wurde Wila unabhängig von Turbenthal. Doch Friede ist damit noch nicht eingekehrt, stand doch die Reformation kurz bevor.

Durch die darauf folgende Umstrukturierung wurden die Behörden nach Zürich zitiert und erhielten den Auftrag, alle Altäre und Götzen aus der Kirche Wila zu entfernen. Bis dahin gehörte auch Sternenberg zur Kirche Wila. Es sei vorgekommen, dass ein Täufling auf dem langen Weg zum Gottesdienst gestorben sei, oder dass ein Sarg im Winter auf dem Schlitten verloren ging. Im Jahre 1706 hat sich dann Sternenberg von Wila losgelöst. Später herrschte schlechte Stimmung, verursacht durch fremde Kirchenbesucher, die von Wildberg, Turbenthal, Sternenberg, Pfäffikon und sogar aus dem entfernten Dussnang zum Gottesdienst kamen. Durch ihr gewalttätiges Eindringen hätten sie den Leuten von Wila die Plätze strittig gemacht, steht in den Protokollen.

Über die Kirchenglocken wusste der Referent eine ganze Menge zu erzählen. Ebenso vermittelte er viel Geschichtliches über Turmuhr, Kanzel, Taufstein, Abendmahltisch, Silberbecher – welche früher aus Holz waren –, Renovation der Orgel und über die Wetterfahne auf der Turmspitze. Die umfassende Innen- und Aussenrenovation der Kirche, die von 1978 bis1980 dauerte, umfasste archäologische Grabungen und die Freilegung der im 16. Jahrhundert zerstörten Fresken. Mit grosser Sorgfalt wurden auf die historischen Daten geachtet und wenn möglich genau wieder im alten Zustand hergestellt, so dass heute in Wila eine wunderbare Kirche zu bewundern ist. Dabei ist es Walter Fankhauser gelungen, seinem Wahrspruch treu zu sein: Eine Kirche soll nicht zum Museum werden. Zum Schluss las er einen Absatz aus der Festschrift vor: «Vieles hat sich in den 1300 Jahren des Bestehens der Kirche geändert. Der Grundstein jedoch ist noch derselbe. Ein anderes Fundament kann niemand legen als das, das schon gelegt ist: Jesus Christus selbst.»