Die Ich-Gesellschaft

Bewege ich mich im öffentlichen Raum, fällt mir je länger je mehr auf, wie stark Handy, Tablet oder Laptop unser heutiges Leben bestimmen. Fahre ich, was selten genug vorkommt, wieder einmal mit dem Zug, sehe ich fast nur noch Leute, die, kaum aufgestanden, nur noch auf ihr Mobiltelefon starren. Man sieht kaum noch Leute, die ein Gespräch führen. Gerade bei der jungen Generation ist ein Leben ohne Handy kaum mehr vorstellbar. Kaum aus den Federn, müssen die diversen Konten auf Facebook, Twitter und Co. gecheckt werden. Auch die Musik ist mobil geworden, kaum noch ein Teeny ist ohne Kopfhörer unterwegs. Wenn man nicht durch zu laut geführte Telefongespräche genervt wird, kann man beim Sitznachbarn oder seinem Gegenüber deren musikalische Präferenzen mitbekommen. Kommunikation findet, wenn überhaupt, fast nur noch via Handy statt.

Die sogenannt «sozialen» Netzwerke sind heute ein Instrument der Wichtigen und Mächtigen dieser Welt. Die Diskussionen um die letzten Präsidentschaftswahlen in den USA zeigen auf, wozu diese fähig sind, beziehungsweise was ihnen zugetraut wird. Nachrichten, ob wahr oder unwahr, gehen innert Minuten um die Welt und beeinflussen deren Leser. Regierungen und nicht zu vergessen grosse Konzerne nutzen heute Facebook oder Twitter ganz gezielt, um ihre Sicht der Dinge weltweit innert kürzester Zeit zu verbreiten. Lügen oder Halbwahrheiten werden gezielt benutzt um Konkurrenten ins Abseits zu befördern oder sich selbst Vorteile zu verschaffen. Für alle diese Plattformen kann man sich «Followers», Fans und «Likes» für wenig Geld kaufen und damit seinen eigenen «Wert» erheblich steigern.

Ganz nebenbei geben wir mit der Nutzung dieser Medien freiwillig einen Grossteil unserer Privatsphäre auf. Unsere persönlichen Daten, unsere Gewohnheiten, unsere Vorlieben; mit all diesen Daten lassen sich grosse Gewinne erzielen, kann unser Verhalten schon sehr genau vorausgesagt werden, können Firmen gezielt Werbung platzieren. Was Wahr oder Unwahr ist, kann der einzelne gar nicht mehr beurteilen. Hintergrundinformationen fehlen meist, besonders, wenn, was heute im Trend ist, nur noch Gratismedien gelesen werden. Die Einflussnahme solcher Medien in das tägliche Leben hat Dimensionen angenommen, die man sich noch vor einigen Jahren nicht vorstellen konnte. Konzerne wie Google, Twitter oder Facebook machen Vermögen von unvorstellbaren Dimensionen. Diese Firmen beschäftigen hunderte Juristen und Spezialisten, um Ihre Gewinne möglichst steueroptimiert einfahren zu können. Schon heute ist die Macht dieser Firmen gross genug um Regierungen zu stürzen oder einzusetzen. Möglich sind solche Entwicklungen unter anderem auch, weil sich unser soziales Verhalten in den letzten Jahren derart stark verändert hat. Wir sind grösstenteils nicht mehr von anderen Menschen abhängig, müssen uns nicht mehr zwingend in eine Gemeinschaft einfügen, können unseren Individualismus ungehemmt pflegen ohne dass uns daraus gross Nachteile erwachsen würden. Egoismus macht sich in allen Bereichen unseres täglichen Lebens breit.

Der Lebensinhalt vieler Mitmenschen verlagert sich je länger je mehr vom Sein zum Haben. Nur wer immer die neuesten und teuersten Gadgets sein eigen nennt, gehört dazu. Der Rhythmus, mit dem die grossen Hersteller ihre neuesten Smartphones oder Tablets auf den Markt bringen, wird immer schneller. Die Leere im Leben wird ausgefüllt mit Dingen die wir eigentlich gar nicht brauchen. Geht es uns schlecht, kaufen wir etwas, von dem uns die Werbung vorgaukelt, es mache uns glücklich oder zumindest zufrieden. Nerven die Kinder, kann man sie mit etwas Geld oder einem unnützen Geschenk ruhigstellen. Verantwortung schiebt man ab oder nimmt sie gar nicht wahr. Ähnliche Tendenzen lassen sich auch in der Politik feststellen. Auch unseren Politikern fehlt es grösstenteils an Empathie und Gemeinsinn. Eigeninteresse scheint Antrieb und Motor unserer Politiker geworden zu sein. Verflechtungen mit der Wirtschaft und offensichtliche Vorteilnahme für diese werden normal und allgemein toleriert. Bewusst werden Gräben durch unsere Gesellschaft gezogen, ein immer grösser werdender Teil unserer Mitmenschen wird ausgegrenzt und im Stich gelassen.

Die finanzielle Last des Staates wird je länger je mehr von den Reichen und Superreichen auf den immer kleiner werdenden Mittelstand abgewälzt, Steuern zu optimieren oder zu vermeiden ist opportun. Wir lassen uns mit der Drohung von Arbeitsplatz- und Statusverlust zu jedem Unsinn verleiten. Vielfach sind die Vorlagen über die der Stimmbürger letztlich zu bestimmen hat derart kompliziert, dass es uns «Normalos» nicht mehr möglich ist, diese bis zur letzten Konsequenz zu durchschauen. So wird halt, wenn überhaupt, so abgestimmt, wie es die Partei, der wir uns am nächsten fühlen, empfiehlt. Oder wir lassen uns auch hier von der Werbung beeinflussen. Auch bei der bevorstehenden Abstimmung über die AHV setzen die Gegner auf unseren Egoismus, Jung wird gegen Alt ausgespielt. Es wird mit Emotionen operiert, Neid oder Angst kommt mit ins Spiel. Wir sollten uns wieder vermehrt auf die Kraft der Gemeinschaft besinnen, Gemeinsamkeiten suchen anstatt das Trennende hervor zu heben. Es ist mir klar, dass das Rad nicht mehr zurückgedreht werden kann, dass wir mit all den Neuerungen leben müssen. Aber es gibt auch Dinge, die nichts kosten und unserem Leben Inhalt und Befriedigung geben können. Familie, mitmachen in einem Verein, Mitarbeit in der Gemeinde, Verantwortung übernehmen, auch für andere.